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Die Schlacht nach der Schlacht

Raqqa, die syrische Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat, dürfte bald fallen. 160'000 Menschen könnten dort zwischen die Fronten geraten.

Über der Stadt Daraa im Südwesten Syriens steigt nach einem Raketenangriff Rauch auf. Foto: Mohamad Abazzed (AFP)
Über der Stadt Daraa im Südwesten Syriens steigt nach einem Raketenangriff Rauch auf. Foto: Mohamad Abazzed (AFP)

Kurdische Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und mit ihnen verbündete arabische Milizen haben am Montag die alten Stadtmauern von Raqqa erreicht. Der zweite Abbasiden-Kalif, Abu Jafar al-Mansur, Gründer von Bagdad, hatte sie 772 verstärken lassen. Er wollte den Ort zur zweiten Hauptstadt seines Reiches ausbauen. Bagdad kamen die Jihadisten des Islamischen Staates (IS) zwar bis auf 30 Kilometer nahe, aber Raqqa nahmen sie im Januar 2014 ein. Beginnend im September 2013, hatten sie gemässigte Rebellen wie die Freie Syrische Armee vertrieben. So wurde die im modernen Syrien unbedeutende Stadt im intensiv landwirtschaftlich genutzten Tal des Euphrat zur Kapitale des Terrorkalifats des Abu Bakr al-Baghdadi, ausgerufen ein halbes Jahr später in der Nuri-Moschee in der Altstadt von Mosul im Irak.

Umgeben von den Stadtmauern in Raqqa finden sich heute mehrstöckige Beton-Zweckbauten, in denen der IS Hauptquartiere und seine Bürokratie angesiedelt hat. Zwischen 2500 und 5000 IS-Kämpfer sollen sich dort verschanzt halten. Westliche Geheimdienste prophezeien einen harten Häuserkampf wie im Westen Mosuls. 160'000 Zivilisten sind in Raqqa nach UNO-Angaben eingeschlossen. Sie werden zunehmend Opfer der intensivierten Luftangriffe. Zuletzt gab es Vorwürfe, die USA hätten über der Stadt Munition mit weissem Phosphor eingesetzt. Er kann nach internationalem Recht zur Gefechtsfeldbeleuchtung und Vernebelung eingesetzt werden, nicht aber über bewohntem Gebiet. Dort wirkt Phosphor wie eine Brandbombe und kann zu schwersten Verletzungen führen.

Der harte Kern des IS

Die von den US-Soldaten unterstützten Milizen unter dem Dach der Syrischen demokratischen Kräfte (SDF) haben seit Monaten einen Ring um Raqqa gezogen. Sie umgingen den befestigten Norden und stossen nun zugleich von Westen und Osten in die Stadt vor. Anfang Juni begannen sie offiziell mit der Offensive – sehr zum Missfallen der Türkei, die eine Beteiligung der YPG ablehnt. Diese gelten Ankara als Ableger der PKK und damit als Terrorvereinigung. Wenn Raqqa fällt und zuvor noch Mosul, dann hat das Kalifat seine beiden wichtigs­- ten Orte verloren. Als staatsähnliches Gebilde ist es dann Geschichte, auch wenn es im Irak und in Syrien weiter Gebiete gibt, die von IS-Kämpfern kontrolliert werden.

In Syrien ist dies vor allem das Tal des Euphrat südöstlich von Raqqa. In Deir al-Zor belagert der IS mehr als 200'000 Zivilisten in einer von der Regierung kontrollierten Enklave. Vor allem aber zwischen al-Mayadin und dem grenznahen al-Bukamal verorten westliche Geheimdienste wichtige Führungskader des IS, die sich aus Raqqa abgesetzt und dort noch 5000 bis 8000 Kämpfer um sich geschart haben; sie gelten als der harte Kern des IS. Über alte Schmugglerpfade durch die Wüste sind sie über die Grenze hinweg mit Zellen in der irakischen Provinz Anbar verbunden. Dort und um Deir al-Zor, dem urbanen Zentrum im Südosten Syriens, bahnt sich schon die nächste Schlacht an. Sie wird nicht nur die entscheidende im Kampf gegen den IS sein, sie dürfte auch grössten Einfluss auf die Zukunft Syriens und den weiteren Verlauf des Bürgerkrieges haben. Hier könnten bald in grösserem Umfang von den Amerikanern und Briten unterstützte Rebellen und Milizen auf Einheiten des Regimes von Präsident Bashar al-Assad treffen, darunter die Hizbollah, iranische Revolutionsgarden und womöglich auch russische Soldaten. Die beiden Seiten liefern sich derzeit einen Wettlauf um die noch vom IS kontrollierten Gebiete – zu ersten bewaffneten Auseinandersetzungen ist es bereits gekommen.

Bereits Mitte Mai flogen US-Kampfjets Angriffe auf syrische Regierungstruppen und Hizbollah-Kämpfer, die sich einem US-Feldlager in al-Tanf näherten, wenige Kilometer von der irakischen Grenze auf syrischem Gebiete gelegen. Die Ame­rikaner und britische Spezialeinheiten bilden in al-Tanf Rebellen der Gruppe Maghawir al-Thawra für den Kampf gegen den IS aus. Allerdings dürften diese ebenso wenig wie die SDF die Absicht haben, vom IS freigekämpfte Gebiete dem Regime oder dessen iranischen Unterstützern zu überlassen.

Vergangene Woche näherte sich erneut ein Konvoi mit einem Panzer, Artillerie- und Luftabwehrgeschützen der Sperrzone. Die Amerikaner setzten über ihre Hotline mit dem russischen Oberkommando in Syrien Warnungen ab – ohne Erfolg. US-Kampfjets zerstörten daraufhin den Panzer und die Geschütze. Zudem schossen sie zwei iranische Drohnen ab. Eine davon hatte das Camp beobachtet, die andere Raketen abgefeuert. Beim Angriff auf die Bodenstation sollen Hizbollah-Kämpfer und zwei iranische Techniker verletzt worden sein.

Die Schlacht dürfte auch grössten Einfluss auf die Zukunft Syriens und den weiteren Verlauf des Bürgerkrieges haben.

Russlands Aussenminister Sergei Lawrow kritisierte den Angriff als «aggressiven Akt» und telefonierte mit seinem US-Kollegen Rex Tillerson. Ein zum russischen Verteidigungsministerium gehörender TV-Sender hatte Ende Mai Bilder russischer Kampfhelikopter verbreitet, die in dem Gebiet nahe dem Dreiländereck mit dem Irak und Jordanien Einsätze flogen, offenkundig zur Unterstützung jener Milizen, die von den US-Jets bombardiert wurden.

Eine Landbrücke nach Syrien

Syriens Präsident Assad gibt dieser Front im Osten nun Priorität: Soldaten stiessen erstmals seit 2015 nördlich von al-Tanf an die Grenze zum Irak vor und schnitten damit den Amerikanern und ihren Partnern den Weg ab; andere wurden aus Aleppo Richtung Deir al-Zor verlegt. Der Iran versucht, südlich von Mosul eine Landbrücke nach Syrien zu schaffen, einen Nachschubweg für die Hizbollah im Libanon. Der Chef ihrer Revolutionsgarden, Qassem Soleimani, liess sich im Grenzgebiet mit Soldaten fotografieren. Das dürfte Israel mit Besorgnis sehen; zuletzt hat es Ziele in Syrien bombardiert. Angeblich handelte es sich jeweils um Waffenlieferungen für die Hizbollah.

Zudem hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, sich Teherans Streben nach mehr Einfluss in der Region entgegenzustellen. Im Osten Syriens wird sich zeigen, ob er dem Taten folgen lässt. Im Pentagon gilt die Situation dort auch als Test, inwieweit Moskau bereit ist, die Ambitionen des Iran (und jene von Assad) zu unterstützen.

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