Die gierigen Helfer

Mit Megaprojekten wie Eisenbahnlinien sichert sich China in Afrika Rohstoffe, Absatzmärkte und Einfluss. Staatschef Xi Jinping trifft nun Dutzende Präsidenten.

Xi Jinping und seine Frau Peng Liyuan werden in Harare, Zimbabwe, von Präsident Robert Mugabe (links) empfangen. Foto: Philimon Bulawayo (Reuters)

Xi Jinping und seine Frau Peng Liyuan werden in Harare, Zimbabwe, von Präsident Robert Mugabe (links) empfangen. Foto: Philimon Bulawayo (Reuters)

Es ist die grösste Auslandsinvestition, die China jemals tätigte. Das Reich der Mitte will im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas eine nagelneue Eisenbahnlinie bauen: Sie wird über mehr als 1400 Kilometer der nigerianischen Atlantikküste entlangführen, von Lagos bis nach Calabar. Mit dem Grossprojekt soll das erdölreiche Nigeria als Tor zum westafrikanischen Wirtschaftsraum erschlossen werden: ein Vorhaben, das Peking immerhin 13 Milliarden Dollar wert ist.

Es ist das bislang ehrgeizigste Megaprojekt, mit dem China den marginalisierten Kontinent bedenkt – doch keineswegs das einzige. In Angola haben die Freunde aus Fernost alle drei im Bürgerkrieg zerstörten Eisenbahnlinien des südwestafrikanischen Landes saniert, und in Ostafrika will Peking mit einer ebenfalls neu verlegten Eisenbahnlinie Kenia, Uganda und den Südsudan verbinden. Auf dem gesamten Kontinent hat das Reich der Mitte unzählige Strassen gebaut, Satellitenstädte errichtet und Fussballstadien in die Höhe gezogen: 15 Jahre chinesisches Engagement in Afrika hinterliessen bereits wesentlich deutlichere Spuren als ein halbes Jahrhundert westlicher Entwicklungshilfe.

Längst hat China die USA und die ehemaligen europäischen Kolonialnationen als Afrikas wichtigste Handelspartner überholt. Das Volumen des Güteraustausches hat sich seit Beginn des Jahrtausends von knapp 10 Milliarden auf fast 300 Milliarden Dollar nahezu verdreissigfacht. Bis im Jahr 2020 soll der Afrika-Handel nach den Vorstellungen Pekings sogar auf einen Wert von 400 Milliarden Dollar steigen, fast so viel, wie China heute mit Europa austauscht (knapp 470 Milliarden Euro). Auf dem afrikanischen Kontinent sind inzwischen rund 2500 chinesische Firmen aktiv, weit über eine Million Chinesen bauen Eisenbahnlinien, betreiben Restaurants und stehen selbst in entlegensten Winkeln des Hinterlandes in ihren Läden.

Ein Beweis der Bruderschaft

Chinesische Politiker lassen sich in Afrika so oft wie kaum irgendwo anders auf der Welt blicken: Seit Dienstag befindet sich Staatspräsident Xi Jinping wieder einmal in Südafrika. Dort wird am Donnerstag auch das alle drei Jahre stattfindende Forum für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit (Focac) stattfinden, zu dem Dutzende von Präsidenten aus allen Teilen des Kontinents erwartet werden. Während des Gipfeltreffens wird wieder einmal Pekings Engagement als Beweis der Bruderschaft zwischen dem Kontinent und dem bevölkerungsreichsten Staat der Welt gefeiert: Die Allianz schweisse die Opfer des westlichen Kolonialismus zusammen.

Solche Reden werden allerdings selbst von Afrikas Staatschefs nicht ganz ernst genommen. Zu offensichtlich, dass der fernöstliche Tiger seinen Schmusekurs vor allem zur Sicherung seines Rohstoffhungers für seine weitere wirtschaftliche Expansion einschlug. Chinas Hauptinteresse gilt den Erdölstaaten des Kontinents – wie Nigeria, Angola oder den beiden Sudan – und jenen Nationen, die reich an anderen wichtigen Bodenschätzen sind. Wie Südafrika (Platin und Kohle), der Kongo (Uran, Coltan und Zinn) sowie Sambia (Kupfer).

Dass chinesische Firmen ihre Bauprojekte mit Arbeitskräften von zu Hause realisieren, verärgert viele Afrikaner.

Selbstverständlich sind Afrikas Staatschefs beglückt von Chinas gesteigertem Interesse – nicht zuletzt, weil dies zu Beginn des Jahrtausends den Preis für Bodenschätze in die Höhe trieb. Ausserdem gefällt den Präsidenten, dass das Reich der Mitte seine guten Beziehungen nicht wie der Westen von der Einhaltung der Menschenrechte abhängig macht. Nach altem Stil hält Peking als Motto die «Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten» der umworbenen Staaten hoch. Der Grundsatz, an dem die chinesischen Parteichefs auch festhalten, um sich selbst vor Kritik zu schützen, mag zwar den afrikanischen Staatschefs gelegen kommen. Doch die Bevölkerung ihrer Staaten sieht das im Regelfall anders.

Verträge unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Ihr grösster Vorbehalt: dass die Verträge zwischen Peking und den afrikanischen Regierungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zustande kommen und ihre Details niemals veröffentlicht werden. Auf diese Weise ist unklar, wie und in welchem Umfang sich afrikanische Staaten im Rahmen des chinesischen Engagements verschulden – oft werden langfristig vereinbarte Rohstofflieferungen als Gegenleistungen für Investitionen oder Tilgung von Krediten vereinbart. Hinzu kommt, dass derart undurchsichtige Vertragswerke aller Wahrscheinlichkeit nach von Schmiergeldzahlungen an führende Politiker begleitet sind. Nicht grundlos steht China auf dem Korruptionsindex von Transparency International an 100. Stelle.

Nirgendwo sonst investiert China Summen wie in Afrika: 17 Prozent aller chinesischen Auslandsinvestitionen gehen in den kapitalhungrigen Erdteil (Europa: 12 Prozent). Zweifellos haben die 150 Milliarden Dollar, die China in den vergangenen achteinhalb Jahren nach Afrika pumpte, zu einer Verbesserung des Lebens der Bevölkerung beigetragen. Experten fürchten indes, dass Afrikas Staaten in eine neue Schuldenfalle geraten könnten – das ostafrikanische Eisenbahnprojekt wird Kenias Auslandsschuldenlast um ein Drittel vergrössern. «China hat den Kontinent mit Stadien, Flughäfen, Krankenhäusern, Autobahnen und Staudämmen gepfeffert», schreibt Buchautor Howard French («Chinas zweiter Kontinent»): «Doch die Afrikaner wissen sehr wohl, dass diese Projekte viele Staaten hochverschuldet und mit anderen Problemen zurücklassen – von Umweltkonflikten bis zu Arbeitskämpfen.»

Tödliche Zusammenstösse

Die Konsequenzen der daraus resultierenden Abhängigkeit kamen bereits in diesem Jahr zum Vorschein. Die Schwankungen der chinesischen Wirtschaft beeinträchtigen auch die Wirtschaft zahlreicher afrikanischer Staaten. Der Wert des in Mauretanien gewonnenen Eisenerzes brach um fast ein Drittel ein, für Kupfer aus Sambia wird heute gerade noch die Hälfte des vor vier Jahren üblichen Preises bezahlt. «Wer von China abhängig ist und keine diversifizierte Wirtschaft hat, dem fallen die wirtschaftlichen Pfeiler wie Dominosteine um», sagt der südafrikanische Ökonom Christie Viljoen.

Auch die Tatsache, dass zahlreiche chinesische Unternehmen ihre Bauprojekte mit Arbeitskräften von zu Hause realisieren, verärgert viele Afrikaner. Auf diese Weise werde weder etwas gegen die weit verbreitete Arbeitslosigkeit noch für die Übertragung von Kenntnissen getan. Und wo chinesische Unternehmer wie im Bergbau doch einheimisches Personal einstellen, sind die Arbeitsbedingungen oft katastrophal. In sambischen Kupferminen kam es bereits wiederholt zu tödlichen Zusammenstössen zwischen chinesischen Managern und afrikanischen Kumpel. Nicht nur Gerüchten zufolge sind Chinesen am illegalen Elfenbein- und Nashornschmuggel beteiligt, überfischen die Gewässer vor Afrikas Küsten und plündern die Regenwälder für Tropenholz aus – ganz abgesehen davon, dass sie mit oft minderwertiger Ware die Märkte überschwemmen und bereits weitgehend die afrikanische Textilindustrien zerstört haben. «China nimmt unsere Bodenschätze und verkauft uns fertige Produkte», klagt der ehemalige nigerianische Zentralbankchef Lamido Sanusi: «Genau dasselbe haben einst die Kolonialisten getan.»

Die chinesische Maschine

Die Parallele ist gewiss übertrieben. Chinesische Aufseher hauen kongolesischen Arbeitern, die ihr Soll nicht erfüllt haben nicht, wie einst die Häscher des belgischen Königs Leopold, die Hände ab oder massakrieren ein halbes Volk wie die deutschen «Schutztruppen» die Hereros in der namibischen Wüste. Vielmehr trug Peking massgeblich zum wirtschaftlichen Aufstieg Afrikas bei. Ohne die chinesische Maschine würde der Kontinent nicht schon seit mehr als zehn Jahren Wachstumsraten von durchschnittlich rund fünf Prozent produzieren.

Selbstverständlich handelt es sich beim Engagement des Reichs der Mitte nicht um reine Entwicklungshilfe. Wie die westlichen Staaten auch hat China in erster Linie die eigenen Interessen im Auge. Afrikanische Präsidenten, die nicht bloss die eigenen Taschen füllen wollen, könnten mit den chinesischen Begierden produktiv umgehen. Sie könnten die besten Konditionen für ihr Land aushandeln, korrupten Avancen die kalte Schulter zeigen und ihre Bevölkerung vor den Übergriffen chinesischer Ausbeuter schützen. Mindestens genauso wichtig wie ausländisches Kapital ist für Afrikas Bevölkerung deshalb gute Regierungsführung: Diese hervorzubringen, scheint allerdings noch schwieriger zu sein, als Milliarden an Dollar anzulocken.

China baut Marinestützpunkt in Djibouti

In dem strategisch perfekt zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden gelegenen Kleinstaat Djibouti wird es eng. Nach den Franzosen, die das Land von der halben Grösse der Schweiz einst als Kolonialmacht beherrschten, und den Vereinigten Staaten, die dort ihre einzige Militärbasis auf afrikanischem Boden unterhalten, will nun auch China den Küstenstaat als Stützpunkt nutzen – es wird die erste chinesische Militärbasis ausserhalb der Volksrepublik sein.

Mit der Regierung des ostafrikanischen Kleinstaats sei bereits ein Stationierungsabkommen unterzeichnet worden, gab Chinas Präsident Xi Jinping kürzlich bekannt. Offiziell wird der Bau der Basis mit dem Antipirateneinsatz der chinesischen Marine zum Schutz der dortigen Gewässer begründet. Experten sehen in dem Schritt jedoch die Geltendmachung eines militärischen Einflusses Chinas auf Afrika, den Nahen Osten und die Arabische Halbinsel. Der chinesische Stützpunkt wird auch über einen Flugplatz verfügen.

Pekings Perlenkette

Während ein ähnliches Ersuchen Russlands am Widerstand der US-Regierung gescheitert ist, hat Washington gegen die chinesische Konkurrenz offenbar nichts auszusetzen. In ihrem Camp Lemonnier haben die amerikanischen Streitkräfte mehr als 4000 Soldaten stationiert. Sie sind sowohl mit Drohnenflügen über Somalia und dem Jemen sowie mit verschiedenen Seeoperationen beschäftigt. Derzeit wird das US-Camp mit 1,4 Milliarden Dollar noch weiter ausgebaut. Frankreich unterhielt in Djibouti lange den grössten seiner afrikanischen Stützpunkte, bis die Zahl der dort stationierten Soldaten wegen des Militäreinsatzes in Mali und der Zentralafrikanischen Republik von rund 4000 auf weniger als 1500 heruntergefahren wurde. Der Kleinstaat selbst hat knapp 800'000 Einwohner.

Die Volksrepublik China hofiert Djibouti schon seit mehreren Jahren mit Infrastrukturprojekten. Das Land der Mitte hat Milliarden in den Ausbau der Eisenbahn nach Äthiopien und in Strassenprojekte in Djibouti investiert. Entlang des Indischen Ozeans werden derzeit mehrere Häfen von China ausgebaut: Die sogenannte Perlenkette soll Pekings Ansprüche als entstehende Grossmacht unterstreichen. Der bevölkerungsreichste Staat der Welt unterhält mit 2,2 Millionen aktiven Soldaten auch die grösste Streitmacht der Welt. Als Militärbudget gibt China umgerechnet 136 Milliarden Euro an – Experten schätzen es jedoch deutlich höher. Der Militärhaushalt der USA beträgt 570 Milliarden Euro. (jod)

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