Hoffnung in den Hütten

Die Menschen in den Slums von Nairobi setzen in der anstehenden Wiederholung der Präsidentenwahl ganz auf Oppositionsführer Odinga. Und sie hoffen auf bessere Zeiten.

Der Jubel ist gross, das Gedränge auch: Raila Odingas Unterstützer an einer Wahlkampfverantaltung im Slum Kibera. Foto: Goran Tomasevic (Reuters)

Der Jubel ist gross, das Gedränge auch: Raila Odingas Unterstützer an einer Wahlkampfverantaltung im Slum Kibera. Foto: Goran Tomasevic (Reuters)

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Von hier aus habe man die beste Aussicht, sagt Freddy. Nur noch ein paar Schritte den kleinen Hügel hinauf, dann sei man dort. Es geht über Müllberge, Eisenbahnschienen, vorbei an Blechhütten und Bächen, die schwarz sind vor lauter Dreck und Kot. Freddy strahlt. «Das ist es», sagt er. Man sieht: Noch mehr Müllberge, Eisenbahnschienen, Blechhütten und Bäche, die schwarz sind vor lauter Dreck und Kot. «Schön, nicht?», sagt Freddy und muss selber lachen.

Man hat von hier oben aus einen guten Blick auf etwas, das viele das grösste Elend dieser Welt nennen: Es ist eine Siedlung, die zumindest immer dabei ist, wenn es um die Spitzengruppe der grössten Slums der Welt geht. Von aussen sieht der Slum aus wie ein schwarzes Loch mit silbernen Dächern. Von innen ist es eine Stadt in der Stadt, mitten in Kenias Hauptstadt Nairobi, mit einer eigenen Universität, mit Banken und Hotels. Mit unendlichem Elend, aber auch mit einigen Menschen, die einen Geländewagen fahren und in schönen Wohnungen leben. Auch in der Armut gibt es Reichtum.

Wie viele Menschen hier genau leben, kann niemand mit Sicherheit sagen. Die UNO hat einmal Satellitenfotos machen lassen und nachgezählt, wie viele Hütten es gibt: etwa 200'000 Behausungen, von denen man ausgehen kann, dass sie jeweils mehr als fünf Menschen beherbergen. Das wär also insgesamt eine Millionen Menschen. Es ist eine Siedlung im Konjunktiv.

Odinga schreibt Geschichte

«Die Regierung müsste eigentlich den Müll wegfahren, die Regierung müsste eigentlich für sauberes Wasser sorgen, die Regierung müsste so vieles besser machen», sagt Freddy. Er ist Mitte 20, trägt ein Arsenal-Trikot und will nur seinen Vornamen sagen: «Ich bin einer von vielen.» Und weil es so viele sind, wird die Politik alle paar Jahre doch einmal wieder aufmerksam auf die Menschen in Kibera, auf die Wähler, die zu mobilisieren sind.

«Die Regierung müsste eigentlich den Müll wegfahren, für Wasser sorgen, sie müsste so vieles besser machen.»

Freddy, Odinga-Anhänger, Kibera

«Raila ist der Erlöser», sagt Freddy. Und wiederholt es noch ein paarmal. Er zeigt auf mehrstöckige Wohnblöcke, die an einem Hang über dem Highway gebaut wurden, es ist billiger und komfortabler Wohnraum mit Balkon, für 45 Franken im Monat, «Raila-Housing», werden sie im Slum genannt, weil sich alle sicher sind, dass Raila Odinga sie hat bauen lassen, der ewige Oppositionschef in Kenia, der in Kibera fast 30 Jahre lang seinen Wahlkreis hatte. Und der seit fast genau so vielen Jahren für das Amt des Präsidenten kandidiert, dabei vier Niederlagen eingefahren hat. Was für sich genommen schon rekordverdächtig ist.

Nun hat Odinga aber wirklich Geschichte geschrieben. Das oberste Gericht in Kenia ist seiner Beschwerde gefolgt und hat die Präsidentschaftswahlen vom 8. August für ungültig erklärt und Neuwahlen angeordnet, die es Mitte Oktober geben soll. In Kibera sind die Menschen nach dem Urteil auf die Strassen gelaufen und haben die ganze Nacht gefeiert, gesungen und getrunken. Nirgendwo hat der Oppositionsführer so viele Anhänger, nirgends erwartet man so viel von ihm.

«Er ist der Erlöser», sagt auch Kevin Otiono (26), das scheint hier die Sprachregelung zu sein. Kevin stammt aus der Heimatregion von Raila Odinga, er ist vor ein paar Jahren nach Nairobi gekommen. Manchmal gibt es für ihn einen Job als Sicherheitsmann in einem Restaurant, manchmal lenkt er ein Boda-Boda durch die Stadt, eines der vielen Motorradtaxis. «Mir geht es gut, Raila hat mir ein Grundstück geschenkt», sagt Otiono. Dort habe er eine kleine Hütte gebaut für seine Frau und seine Kinder. «Natürlich werde ich ihn wieder wählen», sagt er. Er ist Raila persönlich nie begegnet, behauptet aber, er habe durch diesen und jenen, der wiederum einen anderen kennt, eine der begehrten Urkunden bekommen, die ihn als Besitzer eines Stückes Land ausweisen. Es ist das Prinzip kenianischer Politik. Otiono ist vom Stamm der Luo, Odinga ist Luo, und die Kette dazwischen, durch die die Urkunde gewandert ist, ist es auch. So wie ganz Kibera in der Mehrheit Luo ist. Und damit für Odinga. Der musste im Slum nicht mal Wahlplakate aufhängen, so sicher war ihm der Sieg. Vieles, was sich in Kibera in den vergangenen Jahren verbessert hat, wird ihm zugeschrieben: die neuen Flutlichter, die vor Überfällen schützen. Die neuen Strassen. Die Wohnungen.

«Für die, die nichts haben, ist die Politik der einzige Weg, daran etwas zu ändern. Denn in der Politik ist das Geld», sagt Stephen Nzusa. Er ist in Kibera geboren, zur Schule gegangen und dann zum Studieren nach Nairobi. Er hat einen Abschluss gemacht in Jura, er hätte zu einem grossen Konzern gehen können und ist doch nach Kibera zurückgekehrt. «Peace Ambassador» ist er geworden, ein Friedensbotschafter der Gemeinde, der dafür sorgen soll, dass es nicht wieder so kommt wie 2007.

«Weil sich so viele so vieles erhoffen, sind Wahlen immer ein Kampf um alles oder nichts», sagt er. Vor zehn Jahren wurde dem Herausforderer Odinga der Sieg gestohlen, der Erlöser durfte nicht Erlöser werden. In ganz Kenia gingen die Ethnien aufeinander los, mehr als 1200 Menschen kamen ums Leben, Hunderttausende wurden aus ihrer Heimat vertrieben. «Auch hier wurde alles anders», sagt Nzusa.

Kibera war eigentlich einmal eine Schenkung der britischen Kolonialisten an besonders verdiente Krieger der Nuba. Wald heisst die Siedlung, aber Wald gibt es hier schon lange nicht mehr. Aus dem ganzen Land zogen die Leute in die Stadt auf der Suche nach einem Job. Erst waren es ein paar Tausend, dann immer mehr. Am Anfang waren die Ethnien relativ gemischt, spätestens seit 2007 zogen die Luo dorthin, wo die anderen Luo wohnen, und die Kiyuku von Präsident Uhuru Kenyatta zogen zu ihresgleichen. Selbiges gilt für die weiteren 40 Stämme, von denen die meisten auch in Kibera vertreten sind.

«Es ist eine Konkurrenz, die durch die Politik geschürt wird», sagt der Friedensbotschafter. Wenn ihr mich wählt, bekommt ihr mehr vom Kuchen als die anderen, das ist das Versprechen. Da der Kuchen in Kibera aber eher nicht grösser wird, werden es die Konflikte.

Als Botschafter des Friedens verbringt Nzusa viel Zeit damit, durch die Strassen zu gehen und mit den Leuten zu sprechen. Er erklärt ihnen, dass sie nicht auf einen Erlöser warten sollen, dass die Politiker Repräsentanten des Volkes seien, keine kleinen Könige, die Gaben verteilen. Er berichtet davon, dass die neuen Laternen von der Regierung und die sogenannten Raila-Häuser von der Weltbank bezahlt worden seien, nicht von einem Politiker, der gerne so tut, als wäre er Robin Hood.

Nzusa hat Nachbarn, die nicht lesen können, denen er aber von der Verfassung erzählt und von den Gerichten, die ihnen Gerechtigkeit bringen sollen. Am Tag, nachdem das oberste Gericht Neuwahlen angeordnet hatte, haben ihm auch die auf der Strasse zugenickt, die zuvor skeptisch waren. Es war ein Sieg, aber auch ein Rückschlag, weil nun wieder alles von vorne losgeht.

Mahnmal Ruanda

Vor dem winzigen Büro im zweiten Stock einer Blechhütte fährt wieder die Polizei in Kampfmontur vorbei. Nach der letzten Wahl sind in Kenia mindestens zwanzig Menschen ums Leben gekommen, einige auch in Kibera. Aber es hätte schlimmer kommen können. Für Nzusa war dies ein Erfolg, so würde er es zwar nicht direkt sagen, aber darauf läuft es hinaus.

Nach 2007 hatten er und andere befürchtet, dass es in Kenia so kommen könnte wie in Ruanda, wo 1994 Hunderttausende Tutsi von Hutu ermordet worden waren. «Das war ein Szenario», sagt Nzusa. Sie haben in den Jahren danach einige der grössten Hitzköpfe aus Kibera nach Ruanda geschickt, sie dort die Mahnmale anschauen lassen. «Positive Traumatisierung», sagt Nzusa. So wurden aus Hitzköpfen Beschwichtiger. Diese werde man nach der Wahl Mitte Oktober wieder brauchen, wenn es darum gehe, die Verlierer zu besänftigen. «Derzeit ist die Stimmung aufgehetzt wie selten zuvor.»

In der Welt wird das Urteil des obersten Gerichts als ein Sieg der Demokratie gefeiert, in Kibera als Bestätigung, dass Odinga der wahre Sieger ist. Wer denn sein Favorit sei? «Mir wäre am liebsten, keiner der beiden würde überhaupt antreten», sagt Nzusa. Dann gäbe es eine Chance auf Frieden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 21:10 Uhr

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