Die ungewollte Wirkung guter Taten

Ihre Motive sind ehrenhaft, doch Nichtregierungsorganisationen, die vor der libyschen Küste Migranten aus dem Meer retten, spielen den Schleppern in die Hände.

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Die Aktivitäten privater Hilfsorganisationen vor der libyschen Küste haben in den vergangenen Wochen zu heftigen Debatten geführt. Der Vorwurf steht im Raum, sie würden einen «Abholdienst» für Flüchtlinge und Migranten anbieten, welche von der westlibyschen Küste aus nach Europa gelangen wollen. Einzelne NGOs sollen gar Migranten direkt von Schleppern übernommen haben; die italienischen Behörden haben Ermittlungen aufgenommen.

Der Hauptvorwurf an diese Organisationen lautet, sie förderten die klandestine Emigration nach Europa und unterstützten damit zumindest indirekt das Geschäft der skrupellosen Schlepperbanden. Ärzte ohne Grenzen wie auch andere Nichtregierungsorganisationen verwahren sich vehement gegen diesen Vorwurf und berufen sich auf ihre humanitäre Pflicht, das Leben gefährdeter Menschen zu retten.

Am Engagement dieser Organisationen besteht kein Zweifel. Dennoch müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie die komplexen Zusammenhänge der irregulären Migration nach Europa angemessen beurteilen. Denn an der «Sogwirkung» dieser Form von Seerettungen ist kaum zu zweifeln. Zwar ist der wichtigste Pull-Faktor nach wie vor die chaotische Situation in Libyen, in der Schlepperbanden freie Hand haben. Wenn aber Migranten von ihren Schleppern die Instruktion erhalten, schon kurz nach dem Ablegen ein Notrufsignal auszusenden, dann hängt dies direkt mit der Anwesenheit von solchen Rettungsschiffen vor der libyschen Küste zusammen. Die kurze Passage auf dem Mittelmeer wird damit zur vergleichsweise einfachsten Etappe der gesamten beschwerlichen Reise.

Dies wissen die meisten Migranten, vor allem aber die international vernetzten Schlepper und ihre Helfershelfer in Dakar, Lagos oder Casablanca. Würden etwa im Niger Lastwagen auf dem Weg nach Libyen systematisch auf Migranten hin kontrolliert, wäre dies innert kürzester Zeit auch in Dakar oder Bamako bekannt.

Weder Krieg noch Hunger

Die privaten Rettungsaktionen tragen somit dazu bei, dass sich Hunderttausende Migranten auf den Weg machen, die weder aus Kriegsgebieten stammen noch an Hunger leiden. Diese jungen Männer und Frauen geraten in der Folge in Libyen in die Hände skrupelloser Milizionäre und müssen Schreckliches erdulden. Falls ihnen die Überfahrt nach Italien glückt, werden sie oft ausgebeutet und leben unter prekären und unwürdigen Verhältnissen. Die Behauptung der Hilfswerke, diese Leute hätten sich ohnehin auf den Weg gemacht, ist so nicht haltbar: Viele kommen, weil sie – zu Recht – den Eindruck haben, es sei nie einfacher gewesen, nach Europa zu gelangen, als heute.

Es ist verständlich, dass Hunderttausende zumeist junge Männer aus Ländern des Südens in Europa ein besseres Leben suchen. Doch allein schon in Afrika gibt es derart viele gewalttätige Konflikte und Kriege, dass Europa bereits mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus solchen Ländern überfordert ist. Genau diese Hilfe muss aber die erste Priorität sein.

Ethisch vertretbare und praxistaugliche Lösungen für das Problem sind nicht in Sicht. Der Vorschlag von Gerald Knaus, Migrationsabkommen mit afrikanischen Staaten abzuschliessen, welche die Rückübernahme abgelehnter Asylbewerber mit der Öffnung legaler Migrationsrouten verknüpfen, ist zwar zukunftsweisend, kann aber, wenn überhaupt, erst mittelfristig eine Wirkung entfalten. Zudem ist an der Kooperationsbereitschaft der meisten afrikanischen Regierungen zu zweifeln.

Kurzfristig verspricht wohl einzig die strikte Kontrolle der Südgrenze Libyens eine Chance auf eine Reduktion der Migrationsströme. Gleichzeitig müssten humanitäre Korridore für Flüchtlinge eröffnet werden, um ihnen die Reise durch das libysche Inferno zu ersparen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass – zumindest in den nächsten paar Jahren – die Ausreise von Wirtschafts- und Armutsmigranten aus Afrika gestoppt werden muss. Nur so lässt sich rasch eine Lösung für die verzweifelten Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenregionen finden.

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