«Haile Selassie setzte 
das Land auf die Weltkarte»

Samstagsinterview

Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe des Kaisers Haile Selassie von Äthiopien, über sein Buch «Der letzte Kaiser von Afrika» und die Bedeutung von Manieren.

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Simon Wälti

Vor 60 Jahren weilte Kaiser Haile Selassie zu einem Staatsbesuch in der Schweiz. Dabei stellte der Bundesrat eine gewisse Abkühlung seitens des Kaisers fest. Herr Doktor Asserate, warum war das Verhältnis getrübt?
Es war insofern getrübt, als die Schweiz ihm 1936 nicht erlaubt hatte, sein Exil in der Schweiz zu verbringen. Später war er aber sehr oft in der Schweiz, auch nach 1954, um sich zu erholen oder aus medizinischen Gründen.

Sie sprechen den Auftritt vor dem Völkerbund in Genf 1936 an, als Haile Selassie gegen die Besetzung seines Landes durch Mussolini protestierte. Der Bundesrat sagte damals sinngemäss, der Kaiser könne schon kommen, aber er solle bitte nicht zu lange bleiben.
Genau das hat ihn sehr verletzt. Warum wurde eigentlich der Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg gegründet? Doch mit dem Ziel, die kleinen Staaten gegen grosse Aggressoren zu schützen. Aber die westlichen Staaten unternahmen nichts, vor allem Grossbritannien und Frankreich, weil sie glaubten, man könne Mussolini noch aus den Fängen von Adolf Hitler retten. Erst später, nach Etablierung der Achse Berlin–Rom 1941, half uns Grossbritannien, die Unabhängigkeit wiederzuerlangen.

Der Bundesrat bemühte sich 1954, die Ablehnung von 1936 wiedergut­zumachen.
Der Bundesrat ist sehr weit gegangen. Er hat versucht, den Besuch in einer möglichst imperialen und standesgemässen Art durchzuführen. Damit zeigte er: Wir haben einen Fehler gemacht, und das wollen wir jetzt revidieren.

Kann es sein, dass Haile Selassie in dieser Sache nachtragend war?
Nein, das glaube ich nicht, und zwar deshalb nicht, weil wir seinen Charakter daran erkennen können, wie er 1941 die Italiener behandelte. Über eine halbe Million Italiener befanden sich in Äthiopien. Der Kaiser sagte in seiner ersten Rede, dass der Krieg ein Ende gefunden habe. Jeder Italiener, der beim Aufbau mithelfen wolle, dürfe im Land bleiben.

Trotz der vielen Opfer des Krieges streckte er also die Hand zur Versöhnung aus. Es gab keine Vergeltungsmassnahmen?
Er hat mit einer grosszügigen Geste einen Schlussstrich gezogen. Eine grosse Zahl von Italienern ist geblieben. Sie waren bis 1974 Träger des Mittelstands als Besitzer von Garagen, Restaurants etc. Die Beziehungen zu Italien waren seit den 1950er-Jahren exzellent.

Auf der anderen Seite haben die faschistischen Truppen in Äthiopien schrecklich gewütet.
Weder Adolf Hitler noch die Alliierten haben im Zweiten Weltkrieg Giftgas eingesetzt. Das einzige Mal, dass Giftgas benutzt wurde, war in Äthiopien. Aus Flugzeugen wurden Fässer mit Senfgas abgeworfen, es gab Hunderttausende von Opfern. Der Vizekönig Graziani liess nach einem Attentat auf ihn innert weniger Tage in der Hauptstadt Addis Abeba 30 000 Menschen ermorden.

Damals war auch Haile Selassie an der Front. Er soll mit einer Oerlikon-Bührle-Maschinenkanone aus der Schweiz auf feindliche Flugzeuge geschossen haben.
Es gibt Fotos, das ist verbürgt. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass Emil Bührle nach dem Krieg äthiopischer Generalkonsul in Zürich wurde.

Blenden wir zurück in die Zeit, als Haile Selassie an die Macht kam. Im Buch beschreiben Sie es so, dass die mächtigen Männer des Landes glaubten, der junge Mann liesse sich eher kontrollieren als andere. Man wählte ihn also wegen seiner angeblichen Schwäche?
Nach der Absetzung von Lij Iyasu 1916 gab es einen Fürstenrat, und man suchte in der Dynastie der Salomoniden nach einem geeigneten Nachfolger für ihn. Die Krone ging nicht immer vom Vater auf den Sohn über. Es gab mehrere Kandidaten, darunter auch mein Grossvater, Ras Kassa, und Ras Tafari; er war der Sohn von Ras Makonnen, dem Helden in der Schlacht von Adua 1896 gegen die Italiener. Es gibt viele Versionen. Der dama­lige Königsmacher war der Kriegsminister Habte-Giorgis. So kam Zauditu, die Tochter von Menelik II., auf den Thron, und Ras Tafari wurde zum Regenten erklärt.

Welche Überlegungen stellte man dann an?
Man sagte sich, im Grunde genommen sollte Ras Kassa, also mein Grossvater, Regent werden. Aber er verfügte über viele Truppen und hatte beste Verbindungen zu Grossbritannien, das schien zu gefährlich. Aber man sagte sich, dieser junge Mann, Ras Tafari, der weder Vater noch Mutter hat und uns alle mit grossem Respekt behandelt, den werden wir auf den Thron setzen, und wir, die Fürsten, werden die eigentliche Macht im Lande ausüben. Es war die Kunst von Ras Tafari, dem nachmaligen Kaiser, dass es ihm innerhalb kurzer Zeit gelang, die Fürsten gegeneinander auszuspielen und zu entmachten.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Machiavelli. Es war also eher Intelligenz und Taktik, als dass er zu Gewalt gegriffen hätte?
Nein. Er war kein Gewaltherrscher. Das zeigte sich auch 1974, als er durch die Mili­tärs entmachtet wurde. Zu den ersten Forderungen gehörte die Freilassung aller politischen Gefangenen. Das waren achtzehn Personen im Land. Daneben gab es 1974 acht politische Flüchtlinge in der ganzen Welt, die jeder Äthiopier beim Namen kannte.

Haile Selassie war demnach ein guter Herrscher?
Ja, im Grossen und Ganzen war er ein guter Herrscher. Vor allem gab es nicht diese Gewalt, wie sie nach seinem Tod allgegenwärtig wurde. Unter Mengistu wurden Hunderttausende in die Gefängnisse gesteckt. Dann fingen die Flüchtlingswellen an. Heute sind es 2,5 Millionen Flüchtlinge auf der ganzen Welt.

Haile Selassie war aber ein 
Autokrat.
Das mag richtig sein. Aber dieser Mann kam als grosser Reformer an die Macht. Er baute Schulen und Krankenhäuser, er katapultierte Äthiopien aus dem Mittelalter ins 20. Jahrhundert. Er setzte das Land aussenpolitisch auf die Weltkarte. Er hatte ein grosses Ansehen in Ost und West. Er spielte eine wichtige Rolle bei den blockfreien Staaten. Er war der ­Vater der afrikanischen Unabhängigkeit. In der Aussenpolitik hat er Gigantisches geleis­tet. Doch dann kam der erste Putsch von 1960.

Was änderte sich dann?
Von diesem Zeitpunkt an war Haile Selas­sie zunehmend auf die Erhaltung der eigenen Macht bedacht. Er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. In Europa ausgebildete Äthiopier stellten Fragen wie: Wann kriegen wir demokratische Rechte? Der Kaiser konnte sich nicht zu den notwendigen Änderungen durchringen. Es hätte eine Landreform gebraucht und die Umwandlung in eine konstitutionelle Monarchie.

Welche Rolle spielte die Hungerkatastrophe in der Provinz Wollo 1973?
Sie war eine der Ursachen der Revolution. Ich habe alles versucht, um festzustellen, ob der Kaiser von seinen Ministern rechtzeitig über die Katastrophe infor­miert wurde. Ich bin zu keiner endgültigen Meinung gekommen. Wenn man ihn kennt, weiss man, dass er sofortige Massnahmen eingeleitet hätte.

Als Student in Deutschland haben Sie für die Opfer der Hungersnot ein Konzert veranstaltet und Geld gesam­melt. Dabei kam es zu einer Begegnung mit dem Kaiser.
Da fragte er mich, wer mir gesagt habe, dass es in Äthiopien eine Hungersnot gebe. Das hat mich damals sehr gewundert. War es zynisch gemeint? Wusste er wirklich nicht Bescheid? Ich kann es nicht sagen. Als er dann tatsächlich die Provinz Wollo besuchte, war er vom Ausmass der Katastrophe so schockiert, dass er den ganzen Tag nichts ass.

Nach dem Sturz von Haile Selassie und seinem Tod in Gefangenschaft kam das Schreckensregime von Mengistu mit sehr vielen Opfern. Wo steht das Land heute?
Das Land ist einigermassen stabil. Offen gesagt, gibt es aber etwas, was ich nicht gutheisse: die Einführung der ethnischen Föderation. Dieses Wort hat mich schon immer gestört, denn unter dem Strich bedeutet dies eine Trennung, ein System der Apartheid, das Gräben aufwirft, statt die Menschen zusammenzubringen. Wo es ethnische Grenzen gibt, wird es irgendwann auch ethnische Säuberungen geben. Das hat uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Andererseits haben wir dieser Regierung zu verdanken, dass das Regime von Mengistu beendet worden ist. Ich muss auch eingestehen, dass in den letzten 20 Jahren Fortschritte in der Erneuerung der Wirtschaft zu verzeichnen sind.

Haile Selassie wurde und wird von Rastafarians wie ein Gott verehrt. Was sagen Sie dazu?
Das kann ich nicht akzeptieren. Als gläubiger Christ ist es für mich höchste Blasphemie, einen Sterblichen als Gott zu verehren. Mein Rat an die Rastafarians: Schickt eine Delegation zum äthiopischen Patriarchen mit der Bitte, den letzten Kaiser von Äthiopien heiligzusprechen. Das wäre ein Weg, wie sie sich mit Christen und Muslimen in Äthiopien versöhnen könnten, denn jeder Heilige ist ein Mensch.

1965 besuchte Haile Selassie ja Jamaika.
Er hat es ihnen damals selbst gesagt: Ich bin nicht Gott, ich bin nicht Gottes Sohn, ich bin kein Prophet, ich bin ein Sklave Gottes. Er liess zwei Kirchen bauen, und Tausende von Rastas haben seitdem die äthiopisch-orthodoxe Religion angenommen. Und trotzdem behaupten sie immer noch, er sei ein Gott.

Halten Sie es für eine Lösung, dass die Dynastie von Salomo wieder installiert würde?
Das ist eine Frage, die nur das äthiopische Volk beantworten kann. Äthiopien hat eine Bevölkerung von 90 Millionen Menschen. Von denen sind mehr als 85 Prozent jünger als 25 Jahre. Das bedeutet also, dass die Mehrheit nie einen Kaiser gekannt hat, deshalb wird es schwer sein, die Krone wieder zu etablieren.

Es ist damals nach Geld und Konten gesucht worden. Es seien 14 Milliarden Dollar oder noch mehr Geld zur Seite geschafft worden.
Nicht ein Prozent davon ist wahr. Auch wenn Sie der korrupteste Mensch der Welt wären, so viel Geld hätte man aus der äthiopischen Wirtschaft nie und nimmer herauspressen können. Es gibt kaum Bodenschätze. Richtig ist allerdings, dass regelmässig Gold aus den ­Minen in Adola in die Schweiz gebracht wurde. Das landete aber nicht auf Haile Selassies Konto, sondern war zur Deckung des äthiopischen Dollars bestimmt. Das war die einzige afrikanische Währung, die durch Goldreserven abgedeckt war.

Da gab es keinen unbeschreiblichen Reichtum?
Reichtum ist relativ. Ich sage Ihnen eine Zahl: Das letzte Gesamtbudget der äthiopischen Regierung im Jahr 1974 betrug 850 Millionen äthiopische Bir. Das waren damals etwas mehr als 400 Millionen US-Dollar. Zur gleichen Zeit hatte die Stadt Frankfurt, wo ich lebe, ein jährliches Budget von 2,5 Milliarden Mark. Bitte setzen Sie das in Relation zum Vorwurf, den man dem Kaiser ­gemacht hat.

Auf der anderen Seite gab es aber viel Prunk und Pomp am kaiserlichen Hof, das hat doch auch Geld gekostet.
Richtig – Äthiopien hat sich selbst schon immer fabelhaft repräsentiert. Innerhalb des Landes hatten der Kaiser und die Angehörigen des Kaiserhauses ein ganz anderes Leben als die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, das stimmt. Das Geld kam von den Latifundien, das bedeutet aber nicht, dass es möglich war, Milliarden in Devisen nach Europa zu transferieren. Was sie hatten, wurde im Land investiert. Die Mitglieder des Kaiserhauses leben heute bescheiden. Da gibt es keine Milliarden, das ist der beste Beweis für meine These. Das arme Äthiopien kann man nicht mit arabischen Ländern vergleichen, die massenhaft über Erdöl verfügen.

Sie haben in Deutschland studiert. Sie haben Bücher über Eigenarten und Gebräuche in Deutschland oder über die Manieren geschrieben. Wir Schweizer tun Manieren manchmal als unnötig ab, finden, es passe gar nicht zur Demokratie. Warum braucht es Manieren?
Wir dürfen Manieren nicht mit Etikette gleichsetzen. Manieren sind der ästhetische Ausdruck der Moral. Ohne Manieren gibt es kein gesittetes Miteinander. Manieren sind die Kinder der Moral und die Enkel der Religion. Sie basieren auf der christlichen Aussage «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» und auf dem kategorischen Imperativ von Kant. Man setzt den anderen ins Zentrum und nicht sich selbst.

Es sind also Zeichen des Respekts?
Ohne Respekt können wir als zivilisierte Menschen auf dieser Welt nicht miteinander umgehen. Es geht um das heilige Wort: «Die Würde des Menschen ist ­unantastbar».

Für Sie ist der kategorische Imperativ nicht in erster Linie ein philosophisches Problem?
Für mich ist der kategorische Imperativ die Basis der Aufklärung in Europa und die Säule, auf der die europäische Zivilisation ruht.

Und was sagen Sie zu Äusserlichkeiten, wie etwa dazu, wann man einen Cutaway oder wann man einen Frack zu tragen hat?
Das ist eine Frage der Ästhetik, die ein jeder für sich selbst entscheiden muss. Wichtig ist, dass der Mensch sich von Tieren unterscheidet, weil er anderen Menschen den Vortritt lässt. Schauen Sie sich die Tiere beim Fressen an, die denken nicht daran, anderen den Vortritt zu lassen. Wenn wir täglich eine gute Tat im Sinne des Respekts gegenüber unseren Mitmenschen vollbringen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir auch besser schlafen können.

Mit Ihren Büchern unterstreichen Sie auch die Wichtigkeit einer interkulturellen Beziehung.
Man muss die Eigenarten eines anderen Landes kennen, um einen anderen Menschen zu verstehen und zu akzeptieren. Wenn wir das nicht tun, kann es keine Brücke geben. Ich muss wissen, an was Sie glauben oder was Sie denken und fühlen. Wenn ich das nicht tue, ist es kein Miteinander-Leben, sondern ein Nebeneinander­-Existieren. Das heisse ich nicht gut. Wir brauchen die interkulturelle Beziehung, bei der wir uns gegenseitig mit unseren Erfahrungen und Traditionen bereichern. Kulturen sind nicht dazu da, um sich gegenseitig zu bekämpfen, wie bei Huntingtons «Clash of Civilizations». Sie fliessen ineinander und bereichern sich gegenseitig.

Man beklagt manchmal, dass die Kulturen nebeneinander existieren, aber nichts miteinander zu tun haben wollen.
Wir sollten lernen, im anderen nicht nur den Fremden zu sehen, sondern einen Menschen, der genauso viel Rechte, Wünsche und Sehnsüchte hat wie ich selber. Die Migration ist eine der grössten Herausforderungen für Europa im 21. Jahrhundert. Die Flüchtlinge kommen aus Ländern, wo sie von Gewaltherrschern unterdrückt werden. Diese afrikanischen Diktatoren werden von europäischen Demokratien unterstützt. Realpolitik bedeutet nichts anderes als: Du kannst der grösste Gauner auf Gottes Erdboden sein, aber solange du an der Macht bist, kommen wir Demokraten angerannt und machen Geschäfte mit dir. Wir müssen die afrikanischen Gewaltherrscher zu Parias machen in der zivilisierten Gesellschaft. Das funktioniert nur mit einer gemeinsamen europäischen Afrikapolitik.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Geschäfte von China oder anderen Ländern getätigt werden? Letztlich werden wieder die Länder um die Bodenschätze geprellt.
Auch China und andere asiatische Länder werden es à la longue nicht schaffen, die Brutalität einiger afrikanischer Regimes zu ignorieren. Sie werden, wenn sie klug sind, versuchen, die Herzen der unterdrückten afrikanischen Völker zu gewinnen und den Afrikanern als veritable Partner auf Augenhöhe zu begegnen.

Der Bund

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