Einsamer Krieger

Wladimir Putin verfolgt in Syrien zwei Ziele – bei einem hat er das Gegenteil erreicht, beim anderen steckt er in einer Sackgasse.

Genialer Taktiker, aber schlechter Stratege: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Genialer Taktiker, aber schlechter Stratege: Russlands Präsident Wladimir Putin.

(Bild: AFP)

Julian Hans@juli_anh

Bevor die russische Luftwaffe ihren Einsatz in Syrien startete, erklärte Wladimir Putin der Welt, was er dort vorhat. Im September 2015 warb er auf der 70. Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York für eine internationale Koalition gegen den Terror. Dieser bedrohe Russland genauso wie die Vereinigten Staaten. Deshalb sei jetzt die Zeit gekommen, sich zusammenzuschliessen, über alle Lager hinweg, so wie einst im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Und so wie damals stellen sich auch viele in Russland eine Lösung für die Konflikte in der Region vor: als eine Art Jalta-Konferenz, auf der die Grossmächte ihre Einflusszonen abstecken.

Die grosse Allianz gegen den Terror sollte Russland aus der Isolation befreien, in die es sich mit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine gebracht hat: ein neuer Kampf gegen einen gemeinsamen Feind, um die bestehenden Konflikte in den Hintergrund treten zu lassen. Doch wie schon oft hat sich Putin als genialer Taktiker erwiesen, aber als schlechter Stratege. Mit einer Gabe ausgestattet, einen kurzfristigen Vorteil aus dem Moment zu ziehen, lässt er die langfristigen Folgen oft ausser Acht. Das macht ihn für andere so schwer berechenbar.

Russland bleibt international isoliert

Putin konnte tatsächlich den zögerlichen Barack Obama überrumpeln, den syrischen Diktator Bashar al-Assad vor der Niederlage retten und Russland neu als Macht im Nahen Osten aufstellen, die nicht übergangen werden kann. Mit modernen Luftabwehrgeschützen sorgt Russlands Militär dafür, dass Flugzeuge über weiten Teilen Syriens und darüber hinaus nur mit Einverständnis aus Moskau fliegen können.

Aber nach mehr als einem Jahr im Syrien-Krieg ist Moskau in der Welt so isoliert wie zuletzt nach dem Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine im Juli 2014. Bei einem von zwei wichtigen Zielen, die Putin in Syrien verfolgte, hat er also das Gegenteil erreicht. Eine Zusammenarbeit mit den USA ist vom Tisch seit dem Bombardement des UNO-Hilfskonvois vor Aleppo durch russische Jets im September. Solange Obama noch US-Präsident ist, wird es keine gemeinsame Strategie von USA und Russland in Syrien geben. Und die Franzosen, nach den Anschlägen von Paris bereit für einen Anti-Terror-Pakt mit Moskau, suchen inzwischen nach Wegen, die russischen Verantwortlichen wegen Kriegsverbrechen vor ein internationales Gericht zu bringen.

Moskau erschwert sich Exit aus Syrien

In die Sackgasse hat Putin sein zweites Ziel geführt: Assad zu retten und damit die Position Russlands im Nahen Osten zu festigen und auszubauen. Vor dem russischen Eingreifen gaben Beobachter dem syrischen Diktator nur noch Wochen bis zur Niederlage. Die ist abgewendet, aber nur so lange, wie die russischen Soldaten bleiben. Die syrische Armee ist zu schwach, um allein den Rebellen Widerstand zu leisten.

Im Generalstab an der Moskwa weiss man, dass Assads Pläne für eine Rückeroberung des ganzen Landes undurchführbar sind ohne den massiven Einsatz von Bodentruppen. Aber so wie Assad von Moskau abhängig ist, so sehr ist Moskau auf einen treuen Partner im Land angewiesen. Statt regulärer Bodentruppen kämpfen und sterben bislang Söldner der quasi-privaten «Wagner-Einheit» in Syrien. Sie wurde nach dem Vorbild der amerikanischen Firma Blackwater aufgestellt und hält russischen Medien zufolge enge Verbindungen zum Militärgeheimdienst GRU. Im vergangenen Oktober gab der russische Föderationsrat der «Wagner-Einheit» die Erlaubnis, in Tartus und Khmeimim dauerhafte Militärbasen einzurichten.

So gerät Russland mehr und mehr in einen Krieg, aus dem es schwer herausfinden wird. In Moskau hat man die Amerikaner oft genug für diesen Fehler in Afghanistan und im Irak kritisiert. Nun begeht Präsident Putin offenbar den gleichen Fehler.

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