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«Die erste und wichtigste Lehre des Irakkrieges ist ...»

Vor zehn Jahren marschierten die USA im Irak ein. «Mission erfüllt», sagte George W. Bush zwei Monate später. «Die Amerikaner haben mein Land zerstört», sagen viele Iraker heute.

US-Präsident George W. Bush bezeichnet in seiner Rede zur Lage der Nation den Irak als ernste Gefahr. Das Land versuche wie Nordkorea und der Iran, sich nukleare, chemische und biologische Waffen zu verschaffen.
US-Präsident George W. Bush bezeichnet in seiner Rede zur Lage der Nation den Irak als ernste Gefahr. Das Land versuche wie Nordkorea und der Iran, sich nukleare, chemische und biologische Waffen zu verschaffen.
AP
Bush empfängt in Washington den britischen Premier Tony Blair. Dieser sichert den USA die Unterstützung Grossbritanniens zu.
Bush empfängt in Washington den britischen Premier Tony Blair. Dieser sichert den USA die Unterstützung Grossbritanniens zu.
EPA
Die letzten Kampftruppen der USA verlassen den Irak.
Die letzten Kampftruppen der USA verlassen den Irak.
Keystone
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Mit einem Luftangriff auf Saddam Hussein höchstpersönlich eröffneten die USA am 19. März 2003 den Irakkrieg. Am Tag darauf begann die Operation Iraqi Liberation (Operation Befreiung Iraks), später umbenannt in Operation Iraqi Freedom (Operation Freiheit für Irak). In gerade mal 21 Tagen eroberten die US-Truppen Bagdad. Widerstand der Iraker, wo überhaupt vorhanden, wurde geradezu weggefegt. Am 21. Mai erklärte US-Präsident Bush auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln: «Mission Accomplished» (Mission erfüllt).

Statt Demokratie herrschte im Irak danach allerdings vielfach Terror und Gewalt. Zwischen Sunniten und Schiiten gab es Krieg statt Versöhnung. Und für die USA entpuppten sich nicht Saddam Husseins Truppen als schwerster Gegner, sondern Bombenleger und Selbstmordattentäter.

«Schwerster strategischer Fehler»

Noch heute fragen sich die USA, wie alles so fürchterlich schiefgehen konnte. Kritiker sprechen heute vom «schwersten strategischen Fehler» der Militärs seit Jahrzehnten. Mittlerweile gelten der damalige Präsident George W. Bush, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sowie die «Neocons» genannten erzkonservativen Berater im Weissen Haus als Schuldige des Debakels.

Noch heute betont Präsident Barack Obama – der damals als Senator als einer der wenigen Parlamentarier «Nein» sagte – der unselige Krieg habe dem Ansehen der USA in der Welt schwer geschadet.

Irak heute eine «Quasi-Demokratie»

«Die erste und wichtigste Lehre des Irakkrieges ist, dass wir nicht gewonnen haben», schrieb die Zeitschrift «Foreign Policy» kurz und bündig. Die Hauptargumente: Die Massenvernichtungswaffen, die der Diktator Saddam Hussein angeblich gehortet hatte, gab es nicht.

Das hinter vorgehaltener Hand postulierte Ziel eines Regimewechsels wurde bestenfalls halbwegs erreicht – Experten bezeichnen die heutigen Verhältnisse in Bagdad eher als «Quasi-Demokratie».

Zu allem Überfluss stärkte die Zerstörung des Iraks die Stellung des Irans am Persischen Golf – «was die USA wohl kaum gewollt hatten», wie der Experte Stephen Walt meint.

Bushs Ziele wurden klar verfehlt. Der damalige Präsident wollte im Irak eine stabile Demokratie, die sich auf die benachbarten Regionen auswirkt. Das wurde nicht erreicht.

Die Iraker sind verbittert

Zehn Jahre sind vergangen, seit eine Streitmacht unter Führung der USA in den Irak einmarschierte, um Saddam Hussein zu stürzen. Sie brachte den Irakern die Freiheit, aber auch Hass, Milizen und Terror.

Auf die Frage an einen Iraker, wie die vor zehn Jahren begonnene US-Invasion sein Leben verändert hat, gibt es heute fast immer die gleiche Antwort: «Die Amerikaner haben mein Land zerstört.»

Ausgenommen davon sind nur einige Politiker und ehemalige politische Gefangene, die im Frühjahr 2003 aus den Folterkellern der Schergen von Präsident Saddam Hussein befreit wurden.

Selbst Ijad Allawi, der damals mit anderen Exil-Oppositionellen in den USA Lobbyarbeit für eine Invasion geleistet hatte, kommt heute ins Grübeln. Die heutige Situation im Irak sei traurig. Sie hätten damals nicht erwartet, «dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln würden.»

Kein Fortschritt

Was Allawi, der nach dem Sturz von Saddam Hussein eine Übergangsregierung geleitet hatte, meint, ist der Zerfall der irakischen Gesellschaft. Der Terror der sunnitischen Jihadisten und schiitischen Parteimilizen hat die Iraker traumatisiert. Vetternwirtschaft und Korruption sind in den Ministerien heute nicht weniger verbreitet als unter dem Diktator.

Die Politiker der verschiedenen Parteien finden in ihrer streng gesicherten Enklave im Zentrum von Bagdad keinen gemeinsamen Nenner mehr. Dass die US-Armee Ende 2011 ihre letzten Soldaten aus dem Irak abzog, hat die Lage weder beruhigt noch verschlimmert.

Vor allem die Minderheit der Sunniten fühlt sich im «neuen Irak» benachteiligt. Denn die Iraker haben zwar heute Wahlen, eine demokratische Kultur fehlt jedoch nach wie vor. Das führt dazu, dass die meisten Wähler ihre Stimme Parteien geben, die ihre Volks- oder Religionsgruppe repräsentieren.

Vom General zu Taxifahrer

Doch auch der schiitische General Safa fühlt sich als Verlierer des Regimewechsels. Nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad lösten sich erst die irakischen Truppenverbände auf. Später wurde die Armee offiziell aufgelöst.

Als hochrangiger Offizier galt der heute 48-jährige General Safa als Teil des alten Regimes, weshalb seine Bewerbung um eine Stelle in der neuen Armee erfolglos blieb.

«Ich habe viel getan, um zu meiner alten Arbeit zurückzukehren, aber ich bin nur mit dem Kopf gegen die Wand gerannt», sagt er. Dass der Offizier der schiitischen Bevölkerungsmehrheit angehört, die von Saddam Hussein einst diskriminiert wurde, half ihm nichts.

«Meine Familie muss ja von irgendetwas leben, deshalb benutze ich mein altes Auto gelegentlich als Taxi», sagt der General, dessen Haar sich vorne lichtet. Seine alte Uniform hängt noch gebügelt im Schrank. Seit seinem Rauswurf aus der Armee trägt er nur noch traditionelle arabische Gewänder.

Viele flohen

Hunderttausende hatten seit 2003 den Irak verlassen, darunter etliche hochqualifizierte Personen. Viele arabische Familien, die den Irak nicht verlassen wollten, liessen sich im Norden des Landes nieder, im kurdischen Autonomiegebiet.

Hier ist es relativ sicher. Ein wirtschaftlicher Boom hat das Kurdengebiet zur Musterregion des Iraks gemacht. Vor allem türkische Firmen machen hier gute Geschäfte.

Der Krieg war nicht für alle eine Katastrophe. Manche haben durch den Neuanfang auch ein neues Leben in Wohlstand erreicht, vor allem durch Familienbande und Beziehungen zu Entscheidungsträgern.

Dazu gehört Abu Sajad. Er hatte vor dem Regimewechsel in Bagdad ein bescheidenes Auskommen als Zwischenhändler für Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs.

Heute hat er einen guten Posten in einem Ministerium, den ihm Verwandte beschafft haben. Auch er ist Schiit. Er sagt: «Ich habe auch meinen Doktor gemacht. Nie hätte ich gedacht, dass ich es einmal so weit bringen würde.»

SDA/mw

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