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Hunderttausenden droht der Hungertod

In mehreren afrikanischen Ländern herrscht eine verheerende Dürre. Islamistische Terroristen erschweren die humanitäre Hilfe zusätzlich.

Verheerende Dürre in Afrika: 3,2 Millionen Menschen droht bald das Hungern. (Video: Tamedia/AFP)

Bürgerkrieg, Terror, Armut: Somalia hat seit Jahren mit gravierenden Problemen zu kämpfen. Und seit ein paar Monaten kommt eine verheerende Dürre hinzu, die sich zu einer Hungerkatastrophe entwickeln könnte. «6,7 Millionen Menschen sind von der Dürre betroffen», sagt Ebrima Saidy. «Somalia steuert auf eine Hungersnot zu, etwa 3,2 Millionen Menschen droht bald das Hungern.» Saidy weiss, wovon er spricht. Denn er ist stellvertretender Länderdirektor des Hilfswerks Save the Children in Somalia.

Die Fakten sind alarmierend. Die ­Agrar- und die Viehwirtschaft geben ­immer weniger Nahrungsmittel her. Die Zahl der Kinder, die an schwerer Mangelernährung leiden, ist stark gestiegen. Krankheiten wie Cholera und Masern sind auf dem Vormarsch. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Somalias ist dringend auf Hilfe angewiesen. Es gibt bereits mehr als 700'000 Binnen­flüchtlinge, bis Ende des laufenden ­Jahres könnten es zwei Millionen sein. Und ein Teil dieser Flüchtlinge wird mög­licherweise versuchen, nach Europa zu kommen. Bei einer Hungerkatastrophe könnten in Somalia Hunderttausende Menschen zu Tode kommen, erklärt Saidy.

Eine Viertelmillion Tote

Wegen der prekären Versorgungslage ­infolge der Dürre sind bislang etwa 700 Somalier gestorben. Gemäss neusten Zahlen sind mehr als 22 000 Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht. Sehr kritisch ist die Situation auch im Südsudan und in Nigeria. Die schweizerische Glückskette hatte bereits im April zu Spenden für Afrika aufgerufen.

Dürre und Hungersnot sind nichts Neues für Somalia. Das Land am Horn von Afrika war zuletzt vor sechs Jahren dürrebedingt von einer Hungerkatastrophe heimgesucht worden. Damals starben über 260 000 Menschen wegen Hunger und Krankheit. Das derzeitige Dürreproblem ist allerdings bedrohlicher als 2011, wie Saidy betont. «Damals war der Süden von Somalia betroffen, diesmal ist es das ganze Land.» Immerhin hätten der somalische Staat, die Hilfsorganisationen und die internationale Gemeinschaft aus der letzten Hungersnot Lehren gezogen. Das Resultat: ein besseres Frühwarnsystem und ein schnelleres Krisenmanagement.

Wie Saidy erzählt, hat auch Save the Children dieses Mal rascher gehandelt als 2011. «Seit dem letzten Januar haben wir mit unserer Hilfe über 1,5 Millionen Menschen in Somalia erreicht, darunter 1 Million Kinder.» Die Hilfsorganisation schickt Tanklaster voll Wasser zu den bedürftigsten Menschen. Dutzende Gesundheitsteams sind im Einsatz, um bei Mangelernährung zu helfen und andere medizinische Versorgung zu leisten. Ausserdem helfen sie beim Aufbau von sanitären Anlagen.

Hilfe leistet Save the Children auch im Süden des Landes, wo – in fast gänz­licher Abwesenheit von staatlichen ­Institutionen – die islamistischen Terrormilizen von al-Shabaab sehr aktiv sind. «Wegen der ungenügenden Sicherheitslage ist der Zugang zur Bevölkerung erschwert», berichtet Saidy. «Deswegen benutzen wir Kleinflugzeuge, um Gebiete zu erreichen, die auf dem Landweg kaum zugänglich sind.» Federführend bei der internationalen Somalia-Hilfe sind drei UNO-Organisationen: das Welternährungsprogramm WFP, das Kinderhilfswerk Unicef sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO.

50 Millionen Dollar Hilfsgelder

Das Hilfswerk Save the Children ist die bedeutendste NGO in dem ostafrikanischen Land. «Wir können nicht sagen, dass wir Hungersnot verhindern können», sagt Saidy. «Es ist uns aber ge­lungen, die Folgen der Dürre zu mindern.» Save the Children gab im Jahr 2015 über 50 Millionen Dollar in Somalia aus – dieser ­Betrag entspricht 25 Prozent des damaligen Etats des somalischen Staates. Wie Saidy betont, benötigt Somalia allein für die aktuelle Hilfe Gelder in Milliardenhöhe.

An der Somalia-Geberkonferenz von Anfang Mai in London stellte etwa die EU zusätzliche Hilfsgelder in der Höhe von 200 Millionen Euro in Aussicht. Für die humanitäre Hilfe in Somalia sind ­total 1,5 Milliarden Dollar nötig, bisher ist ein Drittel des Geldbedarfs gedeckt. Um die Hungersnot zu verhindern, ­dürfen die Geldflüsse nicht versiegen.

Somalia braucht internationale Unterstützung

Eine weitere Tatsache ist, dass Somalia über die humanitäre Hilfe hinaus internationale Unterstützung braucht. Und es sieht besser aus als auch schon. Denn mit Mohamed Abdullahi Farmajo hat Somalia seit Februar einen neuen Staatschef, der bei seiner Wahl als Hoffnungsträger bejubelt worden war. Mittlerweile haben der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ihre Bereitschaft signalisiert, zu erleichterten Bedingungen Kredite von bis zu 300 Millionen Dollar zu sprechen. Das Geld soll aber nicht für militärische Zwecke verwendet werden, sondern für den Wiederaufbau der Infrastruktur im Hinblick auf eine funktionierende Wirtschaft. Laut Saidy ist das Hilfswerk Save the Children seit über 60 Jahren in Somalia tätig. «Unser Ziel ist, dass wir eines Tages nicht mehr in Somalia helfen müssen», sagt er. Dafür brauche es aber ein nachhaltiges Krisenmanagement für die unvermeidlich wiederkehrenden Dürrekrisen mit potenziellen Hunger­katastrophen. Laut Saidy gibt es in ­Somalia alle zwei, drei Jahre eine Dürrekrise, und alle drei bis fünf Jahre droht eine Hungersnot.

Dazu kommt, dass der Klimawandel diese Probleme verschärft. Als Vorbild für die Katastrophenprävention nennt Saidy Kalifornien: «Dort gibt es auch immer wieder ernsthafte Dürreperioden, aber keine Hungersnöte wie in Afrika. Das muss auch Somalia schaffen.» Von diesem Ziel ist Somalia aber noch um Jahrzehnte entfernt.

Es braucht einen langen Atem, um Somalia aus seinen vielen Krisen zu führen. «20 Jahre Bürgerkrieg haben das Land in eine Ruine verwandelt», sagte Präsident Farmajo an der Somalia-Konferenz in London. «Im besten Fall wird es wohl weitere 20 Jahre dauern, um wieder einigermassen eine Normalität in Somalia herzustellen.»

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