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Experte: Entführung der Studenten kam Israel gelegen

Die Entführung der drei Jugendlichen sei für Israel zum richtigen Zeitpunkt gekommen, sagt der Nahost-Experte Pascal de Crousaz. Und sie sei nicht im Interesse der Hamas gewesen.

Die israelische Armee reagiert mit einer Militäroffensive auf die Entführung der drei Studenten: Eine Leuchtkugel nach einem Luftschlag über Gaza.
Die israelische Armee reagiert mit einer Militäroffensive auf die Entführung der drei Studenten: Eine Leuchtkugel nach einem Luftschlag über Gaza.
Mahmud Hams, AFP
Bild der Zerstörung: Ein palästinensischer Kameramann in Gaza nach einem Luftschlag der israelischen Armee. (3. Juni 2014)
Bild der Zerstörung: Ein palästinensischer Kameramann in Gaza nach einem Luftschlag der israelischen Armee. (3. Juni 2014)
Mohammed Abed, AFP
Droht mit einer Ausweitung der Einsätze im Gazastreifen: Israels Präsident Benjamin Netanyahu.
Droht mit einer Ausweitung der Einsätze im Gazastreifen: Israels Präsident Benjamin Netanyahu.
Reuters
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Die internationale Gemeinschaft wird keine umfassende Operation gegen die Hamas im Gazastreifen dulden. Dieser Ansicht ist Nahost-Experte Pascal de Crousaz. Die USA, beschäftigt mit den Konflikten im Irak und in Syrien, sähen noch eine neue Krise sehr ungern.

Die israelische Regierung sei gespalten in der Frage, wie sie auf die Ermordung von drei Jugendlichen im Westjordanland reagieren soll, sagte der Genfer Politologe de Crousaz in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Denn nach dem Scheitern der Friedensbemühungen von US-Aussenminister John Kerry drohe Israel sich international noch stärker zu isolieren, wenn es hart gegen die Palästinenser vorgeht.

Repressionsrisiko

Vieles werde davon abhängen, wie die Hamas auf Israels Militärschläge gegen die Gruppe in Gaza reagiert. Falls sie diese mit neuen Raketenangriffen erwidere, bestehe das Risiko einer Eskalation.

Doch es sei auch nicht im Interesse der Hamas, sich in einen Konflikt zu stürzen, der sie weiter schwächen könnte, nachdem sie bereits die Unterstützung der ägyptischen Muslimbrüder verloren habe, schätzt der Nahost-Experte.

«Doch Fehler in der Einschätzung sind ein wiederkehrendes Schema in dieser Region», beklagt de Crousaz. Es sei daher nicht ausgeschlossen, dass verschiedene Akteure gegen ihre eigenen Interessen handeln würden mit dem Risiko, eine dritte Intifada und verstärkte Repressionen von israelischer Seite zu provozieren.

Jordanien und Libanon

Weiter befürchtet de Crousaz, dass damit auch Jordanien wie einst der Libanon destabilisiert werden könnte. Das Land ziehe eine Vielzahl von Flüchtlingen an, habe Isis-Extremisten an der Grenze und eine kleine Minderheit der Bevölkerung, die empfänglich sei für radikale Thesen.

Hier bestehe die Gefahr einer Solidaritätsbekundung mit den Palästinensern gegen Israel. Der Ausbruch einer dritten Intifada könnte zugleich zum kleinsten gemeinsamen Nenner werden von verschiedenen Konfliktgruppen in der islamischen Welt und die Differenzen zwischen diesen verringern.

Isolierung ist gescheitert

Der Politologe stellt fest, dass die Entführung der drei Studenten im Westjordanland zum richtigen Zeitpunkt gekommen sei für Israel. Dieses sei dabei, mit einer diplomatischen Offensive die Palästinenserführung nach der innerpalästinensischen Aussöhnung zu isolieren.

Die Trennung der Palästinenser sei im Interesse des israelischen Staates, «um den Status quo der israelischen Besatzung aufrechtzuerhalten», sagte de Crousaz. Die Isolierung sei allerdings nicht geglückt, die internationale Gemeinschaft – darunter die USA und Europa inklusive der Schweiz – hatte entschieden, mit einer Regierung der nationalen Einheit zusammenzuarbeiten.

Bedrohte Versöhnung

Die Entführung habe nun der Regierung in Tel Aviv erlaubt, ihre Offensive wiederaufzunehmen und einen Keil zu treiben zwischen die Palästinenserführung, die von Fatah und Hamas unterstützt werde. Das bedrohe deren Wiedervereinigung.

Die Israelis hatten zwar sofort mit dem Finger auf die islamistische Bewegung gezeigt. Die Hamas dementierte jedoch jede Verwicklung in die Entführung, die laut de Crousaz nicht in ihrem Interesse war. Das Vorgehen gegen die israelische Armee in der Folge sieht er mehr als einen «Akt des Widerstandes».

«Wir waren es nicht, aber wir heissen es gut», sage die Bewegung sinngemäss zur Entführung. Und es gebe eben eigenmächtig handelnde Akteure in der Region. Die beiden von Israel Verdächtigten wurden der Hamas zugeordnet, aber bislang sei nicht bewiesen, dass sie Anweisungen von der Führung der Bewegung erhalten hätten. Für diese hätte eine solche Operation überdies nur vernichtende Folgen.

Antipalästinensische Taten

Es sei nun ein Wiederaufflammen antipalästinensischer Handlungen zu befürchten vonseiten radikaler Nationalisten und religiöser Juden in den besetzten Gebieten und in Israel. Eine Welle solcher Aktionen werde bereits seit einiger Zeit beobachtet.

«Der Staat Israel hat mit eiserner Faust auf die Entführung der drei Jugendlichen reagiert», sagte de Crousaz. Es werde sich nun zeigen, ob die israelische Polizei ebenso emsig ähnliche Taten gegen Palästinenser verfolge.

SDA/thu

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