Die Bluthunde der Apartheid und ihre Nachfolger

Südafrikanische Söldner bekämpfen in Nigeria die Terrorsekte Boko Haram. Sie stehen in der Tradition früherer Apartheid-Militäreliten, die mit umstrittenen Söldnerfirmen manche Kriege in Afrika führten.

Berühmt-berüchtigte Kämpfer: Söldner der früheren südafrikanischen Sicherheits- und Militärfirma Executive Outcomes.

Berühmt-berüchtigte Kämpfer: Söldner der früheren südafrikanischen Sicherheits- und Militärfirma Executive Outcomes.

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Cobus Claassens ist ein Mann, der das Kriegshandwerk bestens beherrscht – und der den Krieg ganz nüchtern als Geschäft betrachtet. «Ein Söldner ist jemand, der in den Krieg geht, kämpft und dafür bezahlt wird», sagte Claassens einst in einer TV-Dokumentation über «Schattengesellschaften». «Dabei kämpft er nicht unbedingt für die Sache seines Landes.» Claassens diente zu Apartheid-Zeiten in der südafrikanischen Armee als Kommandant einer Fallschirmjägereinheit im Angola-Krieg. Nach dem Ende des rassistischen Apartheid-Regimes wurde er zum Söldner.

Claassens arbeitete zunächst für Executive Outcomes, ein privates Sicherheits- und Militärunternehmen, das weltweit tätig war und in vielen Konflikten sowohl Personal als auch Material zur Verfügung stellte. Von Angehörigen der Militär- und Geheimdienstelite des Apartheid-Regimes gegründet, schickte das Unternehmen in den 90er-Jahren seine Söldner unter anderem nach Angola und nach Sierra Leone.

Kampferprobt dank Einsätzen gegen Rebellen

Executive Outcomes beschäftigte grösstenteils Elitesoldaten des inzwischen untergegangenen Apartheidstaates, wie zum Beispiel Mitglieder der Koevoet-Einheit, die in Namibia gegen die marxistische Befreiungsbewegung Swapo gekämpft hatte. Ihren zweifelhaften Ruf als Bluthunde hatten sich die weissen südafrikanischen Söldner in der Zeit des Apartheid-Regimes vor allem in den 70er- und 8oer-Jahren erworben.

In Angola beschützten die Söldner die Ölfelder vor den Rebellen der Unita, in Sierra Leone vertrieben sie Kämpfer der revolutionären Einheitsfront (RUF). Diese Einsätze machten die südafrikanische Söldnerfirma international bekannt. Und sie gaben Stoff fürs Kino her. Für den US-Thriller «Blood Diamond» («Blutdiamant»), der vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Sierra Leone spielt, lieferte der Söldner Claassens die Vorlage für die Rolle des Hauptdarstellers Leonardo DiCaprio.

Auf Druck der südafrikanischen Regierung aufgelöst

Executive Outcomes war zu seinen besten Zeiten Teil eines globalen Netzwerks von Militärdienstleistern sowie Bergbau- und Ölunternehmen mit Sitzen in Pretoria und London. Trotz des Erfolgs musste das Unternehmen Ende der 90er-Jahre auf Druck der südafrikanischen Regierung aufgelöst werden. Mit seinen Operationen im rechtsfreien Raum war Executive Outcomes zunehmend in die Kritik geraten, es gab Berichte über Verstösse gegen Menschenrechte und Kriegsrecht. Die Regierung, besorgt um das Ansehen Südafrikas, stellte die Teilnahme ihrer Staatsbürger an militärischen beziehungsweise paramilitärischen Operationen im Ausland unter Strafe.

Obwohl Executive Outcomes verschwand, existierte es fortan in anderen Unternehmen und Netzwerken von südafrikanischen Söldnern weiter. Firmen wie Sandline International oder Aegis Defense Services übernahmen Personal von Executive Outcomes. Zudem entstanden neue Firmen mit Namen wie Lifeguard und Ibis Air.

Als eines von zahlreichen Nachfolgeunternehmen von Executive Outcomes gilt auch eine Sicherheitsfirma namens Pilgrim Africa Limited mit Hauptsitz im nigerianischen Lagos. Und deren Besitzer ist ein gewisser Cobus Claassens, wie das südafrikanische Onlinemagazin «Daily Maverick» berichtet. In der Söldnertradition aus den Zeiten von Executive Outcomes kämpfen nun Spezialeinheiten von Pilgrim Africa in Nigeria an der Seite der Regierungstruppen gegen die islamistische Terrorsekte Boko Haram. Die Kriegsbeteiligung südafrikanischer Söldner ist publik geworden, nachdem ein weisser Kämpfer im Nordosten Nigerias ums Leben gekommen ist.

Spezialisten für nächtliche Aktionen

Neben Pilgrim Africa ist laut Medienberichten eine zweite Söldnerfirma aus Südafrika in Nigeria aktiv. Verantwortlich für die Operationen im westafrikanischen Land sind offenbar auch frühere leitende Mitarbeiter des berühmt-berüchtigten Unternehmens Executive Outcomes. Den Einsatz von südafrikanischen Söldnern gaben nigerianische Regierungssprecher erst kürzlich zu. Es soll sich nach offiziellen Angaben um einige Hundert Männer handeln, die ausschliesslich als Ausbilder und technische Experten tätig sind. Augenzeugen und Insider berichten jedoch über Kampfeinsätze weisser Söldner mit Panzerfahrzeugen und hochklassiger militärischer Ausrüstung. Sie sollen auf Nachtaktionen spezialisiert sein. Ausserdem fliegen angeblich südafrikanische Piloten Luftangriffe mit schwer bewaffneten Kampfflugzeugen, sogenannten Gunships.

«Die UNO bräuchte eine Wiederauferstehung von Executive Outcomes», twitterte Claassens letztes Jahr einem Bekannten bei einem Gedankenaustausch über die Machtlosigkeit der Vereinten Nationen angesichts der Kriege und Krisen in diversen Weltregionen. «Wir wussten, wie man mit den Rebellen umgehen muss.»

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