«Ich könnte auf offener Strasse erschossen werden»

Ein Palästinenser und ein Israeli erzählen, wie sie die Gewalt in den Strassen von Tel Aviv und Jerusalem erleben – und ob sie sich wie viele andere bewaffnen wollen.

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Der Streit um den Zugang zum Tempelberg hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Täglich begehen Palästinenser Attacken gegen Israelis, israelische Soldaten wiederum schiessen auf palästinensische Angreifer. Allein in den letzten drei Wochen wurden bei den Auseinandersetzungen, die von Beobachtern als Vorboten einer dritten Intifada angesehen werden, acht jüdische Israelis und mehr als 40 Palästinenser getötet.

Erst gestern Abend versuchte ein Mann in Jerusalem, einem Soldaten eine Waffe zu entreissen. Er wurde erschossen. Kurz zuvor überfuhr ein Palästinenser mit seinem Auto fünf israelische Soldaten im angrenzenden Gush Etzion in der Westbank. In Tel Aviv trauerten Hunderte afrikanischer Immigranten um einen Eritreer, der am Sonntag von einem Wachmann erschossen worden war, weil er fälschlicherweise für einen Terroristen gehalten worden war.

Waffen gegen Terror

Gegen mögliche Angriffe wollen sich viele Israelis mit Tränengas und Handfeuerwaffen schützen. Waffenläden verzeichneten in den letzten Wochen massiv höhere Verkäufe. «Ein solcher Betrieb herrschte hier das letzte Mal in den Siebzigerjahren», sagt ein Waffenverkäufer in Tel Aviv zur Nachrichtenagentur AFP. «Ich habe noch nie zuvor so viel Stress und Panik gesehen.»

Momentan sind rund 260'000 Israelis im Besitz eines Waffenscheins, davon 150'000 Zivilisten. Der Waffenbesitz ist zwar streng reguliert, Sicherheitsmitarbeiter und Menschen in «gefährdeten Gebieten» kommen aber relativ einfach an eine Waffe, schreibt «Vice News». Seit der Minister für Öffentliche Sicherheit kürzlich die Anforderungen für den Erwerb einer Lizenz gesenkt habe, hätten die Anträge für einen Waffenschein massiv zugenommen – fast 8000 Anträge seien allein letzten Donnerstag bei den Behörden eingegangen.

Während Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat mit einer automatischen Waffe in der östlichen Altstadt auf Patrouille geht, warnen Aktivisten vor mehr Gewalt durch Aufrüstung. «Längerfristig ist es klar, dass mehr Waffen mehr Gefahr bedeuten, nicht mehr Sicherheit», sagt die Anwältin Smadar Ben Natan von der Anti-Waffen-Lobby Gun Free Kitchen Tables zu AFP. Zivilisten dazu zu ermutigen, Handfeuerwaffen in der Öffentlichkeit zu gebrauchen, könne unbeabsichtigte Folgen haben. «Es ist nicht immer einfach zu bestimmen, ob jemand ein Terrorist ist oder nicht.»

Wie gehen die Menschen in den Städten Jerusalem und Tel Aviv damit um? Ein Palästinenser und ein Israeli erzählen von ihrem Alltag.

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