Freie Fahrt für saudische Frauen

Der Kronprinz treibt die Modernisierung Saudiarabiens voran.

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Paul-Anton Krüger@pkr77

Frauen in Saudiarabien sollen bald Auto fahren dürfen. Das ist zunächst einmal uneingeschränkt zu begrüssen – unabhängig davon, welche Motive man hinter der Entscheidung von König Salman vermutet oder wie es sonst um die Rechte von Frauen in dem konservativen Königreich bestellt ist.

Die sozialen Netzwerke, bevorzugtes Kommunikationsmittel der jungen ­Generation, explodieren vor Freude. Frauen posten Liebeserklärungen an den erst 32 Jahre alten Kronprinzen Muhammad bin Salman, der als treibende Kraft hinter dem Edikt gesehen wird. Regierungsbeamte bis hin zu Ministern machten schon lange keinen Hehl daraus, dass sie das De-facto-Fahrverbot für einen beschämenden Anachronismus halten. Nur müsse man den richtigen Zeitpunkt abwarten, um die Regeln zu ändern.

Keine PR-Aktion

Saudiarabien ist zwar eine absolute Monarchie, es gibt kaum Mechanismen der Mitbestimmung wie in westlichen Demokratien. Symbolträchtige gesellschaftspolitische Fragen muss das Königshaus aber in gewissem Einklang mit dem islamischen Klerus treffen, der zu guten Teilen fundamentalistische Auslegungen des Korans vertritt – und auch mit den Stämmen, die an Konventionen festhalten, die oft nicht religiösen Ursprungs sind.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, das Thema anzugehen. Es war verheerend für das Image des Landes. Den Effekt kann Riad gut brauchen: Im Zuge seiner Wirtschaftsreformen, dem Projekt des Kronprinzen, will es Investoren anlocken und die Katarkrise sowie den unseligen Jemenkrieg in den Hintergrund drängen. Innenpolitisch kommt dem 32 Jahre alten MbS, wie der Thronfolger genannt wird, ein Popularitätsschub ebenfalls passend. Sein Vater hatte Milliardenkürzungen, etwa bei den Gehältern der Staatsdiener, wegen wachsenden Unmuts zurücknehmen müssen. Bei den jungen Saudis findet die Fahrerlaubnis für Frauen breite Zustimmung – und 47 Prozent der Saudis sind unter 25 Jahre alt, zwei Drittel unter 35.

Es wäre aber unfair, die Entscheidung als PR-Aktion abzutun. Gleichberechtigung bleibt zwar ein fernes Ziel. Aber unter König Salman hat sich in zwei Jahren bei den Frauenrechten und der Öffnung der Gesellschaft mehr bewegt als in den 20 Jahren davor.

Er geht ein grosses Risiko ein

Es gibt vom Staat organisierte Unterhaltungsveranstaltungen, bei denen in Familienbereichen Frauen zusammen mit Männern sitzen. MbS hat die Rechte der verhassten Sittenpolizei beschnitten, die über Kleidervorschriften und die Trennung der Geschlechter wachte. Wichtiger noch, er schränkte die Vormundschaft der Männer über die Frauen ein. Sie können nun Pässe beantragen, ohne Zustimmung des Mannes arbeiten, studieren, ein Gericht anrufen – und bald vielleicht Auto fahren: sofern ihre Familien zulassen, dass sie ihre Rechte nutzen.

Der Kronprinz scheut nicht davor zurück, sich mit radikalen Geistlichen anzulegen. Deren Rat, vom König ernannt, stimmte der Reform am Steuerrad nur mehrheitlich zu, nicht einstimmig. Wenn es MbS nicht gelingt, dass viel mehr der oft gut ausgebildeten Frauen arbeiten und am öffentlichen Leben teilnehmen, ist seine «Vision 2030» zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Er geht ein grosses Risiko ein, um die Modernisierung Saudiarabiens voranzutreiben, weil er sie als existenzielle Frage betrachtet – zwingend, um die Monarchie zu bewahren und seine Macht zu festigen.

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