Die arabische Welt misstraut dem Westen noch immer

Die Demokratie steht bei der arabischen Jugend hoch im Kurs. Das Verhältnis zum Westen dürfte trotzdem schwieriger werden.

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Umfragen sind mit Vorsicht zu geniessen. Erst recht, wenn die Befragungen in Ländern gemacht wurden, in denen bis vor kurzem keine echte Meinungsfreiheit herrschte. Doch selbst wenn man von einer grossen Unschärfe ausgeht, lassen die Resultate jüngster Umfragen in der arabischen Welt aufhorchen. Besonders interessant ist der dritte «Report über die arabische Jugend», der im Auftrag der Dubaier Beratungsfirma Asdaa Burson-Marsteller zwischen Ende Februar und Anfang März 2011 entstand, also nach dem Fall des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak und nach Beginn des Aufstands gegen Libyens Diktator Muammar al-Ghadhafi. Er zeigt, dass sich die jungen Leute in Ägypten, Bahrain und Jordanien, im Libanon und im Irak vor allem nach etwas sehnen: nach mehr Demokratie.

92 Prozent der 500 Befragten im Alter zwischen 18 und 24 Jahren bezeichneten «das Leben in einem demokratischen Land» als «sehr wichtig». Bereits bei der ersten Befragung im Dezember 2010, noch vor dem Beginn des arabischen Frühlings, hatte dieser Wunsch ganz oben auf der Prioritätenliste gestanden. Damals wurden 2000 junge Leute befragt.

Erstaunlicher Optimismus

Im Westen wird die Entwicklung im Nahen Osten mehrheitlich negativ wahrgenommen aus Furcht, dass die Umwälzungen riesige Flüchtlingsströme Richtung Norden zur Folge haben und die Diktaturen bloss durch islamistische Systeme ersetzt werden. In den betroffenen Ländern hingegen herrscht erstaunlicher Optimismus, wie die Umfrage «Arabische Ansichten 2011» belegt, die vom Arab American Institute im Juni erhoben wurde. Knapp 40 Prozent der Befragten sagten, die arabische Welt sei jetzt besser dran. Nur jeder Zehnte war der Ansicht, die Lage habe sich verschlechtert. Knapp die Hälfte meinte dagegen, es sei noch zu früh, um ein Urteil zu fällen. Befragt wurden 2000 Männer und Frauen in Ägypten, Marokko, Jordanien, Saudiarabien, im Libanon und in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Interessant sind auch die Ergebnisse bei der Frage: «Was denken Sie: Wird es Ihnen in fünf Jahren besser gehen oder schlechter?» In Ägypten glauben 85 Prozent an eine Verbesserung. In Marokko sind es 76 Prozent. In Saudiarabien 67 Prozent. Selbst in Jordanien und im Libanon, wo der arabische Frühling noch kaum zu spüren ist, glaubt ein Drittel der Befragten an eine bessere Zukunft.Die Antworten zeugen von einem völlig neuen Selbstbewusstsein in der arabischen Welt. Die Befreiung von den Diktatoren ist auch eine geistige Emanzipation. Die Menschen fordern dieselben Werte wie im Westen, nämlich Demokratie, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie auch die Politik des Westens befürworten. Im Gegenteil: Je stärker sich die westlichen Werte in der arabischen Welt durchsetzen, desto schwieriger dürften die Beziehungen mit dem Westen werden.

Der Westen stützte Diktatoren

Die arabischen Gesellschaften haben nämlich ein Gedächtnis: Sie wissen genau, auf welcher Seite die westlichen Regierungen in den letzten Jahrzehnten standen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 rückten die arabischen Despoten und der Westen noch näher zusammen. Im Kampf gegen den «islamistischen Terror» blieben sämtliche moralischen Grundsätze auf der Strecke. Der Westen hofierte die nahöstlichen Diktatoren, weil diese angeblich den besten Schutz versprachen vor dem Terror fanatischer Muslime. Dass diese Politik zahlreiche Menschen in diesen Ländern erst in die Arme von Islamisten trieb, schienen die wenigsten im Westen zu merken. Denn die verstärkte Repression führte dazu, dass die Moschee der einzige Raum wurde, in welchem ein politischer Diskurs überhaupt noch möglich war.

Das kam radikalen Gruppierungen äusserst gelegen. Während die Regierungen als Erfüllungsgehilfen des Westens Terroristen jagten und mutmassliche Attentäter folterten, kümmerten sich die Islamisten um die Sorgen und Nöte der Bevölkerung. Man brauchte keinen höheren Schulabschluss, um feststellen zu können, dass der Westen im Umgang mit der islamischen Welt die schönen Werte, die er predigte, nicht lebte. Der deutlichste Ausdruck dieser zwiespältigen Moral war, dass westliche Regierungen mit Steuergeldern einerseits Bürgerbewegungen unterstützten, die sich für Demokratie und den Sturz ihres Diktators einsetzten, und andererseits eben diesen Diktator mit noch mehr Geld und salbungsvollen Worten bedachten.

Die Türkei ist das neue Vorbild

Es überrascht deshalb nicht, dass die USA in der Umfrage «Arabische Ansichten 2011» sehr schlecht wegkommen. In Ägypten, Marokko, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben jeweils nur rund 10 Prozent der Befragten eine positive Meinung von den Vereinigten Staaten. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch ein anderes Land sehr negativ beurteilt wird, das noch vor ein paar Jahren im Nahen Osten ein grosses Vorbild war: der Iran. Vorbild deshalb, weil sich der Iran in den Augen vieler arabischer Muslime als einziges Land nicht als verlängerter Arm der USA gebärdete. Der Popularitätsschwund des Iran ist dramatisch. Hatten 2006 in Ägypten noch 87 Prozent der Befragten eine positive Meinung vom Iran, schrumpfte dieser Anteil in der Zwischenzeit auf 37 Prozent. In Marokko beurteilen noch 14 Prozent das Teheraner Regime positiv, vor fünf Jahren waren es noch 82 Prozent gewesen. Ähnlich sieht es in Saudiarabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jordanien aus.

Das neue grosse Vorbild in der arabischen Welt ist die Türkei.

Tages-Anzeiger

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