Auf dem Schlachtfeld hat jeder seine eigene Agenda

Das eigentliche Risiko des Syrien-Konflikts ist ein neuer Grosskrieg im Nahen Osten. Es braucht eine Strategie, ihn mit einer politischen Lösung zu beenden.

Das Risiko, das von Syrien ausgeht, ist ein neuer Grosskrieg im Nahen Osten: Syrische Panzer in der Stadt Douma. Foto: AFP

Das Risiko, das von Syrien ausgeht, ist ein neuer Grosskrieg im Nahen Osten: Syrische Panzer in der Stadt Douma. Foto: AFP

Paul-Anton Krüger@pkr77

Der Krieg in Syrien ist im achten Jahr, und eine gefährliche Eskalation erscheint derzeit wieder eher möglich als baldiger Frieden. Das Land ist lange schon auch Arena der Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA. Aber der Wettstreit der Grossmächte ist nur eine Ebene in diesem vielschichtigen Konflikt. Ihn darauf zu reduzieren, greift zu kurz.

Denn die Dynamik wird von Geschehnissen in Syrien ausgelöst, wo Präsident Bashar al-Assad mit allen Mitteln für sein erklärtes Ziel kämpft, das gesamte Land militärisch zurückzuerobern. Er belagert dafür Rebellengebiete und lässt sie aus der Luft und mit Artillerie bombardieren. Die Zivilbevölkerung zu zermürben, ist unverzichtbarer Bestandteil dieser Strategie, nicht ungewollter Nebeneffekt. Davon zeugen die Ruinen in Homs, Ostaleppo und Ghouta.

Immer wieder haben seine Truppen dabei ungestraft Chlor als Waffe eingesetzt und mehrmals auch nachweislich den Nervenkampfstoff Sarin. Die Indizien sprechen dafür, dass dies vor einigen Tagen auch in der Stadt Douma geschehen ist. Ein Militärschlag gegen Assad, wie ihn die USA, Frankreich und Grossbritannien angedroht haben, mag geeignet sein, der Ächtung von Chemiewaffen wieder Geltung zu verschaffen. Russland hat andere Wege dazu blockiert, etwa Sanktionen des UNO-Sicherheitsrats gegen das Regime. Russland hat auch sein Veto dazu missbraucht, um die Aufklärungsarbeit einer Mission der Vereinten Nationen und der Organisation zum Verbot chemischer Waffen zu sabotieren, weil sie das Regime für einen Sarin-Angriff vor einem Jahr verantwortlich gemacht hatte.

Bildstrecke: Gasangriff in Syrien

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Eine Konfrontation zwischen den Atommächten Russland und Amerika ist deswegen nicht programmiert: Sie verfügen über die nötigen Kommunikationskanäle, um militärische Zusammenstösse in Syrien zu vermeiden – sie wurden genutzt, als US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr Marschflugkörper auf ein Flugfeld feuern liess, auch andere Situationen wurden entschärft. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat klargestellt, dass es allein darum geht, die Fähigkeit zum Einsatz von Chemiewaffen auszuschalten. Auch diese Aussage beugt einer Eskalation vor, wie Missverständnisse sie auslösen können, ohne dass es die Beteiligten wollen.

Ein Militärschlag löst jedoch nicht das ursächliche Problem in Syrien. In den verbliebenen Rebellengebieten in Idlib, zwischen Homs und Hama und im Süden werden sich ähnliche Szenen wiederholen, wenn die syrische Armee und ihre Verbündeten der vom Iran unterstützten schiitischen Söldnerheere anrücken. Für die Syrer macht es keinen Unterschied, ob sie durch russische Bomben sterben oder durch syrisches Chlor. In Ostghouta wurden 2000 Zivilisten mit konventionellen Waffen getötet, ohne dass Trump dadurch die Menschlichkeit dermassen verletzt sah, dass er nicht noch den Abzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt hätte.

Jeder gegen jeden

Was es in Syrien braucht, ist eine Strategie, den Krieg mit einer politischen Lösung zu beenden. Das ist zugegeben nicht simpel, aber bisher zeigt Trump null Interesse, und auch Europa hat sich in der Rolle des Zuschauers eingerichtet, obwohl es angesichts der Flüchtlinge direkt betroffen ist, anders als die USA oder Russland.

Moskau aber hat Zeit, der Iran noch mehr. Assad spielt sie gegeneinander aus. So kann ihn keiner kontrollieren, auch wenn er auf beide angewiesen ist. Genüsslich beobachtet man im Kreml derweil, wie sich der Nato-Staat Türkei mit den USA überwirft. Und Israel muss feststellen, dass weder Trump noch Putin Anstalten machen, dem Iran und der Hizbollah in Syrien Einhalt zu gebieten oder sie vom Golan fernzuhalten.

Der Iran und Assad haben ein Interesse, die Spannungen zwischen Russland und den USA anzuheizen.

Der Iran und Assad haben ein Interesse, die Spannungen zwischen Russland und den USA anzuheizen. Es dient ihren Zielen. US-Soldaten und iranische Milizionäre haben sich Gefechte geliefert, die Revolutionsgarden provozierten den heftigsten Schlagabtausch zwischen Israel in Syrien seit Jahren. Die Auseinandersetzung wird sich verschärfen, wenn Trump seinen dumpfen Instinkten folgt und das Atomabkommen mit Teheran kündigt und die vom Iran unterstützten Huthi weiter aus dem Jemen Raketen nach Saudiarabien schiessen.

Das eigentliche Risiko, das von Syrien ausgeht, ist ein neuer Grosskrieg im Nahen Osten, wo ohnehin die rivalisierenden Regionalmächte Iran, Saudiarabien und Türkei um Einfluss ringen und ­Israel sich existenziell bedroht sieht. Dann wird es für Donald Trump und Wladimir Putin wirklich schwierig werden, eine Eskalation zu vermeiden.

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