Die Dissidentenjäger des saudischen Kronprinzen

Schon vor dem Khashoggi-Mord liess Muhammad bin Salman Kritiker verfolgen – mit einer schnellen Eingreiftruppe.

Duldet keine Kritik: Muhammad bin Salman, Kronprinz Saudiarabiens.

Duldet keine Kritik: Muhammad bin Salman, Kronprinz Saudiarabiens.

(Bild: Reuters)

Erneut belastet ein übler Verdacht Muhammad bin Salman (MbS): Der saudiarabische Kronprinz soll 2017 Geheimaktionen genehmigt haben, um Regierungskritiker zum Schweigen zu bringen. Bei diesen Aktionen im In- und Ausland soll eine sogenannte schnelle Eingreiftruppe zum Einsatz gekommen sein.

Ihre Aufgabe: Überwachen, Entführen, Festnehmen und Foltern von Dissidenten, Frauenrechtlerinnen und anderen Personen, die das Regime in Riad als Gegner und Feinde betrachtet.

Die spektakulärste Aktion der Dissidentenjäger von MbS war die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 in der Botschaft Saudiarabiens in Istanbul. Dasselbe Mordkommando, das Khashoggi tötete und zerstückelte, war schon an der Festnahme und Misshandlung bekannter Frauenrechtsaktivistinnen beteiligt gewesen. Dies berichtet die «New York Times» unter Berufung auf Regierungsbeamte, die Kenntnisse von Geheimdienstberichten haben.

Misshandlung von Frauenrechtlerinnen

Eines der Opfer der Eingreiftruppe von MbS ist die Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul, der diese Woche in Riad der Prozess gemacht wird. Die 28-Jährige war im Mai 2018 an ihrem Wohnort Dubai festgenommen und in die Heimat geflogen worden. Ihre Schwester Alia berichtete Ende Januar in einem Gastbeitrag in der «New York Times», dass Loujain mit Stromschlägen gefoltert, geschlagen und sexuell missbraucht worden sein soll.

Saud al-Qahtani, der Medienberater des Kronprinzen und mutmassliche Strippenzieher in der Khashoggi-Affäre, soll beim sexuellen Missbrauch persönlich anwesend gewesen sein.

Ein weiteres Opfer der Dissidentenjäger von MbS ist Eman al-Nafjan, eine Linguistik-Dozentin und Bloggerin. Auch sie wurde im Mai 2018 festgenommen und danach wiederholt misshandelt. Die Folterungen sollen so schlimm gewesen sein, dass Eman al-Nafjan versucht haben soll, sich umzubringen. Auch sie steht vor Gericht.

Misshandelt und angeklagt: Eman al-Nafjan.

Gemäss dem Zeitungsbericht von Alia al-Hathloul waren die Frauenrechtlerinnen und Aktivistinnen zunächst in einem Palast des Königshauses in Jidda festgehalten worden. Hausen mussten sie in kleinen Zimmern mit zugedeckten Fenstern. Bei den Verhören wurden sie gefoltert. Dazu gehörte auch das berüchtigte Waterboarding.

Die von MbS genehmigte schnelle Eingreiftruppe gegen Regierungskritiker wurde von seinem Berater Saud al-Qahtani betreut. In welchem Umfang der Kronprinz bei den Geheimaktionen selbst involviert war, ist gemäss den US-Dokumenten nicht restlos geklärt. Qahtani galt aber als direkter Kanal zum Kronprinzen. Experten zufolge ist der Kronprinz der Auftraggeber all dieser Aktionen, inklusive Khashoggi-Mord.

Saudiarabische Regierungsvertreter wollten den Bericht der «New York Times» weder bestätigen noch dementieren. Sie waren nicht bereit, Fragen zur Arbeit der schnellen Eingreiftruppe zu beantworten. Die saudiarabische Botschaft in Washington äusserte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP zunächst nicht. Später liess sie verlauten, dass sie solche Vorwürfe sehr ernst nehme und überprüfen werde. Die Staatsanwaltschaft und die Menschenrechtskommission Saudiarabiens befassten sich mit dem Thema.

vin

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