Zum Hauptinhalt springen

Heisser Draht zwischen Obama und Mursi

Für die Waffenruhe in Nahost haben die USA und Ägypten intensiv kooperiert. Obama zeigte sich beeindruckt von Mursi. Der internationale Erfolg birgt für den Muslimbruder jedoch innenpolitische Gefahren.

Sprach sowohl mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu als auch mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi: US-Präsident Barack Obama am Telefon in einem Hotelzimmer in Phnom Penh, Kambodscha. (19. November 2012)
Sprach sowohl mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu als auch mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi: US-Präsident Barack Obama am Telefon in einem Hotelzimmer in Phnom Penh, Kambodscha. (19. November 2012)
AFP
Zuerst reiste die amerikanische Aussenministerin nach Israel: Hillary Clinton mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu in Jerusalem. (10. November 2012)
Zuerst reiste die amerikanische Aussenministerin nach Israel: Hillary Clinton mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu in Jerusalem. (10. November 2012)
Keystone
Anschliessend waren die Palästinenser an der Reihe: Clinton mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas in Ramallah. (21. November 2012)
Anschliessend waren die Palästinenser an der Reihe: Clinton mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas in Ramallah. (21. November 2012)
Keystone
In Ägypten trafen sich schliesslich die Vermittler: Clinton (Mitte) mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (rechts) und seinem Aussenminister Mohammed Kamel Amr. (links) in Kairo. (21. November 2012)
In Ägypten trafen sich schliesslich die Vermittler: Clinton (Mitte) mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (rechts) und seinem Aussenminister Mohammed Kamel Amr. (links) in Kairo. (21. November 2012)
Reuters
1 / 6

Vor der gestern ausgehandelten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas fanden intensive diplomatische Verhandlungen statt. An vorderster Front setzten sich Ägypten und die USA für eine Lösung des Konflikts ein. Dem Eintreffen der US-Aussenministerin Hillary Clinton in der Krisenregion ging ein Telefongespräch voraus, das den Verlauf der Verhandlungen entscheidend beeinflusste. Mehr noch: Es hat die Grundlage für eine neue geopolitische Partnerschaft gelegt.

Es war am Montag um 23.30 Uhr im kambodschanischen Phnom Penh, als US-Präsident Barack Obama in seiner Hotelsuite zum Telefonhörer griff. Der pausenlose Raketenbeschuss Israels und des Gazastreifens habe ihm keine Ruhe gelassen, schreibt die «New York Times» (NYT). Am anderen Ende der Leitung nahm der ägyptische Präsident Mohammed Mursi ab. Während 25 Minuten sprachen die beiden Staatschefs über mögliche Lösungen, um den wieder aufgeflammten Konflikt in Nahost zu beenden. Im Verlauf des Gesprächs habe Obama sich dazu entschlossen, seine Aussenministerin Clinton in die Region zu entsenden, so die Zeitung. Mursi teilte Obamas Ansicht, dass ihre Präsenz vor Ort hilfreich wäre.

Obama war beeindruckt

Nur drei Stunden später, weiss die amerikanische Zeitung, habe Obama Mursi erneut angerufen. Und sieben weitere Male in den folgenden Tagen – eine ungewöhnliche Anzahl von Telefonaten für vielbeschäftigte Staatsoberhäupter. Die Gespräche hinterliessen offenbar einen nachhaltigen Eindruck bei Obama: Hier hatte er es mit einem Mann zu tun, der ebenfalls um eine langfristige Lösung des Konflikts bemüht war und dem es um die Befriedung und Stabilität der ganzen Region ging. Hier war ein Vermittler an der Arbeit, der das Potenzial hatte, nachhaltige Fortschritte im Nahen Osten zu erzielen, über die aktuelle Gazakrise hinaus.

Obama sei beeindruckt gewesen von der pragmatischen Zuversicht Mursis. In dessen Denken und Handeln habe er die Präzision eines Ingenieurs gespürt – und erstaunlich wenig Ideologie, schreibt die NYT mit Verweis auf enge Mitarbeiter Obamas. Mursi halte, was er verspreche und verspreche nicht, was er nicht halten könne, sei Obama nach den Gesprächen überzeugt gewesen.

Dabei hatte die Zusammenarbeit der beiden Staatsmänner harzig begonnen: Die Wahl des Muslimbruders Mursi im Juni hatte bei den Amerikanern grosse Bedenken ausgelöst. Sie vergrösserten sich im September, als radikale Ägypter die US-Botschaft in Kairo stürmten. Obama ärgerte sich, dass Mursi den Angriff zunächst nicht deutlich verurteilte. Dann entschied sich der US-Präsident jedoch, in die Beziehung zu Mursi zu investieren.

Risiken für beide Präsidenten

Auch die Ägypter äusserten sich positiv über die jüngste Zusammenarbeit mit den Amerikanern. Obama habe zwar die israelische Position vertreten, habe aber auch Verständnis für die palästinensische Seite gehabt, freute sich gemäss NYT Essam al-Haddad, Mursis aussenpolitischer Berater. «Wir haben eine grosse Aufrichtigkeit und Verständnis in der Suche nach einer Lösung gespürt.» Aus der Notwendigkeit und aus nationalen Interessen erwuchs damit ein wichtiger Moment der Kooperation.

Der rege Austausch birgt jedoch Risiken für beide Staatsmänner. Kenner des Nahen Ostens erinnern denn auch Obama an verfrühte Schlussfolgerungen: «Ich warne Obama davor, zu glauben, Mursi habe sich von seinen ideologischen Wurzeln distanziert. Wir können sein Verhalten formen, aber nicht seine Ideologie», wird etwa Robert Satloff, Direktor des Washington Institute for Near East Policy in der NYT zitiert.

Mursi im Dilemma

Und Mursi selbst sieht sich zwischen innen- und aussenpolitischen Interessen hin- und hergerissen: Indem er die Hamas unter Druck setzte und zu einer Lösung drängte, lief er Gefahr, sich in Ägypten unbeliebt zu machen. Seine Wähler unterstützen den Kampf der Palästinenser und haben eine grosse Antipathie gegenüber Israel. Auch er selber hat ideologische und persönliche Verbindungen zur Hamas. Andererseits hat sich Mursi der regionalen Stabilität verpflichtet – auch wenn das bedeutet, sein Volk zu enttäuschen.

CNN attestiert Mursi in einer Analyse ein gelungenes Krisenmanagement. Er sei unterschätzt worden und habe die Verhandlungen geschickt durch ein Minenfeld von gegensätzlichen Interessen navigiert. Für einen zivilen Präsidenten, der zunächst als schwacher Führer wahrgenommen worden war, habe er viel erreicht, sagt Aaron David Miller, Forscher am Woodrow Wilson Center, gegenüber CNN. Er habe bewiesen, dass er den nötigen Einfluss besitze, um die Hamas an den Verhandlungstisch zu bringen. Diesen Deal eingefädelt zu haben, habe ihm dringend benötigtes politisches Kapital in der arabischen Welt und in den USA verschafft.

«Al-Arabiya» bezieht sich auf der Homepage dagegen auf die israelische Zeitung «Haaretz» und schreibt, Mursi habe sich mit dieser Aktion nicht zum Feind, sondern zum Bruder Israels gemacht. Er habe die Teilnahme an einem fremden Konflikt über die nationalen Interessen gestellt – ein starkes Signal an Israel. Das widerspreche allerdings den Ideen der Gründerväter der Muslimbrüder.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch