«Die Leute haben den Zyklon unterschätzt»

Jorge Lampião, Mitarbeiter von Solidar Suisse, hat die Naturkatastrophe in Moçambique miterlebt. Er berichtet von dramatischen Szenen.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Jorge Lampião war gerade auf dem Weg in die Schweiz, als vor einer Woche der Tropensturm Idai und in seinem Gefolge schwere Überschwemmungen seine Heimat Moçambique erfassten. In der inzwischen verwüsteten Stadt Beira war der Flughafen ausser Betrieb, sämtliche Flüge wurden gestrichen, die Kommunikationssysteme brachen zusammen. Erst zwei Tage danach konnte Lampião nach Zürich fliegen, um an einer Konferenz von Solidar Suisse teilzunehmen. Für diese Hilfsorganisation ist er seit 19 Jahren tätig. Lampião ist Landeskoordinator von Solidar Suisse in Moçambique.

«Ich habe noch nie eine solche Naturgewalt erlebt», erzählt Lampião in einem Telefongespräch. In Moçambique gebe es immer wieder Zyklone und Überschwemmungen. «Solche Zerstörungen habe ich aber noch nie gesehen», sagt Lampião, der nach zwei Tagen in Zürich wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist.

Überlebende auf Häuserdächern und Baumkronen

Die Menschen in Moçambique seien von den Behörden drei, vier Tage vor dem Eintreffen des Wirbelsturms gewarnt worden, sagt Lampião. «Die Leute wussten, dass ein starker Zyklon kommen wird. Aber sie konnten sich offenbar nicht vorstellen, was das tatsächlich bedeutet.» Wie von den Behörden empfohlen, seien sie zu Hause geblieben und hätten auch Türen und Fenster geschlossen. «Das Unwetter war allerdings derart stark, dass diese Vorkehrungen für viele Menschen keinen ausreichenden Schutz boten», sagt Lampião. Und weiter: «Die Leute haben den Zyklon unterschätzt.»

Die Bilanz der Naturkatastrophe, die neben Moçambique auch Zimbabwe und Malawi traf, lässt sich auch eine Woche danach nur abschätzen. Allein in Moçambique ist die Zahl der Toten auf 242 gestiegen, wie die Regierungsbehörden am Freitagmittag mitteilten. Zudem sitzen etwa 15’000 Menschen fest, die dringend gerettet werden müssen. «Tausende Menschen harren noch auf Häuserdächern und in Baumkronen aus», sagt Lampião. Mindestens 400’000 Menschen seien auf humanitäre Hilfe angewiesen.

«Ich habe noch nie eine solche Naturgewalt erlebt»: Jorge Lampião, Landeskoordinator von Solidar Suisse in Moçambique.

Das Unwetter hat in Südostafrika schlimme Verwüstungen hinterlassen. Fotos aus dem Katastrophengebiet zeigen zum Beispiel weggeschwemmte Häuser, verschüttete Strassen und eingestürzte Brücken. In Moçambique stehen rund 3000 Quadratkilometer Land unter Wasser. Das ist eine Fläche, die grösser ist als der Kanton Tessin. Viele Überlebende sind lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. So trinken sie in ihrer Not verunreinigtes Wasser. Es ist nur eine Frage von Tagen, bis Krankheiten ausbrechen, denn die sanitären Infrastrukturen sind komplett zerstört worden.

Internationale Hilfe ist dringend nötig

«Die Bewältigung dieser Katastrophe können wir schaffen, aber ohne internationale Hilfe geht es nicht», sagt Lampião, dessen Heimat zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Substanzielle Hilfe für Moçambique kommt auch aus der Schweiz. Insgesamt stellt die Humanitäre Hilfe der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zwei Millionen Franken für die Bewältigung der Not bereit. Vor Ort sind Wasserexperten, Logistiker und andere Fachleute der Deza. Auch das Schweizerische Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) hat ein Hilfsteam in die Katastrophengebiete geschickt.

Hilfe leisten auch private Organisationen aus der Schweiz. So zum Beispiel Solidar Suisse, die für sofortige Hilfsmassnahmen 100’000 Franken zur Verfügung stellte und Spenden für Moçambique sammelt. Solidar Suisse ist bereits seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in Moçambique engagiert. «Wir sind in der Bevölkerung breit abgestützt und haben sehr gute Beziehungen zu den lokalen Behörden», sagt der Programmverantwortliche für Moçambique, Joachim Merz. «Das ist ein entscheidender Vorteil für eine schnelle und effektive Umsetzung der Nothilfemassnahmen.»

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