Die Luxusflüchtlinge der Saudis

Nie kamen mehr Menschen aus Syrien nach Europa als im Oktober. Dabei würde auch Saudiarabien Flüchtlinge aufnehmen. Allerdings nur in speziellen Fällen.

In dieser Villa soll Ben Ali, der gestürzte Diktator von Tunesien, Unterschlupf gefunden haben.

In dieser Villa soll Ben Ali, der gestürzte Diktator von Tunesien, Unterschlupf gefunden haben. Bild: AFP

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In Syrien und in den angrenzenden Flüchtlingslagern herrscht Torschlusspanik: Die Sorge vor einer Änderung der bisher grosszügigen Flüchtlingspolitik etwa Deutschlands und Schwedens hat die Zahl der Schutzsuchenden auf ein Rekordniveau steigen lassen. Das Gerücht geht um, Europa mache nun vielleicht doch die Grenzen dicht. Zudem steht der Winter vor der Tür, die Nächte werden kühler, schon bald fällt Schnee auf der Balkanroute. Allein im Oktober flohen rund 218'400 Menschen übers Mittelmeer nach Europa, berichtet das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Das sind fast so viele wie im gesamten Vorjahr – ein trauriger Rekord.

4 Millionen Syrer haben ihre Heimat verlassen, fast 8 Millionen wurden innerhalb des Bürgerkriegslands vertrieben. Weshalb wagen immer mehr Flüchtlinge die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer und den beschwerlichen Marsch auf der Balkanroute? Die Frage stellt sich, weil ein Blick auf die Landkarte eigentlich eine Flucht in den Süden, ins angrenzende Königreich Saudiarabien nahelegen würde. Zumal die Regierung in Riad sich am Krieg in Syrien beteiligt, indem sie die Rebellen unterstützt.

Angst vor der Religionspolizei

Doch diese Alternative ist kein Thema. «Ich habe nie einen Iraker oder einen Syrer getroffen, der davon sprach, in Saudiarabien Asyl zu beantragen», sagt John Eibner, der für das Hilfswerk Christian Solidarity International regelmässig in die Krisenregion reist. Saudiarabien wie auch die übrigen Golfstaaten haben die UNO-Konvention für Flüchtlinge nicht unterzeichnet und sind daher nicht verpflichtet, Verfolgten Asyl zu gewähren. Im vergangenen Jahr anerkannte Saudiarabien gemäss UNHCR genau 561 Personen als Flüchtlinge, 100 erhielten Asyl. Abschreckend wirke auf Syrer und Iraker auch die Religionspolizei im wahhabitischen Nachbarland, die die Scharia strikt durchsetze, so Eibner. Rechtsstaaten wie Deutschland oder Schweden, die sich an internationale Vereinbarungen hielten, seien daher attraktiver als Zielländer.

Die saudische Regierung hat die Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik als «falsch und irreführend» zurückgewiesen, wie der britische «Guardian» berichtete. Tatsächlich habe man 100'000 Personen eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. Ob es sich dabei tatsächlich um Flüchtlinge handelt, ist indes unklar: Gemäss amerikanischen Quellen beträgt der Ausländeranteil in Saudiarabien 21 Prozent, darunter 100'000 Syrer, die bereits vor dem Krieg dort gelebt haben. Das seien allerdings meistens arme Gastarbeiter, die oft wirtschaftlich ausgenützt sowie psychisch und physisch missbraucht würden, wie Menschenrechtsorganisationen schreiben. Human Rights Watch berichtete, Saudiarabien habe Hunderttausende jemenitische Gastarbeiter auf illegale Weise zurück in ihre Heimat deportiert. Eine schriftliche Anfrage bei der saudischen Botschaft in Bern, wie viele Flüchtlinge Riad nun tatsächlich aufgenommen habe, ist unbeantwortet geblieben.

Der Herrscher über alle Tiere der Erde

Keine Illusionen über die Flüchtlingspolitik ihres Heimatlandes macht sich Madawi al-Rasheed. Die saudische Historikerin und Bloggerin lebt im Exil in Grossbritannien und lehrt an der London School of Economics. Angesprochen auf die angeblich 100'000 syrischen Flüchtlinge in Saudiarabien, sagt sie: «Ich weiss nichts davon.» Es sei jedoch unbestritten, dass das Regime keine Flüchtlinge wolle, weil man sonst staatenlose Einwanderer im Land hätte. Allerdings fügt sie an, wenn auch mit sarkastischem Unterton: «Dennoch kann niemand sagen, Saudiarabien nehme keine Flüchtlinge auf.»

Rasheed spielt damit auf die saudische Praxis an, in Ungnade gefallenen Machthabern ein Saus-und-Braus-Asyl anzubieten. Das erste Diktatorenopfer des sogenannten Arabischen Frühlings war Zine al-Abidine Ben Ali, von 1987 bis 2011 autokratisch regierender Präsident von Tunesien. Nach seinem Sturz floh er nach Saudiarabien, und heute lebt er mit seiner Familie wohlversorgt in Jidda. Auch der aktuelle pakistanische Premier Nawaz Sharif war einst im saudischen Exil. Als einer der reichsten Männer Pakistans genoss er Flüchtlingsstatus. Zuletzt fand der jemenitische Staatschef Abd Rabbuh Mansur al-Hadi im Nachbarland einen luxuriösen Unterschlupf, während seine Landsleute in die kriegsgeplagte Heimat zurückgeschickt wurden. Der Jemen ist das ärmste arabische Land.

Der am meisten berüchtigte Flüchtling, den Saudiarabien je aufgenommen hatte, war jedoch «Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Al Haji Doktor Idi Amin Dada, VC, DSO, MC, Herr aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere und Bezwinger des britischen Empire in Afrika im Allgemeinen und Uganda im Speziellen». Oder etwas kürzer: der Schlächter von Uganda. Nach seinem Sturz stellten die Saudis Idi Amin eine Villa zur Verfügung, wo er bis zu seinem Tod 2003 ein luxuriöses Leben führte. «Es ist die Politik des Königshauses», so Regimekritikerin Madawi al-Rasheed, «dass man solchen Leuten die arabische und muslimische Gastfreundschaft anbietet und nicht den Flüchtlingen.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2015, 19:01 Uhr

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