In Syrien kommt die Stunde der Wahrheit

Es ist nun an den Garantiemächten Russland und Türkei, in Idlib ein Massaker und eine Massenflucht abzuwenden.

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Paul-Anton Krüger@pkr77

Was sich gut anhört, ist es nicht: Das Wort Deeskalationszone ist einer der übelsten Euphemismen des Krieges in Syrien. Es klingt nach einer Reduzierung der Gewalt, war aber nichts anderes als eine vom Kreml erdachte Strategie, die es der Armee von Präsident Bashar al-Assad ermöglichen sollte, ihre Kräfte jeweils an einem Schauplatz zusammenzuziehen. Mithilfe schiitischer Milizen, die von iranischen Revolutionsgardisten befehligt werden, und der Feuerkraft der russischen Luftwaffe wurden diese Zonen dann eine nach der anderen so lange bombardiert, bis die Rebellen kapitulierten.

Drei der vier Zonen hat das Regime so zurückerobert. Anfang des Jahres fiel Ost-Ghouta, danach fielen die Gebiete um Daraa und eine Rebellen-Enklave zwischen Homs und Hama. Rücksicht auf Zivilisten nahmen dabei weder Assads Truppen noch seine Unterstützer und oft auch nicht die Rebellen. Das Mass an Gewalt übertraf in Ghouta ­den Sturm auf Aleppo, die Zivilbevölkerung wurde Opfer systematischen Beschusses ihrer Wohngebiete. Rebellenkämpfer und Zivilisten, die nicht unter Assads Herrschaft leben wollten, schickte Russland nach Idlib.

Die Stadt ist nun die letzte der Deeskalationszonen. Das Schicksal der Menschen dort scheint besiegelt zu sein. Assad, der jeden Quadratzentimeter syrischen Bodens militärisch zurückerobern will, rüstet zur Grossoffensive. Tatsächlich werden auch diese Gebiete im Norden des Landes unweigerlich wieder unter die Kontrolle des Regimes kommen. Es ist allerdings nicht zwingend, dass dies nach demselben Muster geschieht wie in Aleppo oder Ghouta – das ist nicht einmal möglich.

Problem bislang auf die lange Bank geschoben

Denn es gibt kein zweites Idlib, in das Rebellen oder Zivilisten ausweichen könnten. Auswegloser macht die Lage noch, dass die militärisch dominierende Kraft dort Hayat Tahrir al-Sham ist, Nachfolgeorganisation des Ablegers des Terrornetzwerks al-Qaida in Syrien. Wenn es zur Schlacht kommt, wird sie brutal wie nichts zuvor. Es ist an den Garantiemächten Russland und der Türkei, ein Massaker und eine Massenflucht ungekannten Ausmasses abzuwenden.

Russland müsste dafür seinen Einfluss in Damaskus einsetzen: seine Luftunterstützung. Die Türkei müsste zugleich die einst in die Vereinbarungen mit Moskau einbezogenen Rebellen dazu bringen, eine Rückkehr des Regimes nach Idlib zu akzeptieren. Gemeinsam müssten sie gegen Hayat Tahrir al-Sham kämpfen. Das für Freitag geplante Gipfeltreffen von Russland und der Türkei mit dem Iran, der dritten Garantiemacht, bietet Gelegenheit zu solchen Vereinbarungen.

Russland hat ein Interesse daran, dass sich der Krieg nicht noch Jahre zieht und ein weiteres Massaker eine Aussöhnung ebenso unmöglich macht wie Unterstützung für den Wiederaufbau Syriens durch europäische Staaten. Die Türkei hat ein Interesse daran, einen neuen Ansturm von Flüchtlingen auf ihre Grenze zu vermeiden. Bislang aber haben Ankara und Moskau das Problem Idlib zugunsten taktischer Kooperation auf die lange Bank geschoben. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Und sie wird ein Omen sein für die Zukunft Syriens.

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