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Erdogan der Eroberer

Beim türkischen Alleinherrscher ist Aussenpolitik gleich Innenpolitik.

Der türkische «Neo-Osmanismus» ist heute nicht mehr nur ein Gedankengebäude, mit dem sich die Türkei als Überbleibsel des osmanischen Grossreichs Linderung vom Trauma des Bedeutungsverlusts erhofft. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan schafft Fakten.

Die türkische Armee ist in den Norden Syriens mit Panzern und Soldaten einmarschiert. Im Irak unterhält Ankara gegen den Willen der Zentral­regierung in Bagdad ein Ausbildungslager für Anti-IS-Kämpfer. Erdogan kann es nicht abwarten, seine Soldaten auch noch in den Kampf um die vom IS besetzte Stadt Mosul zu schicken. Ihm geht es weniger darum, Städte und Menschen vom Bösen zu befreien. Er will mitreden, wenn der Irak neue Formen annimmt, für eine Zeit nach der Herrschaft des Terrors vorbereitet wird.

Erdogan überschreitet Grenzen, und dies in jeder Hinsicht. Das gipfelte kürzlich darin, dass er den Vertrag von Lausanne von 1923 offen in­frage stellte. Dieser Vertrag schrieb die Grenzen der heutigen Türkei fest, Ansprüche auf Mosul konnte die Türkei damals nicht durchsetzen. Bei dieser Gelegenheit erinnerte Erdogan auch Athen daran, dass einige der heute zu Griechenland gehörenden Inseln in Rufweite der Türkei liegen. Bald alles seins? Wird aus dem Alleinherrscher Erdogan nun womöglich Erdogan der Eroberer?

Beunruhigender Kurswechsel

So weit dürfte es wohl nicht kommen. Andere werden Erdogan schnell seine Grenzen aufzeigen, wenn er sie selbst nicht mehr erkennen sollte oder wollte. Beunruhigend aber ist sein aussenpolitischer Kurswechsel, den er dieser Tage vollzieht, dennoch.

Geht man – wie Erdogan – in die Gründungsjahre der Türkei zurück, stösst man auf ein altes aussenpolitisches Credo, das angesichts der Lage heute komplett aus der Zeit gefallen zu sein scheint: «Friede daheim, Friede in der Welt». Es war von einer gewissen Unabhängigkeit und von einer gutmütigen Zurückhaltung getragen.

Erdogans neues Credo knüpft zwar an die Unabhängigkeit an, gibt aber die Zurückhaltung auf. In seinen Worten: «Wir haben ein Terror­problem? Wir werden nicht darauf warten, dass man uns angreift.» Mit anderen Worten: Recep Tayyip Erdogan im Zweifel allein gegen den Rest der Welt.

Am Mittwoch töteten und verletzten türkische Jets zahlreiche kurdische Anti-IS-­Kämpfer in Syrien. Aus Sicht Ankaras sind sie der verhassten Terrororganisation PKK zuzu­rechnen – und das wiegt für Ankara immer noch schwerer als IS-Terror.

Ein blutiger Krieg wird blutiger

Der Krieg in Syrien ist kompliziert genug. Durch die neue Angriffslust der Türken wird er noch unkalkulierbarer und blutiger. Erdogan hat sein Land aussenpolitisch in die Isolation geführt. Die Türkei will in erster Linie ein weiteres Erstarken der Kurden jenseits ihrer Grenzen verhindern.

Für Erdogan bedeutet Aussenpolitik Innenpolitik. Wenn es den Kurden gelingt, auf den Trümmern Syriens wie im Nordirak eine quasi autonome Region Kurdistan zu errichten, könnte dies den Abspaltungswillen der Kurden in der Türkei befeuern.

Das Problem ist nicht nur, dass die Verbündeten an der Türkei verzweifeln, umgekehrt gilt das genauso. Die USA unterstützen im Anti-Terror-Kampf ausgerechnet die Kurden. Für die türkischen Befindlichkeiten zeigen sie aus Sicht der Türken wenig Gespür.

Hinzu kommt, dass Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen Zuflucht in den Vereinigten Staaten gefunden hat – jener Mann, den Ankara für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich macht.

Und trotz Versöhnungsgesten mit Moskau bleibt auch Russland ein schwieriger Partner für Ankara. Es führt der Türkei Tag für Tag das Scheitern seiner Aussenpolitik vor Augen. Erdogans Ziel in Syrien war es immer, den Gewaltherrscher Assad zu stürzen. Dank der Russen aber hält der sich im Amt.

Und Europa? Die EU scheint in diesen Monaten nur mit sich selbst beschäftigt und schwach zu sein. Von Europa erwartet Erdogan womöglich noch am wenigsten.

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