General Soleimani: Der Schattenregent aus Teheran

Über einen Mann, dessen Tod nun weitreichende Konsequenzen haben könnte.

Seine Tötung durch die USA könnte weitreichende Konsequenzen haben: Qassim Soleimani (3. v. r.) im März 2015 in Teheran. (Foto: AFP)

Seine Tötung durch die USA könnte weitreichende Konsequenzen haben: Qassim Soleimani (3. v. r.) im März 2015 in Teheran. (Foto: AFP)

Moritz Baumstieger@baumstieger

Um zu verstehen, welche wichtige und vielschichtige Rolle Qassim Soleimani für die Aussenpolitik des Iran gespielt hat, lohnt sich ein Blick in das Land, in dem er nun getötet wurde. Wann immer im Irak in den vergangenen Jahren wegweisende Entscheidungen anstanden, landete eine kleine Maschine am Flughafen Bagdad, und der hagere Mann mit dem grauen Haar und dem Zehntagebart übernahm.

Das gilt zum einen für militärische Fragen: Als sich die irakischen Sicherheitskräfte in den Jahren 2013 und 2014 als unfähig erwiesen, der Terrormiliz Islamischer Staat etwas entgegenzusetzen, entsandte der Oberste Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, seinen besten Mann. Er sollte einen Zusammenbruch des Staatsapparates vermeiden, in dem der Iran seit dem Sturz Saddam Husseins mit viel Einsatz seinen Einfluss ausgebaut hatte.

Soleimani gelang es binnen kurzer Zeit, mit den sogenannten Volksmobilisierungskräften schiitische Milizen aufzustellen. Diese kämpften deutlich effektiver gegen die Jihadisten als die 30'000 irakischen Soldaten und Polizisten, die in Mosul vor ein paar Hundert IS-Angreifern davongelaufen waren und leisteten so einen wichtigen Beitrag zur Zerschlagung des Pseudo-Kalifats.

Zum einen lag das an der gewissenhaften Ausbildung, der strengen Disziplin und der guten Ausrüstung, die Soleimani und sein Kommandantenteam aus dem Iran mitbrachten. Seine Männer sind dort als Eliteeinheit geschätzt und haben Zugriff auf fast unbeschränkte Mittel. Zum anderen kämpften die Männer unter Soleimanis Kommando nicht nur für Sold, sondern für ein höheres Ziel: für den Schutz und die Verbreitung der schiitischen Version des politischen Islam.

In der Verfassung des Iran ist der Export der islamischen Revolution als Teil der Staatsräson festgeschrieben, Soleimanis Al-Quds-Brigaden sind der militärische Arm, der dieses Ziel durch offene wie verdeckte Operationen im Ausland befördern soll. Schon ihr Name weist auf diese Mission: Quds ist auf Arabisch, der Sprache des Korans, der Name der heiligen Stadt Jerusalem, deren «Befreiung» aus den Händen Israels für sunnitische wie schiitische Militante heilige Pflicht ist.

Soleimani war zu finden, wo immer der Iran seine Interessen durchsetzen wollte

Die Al-Quds-Brigaden unterstehen bei ihren heiklen Missionen nicht etwa der iranischen Exekutive – Iran-Präsident Hassan Rohani und Aussenminister Mohammed Jawad Sarif wurden zuletzt immer wieder überrascht, wenn Soleimani ohne Abstimmung Fakten produzierte. Dabei konnte er sich der allerhöchsten Rückendeckung sicher sein: Mit seinen Einheiten unterstand er direkt dem Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei, dem er ein enger Vertrauter und Ratgeber war.

Soleimani wurde im Jahr 1998 Kommandant der 5000 bis 15'000 Mann starken Eliteeinheit. Seither verbrachte er fast mehr Zeit im Ausland als im Hauptquartier der Truppe, das sich ironischerweise in der ehemaligen US-Botschaft in Teheran befindet, die 1979 von Demonstranten besetzt wurde – ein Ereignis, das den Botschaftsstürmern von Bagdad am Silvestertag 2019 wohl als Vorbild diente.

In verschiedenen Funktionen war Soleimani zu finden, wo immer der Iran seine Interessen durchzusetzen versuchte: Er brachte militärisches Gerät und Anweisungen in den Libanon, um mit der von den Al-Quds-Brigaden ab 1982 massgeblich mitaufgebauten Hizbollah immer wieder Angriffe gegen Israel zu setzen. Er dirigierte kurdische Aufständische im Irak Saddam Husseins, unterstützte die Nordallianz in Afghanistan in ihrem Krieg gegen die Taliban, wurde zeitweise sogar in Westafrika vermutet, wo er schiitische Gemeinden mit Waffen unterstützt haben soll.

In den vergangenen Jahren wurde vor allem Syrien das Hauptfeld von Soleimanis Aktivitäten, hier befehligte er fast schon eine schiitische Internationale. Um ihren Verbündeten Bashar al-Assad zu retten und das immer dichter werdende Netz iranischer Stützpunkte im Land zu halten, hatte Teheran Kämpfer aus Afghanistan, Pakistan und sogar Bangladesh angeworben, die etwa bei den Wiedereroberungen Aleppos und Palmyras einen wichtigen Teil der Bodentruppen stellten. Als im vergangenen Jahr in der Strasse von Hormuz Zwischenfälle die USA und Iran an den Rand eines Krieges trieben, deuteten etwa nach Anschlägen auf Öltanker die Spuren auch immer wieder in Richtung der Quds-Brigaden, die von den USA schon 2007 wegen Terrorunterstützung mit Sanktionen belegt worden waren.

Soleimani auf dem Stuhl des irakischen Ministerpräsidenten

Der Kommandant der Eliteeinheit, der aus einer verarmten Kleinbauernfamilie in der Provinz Kerman stammte und durch seine Mitgliedschaft in den iranischen Revolutionsgarden den Aufstieg schaffte, hatte jedoch weit mehr im Repertoire als militärisches Wissen – auch das zeigte sich zuletzt im Irak.

Als sich die Anfang Oktober beginnenden Massendemonstrationen im Irak zu einem echten Problem für die Regierung auswuchsen, trat in Bagdad das Sicherheitskabinett der Regierung zusammen. Als die Minister den dafür vorgesehenen Raum betraten, war der Platz am Kopf des Tisches bereits besetzt – nicht etwa vom irakischen Ministerpräsidenten Adil Abd al-Mahdi, der eigentlich die höchste Befehlsgewalt im Land haben sollte. Auf seinem Stuhl sass Qassim Soleimani, der die Sitzung denn auch leitete und den irakischen Ministern in den Block diktierte, wie sie mit den Demonstranten verfahren sollten.

Dass Soleimani mit seinem Flugzeug einschwebt, um hinter den Kulissen Koalitionen zu schmieden und irakische Politiker auf Linie zu bringen, war man in Bagdad schon lange gewöhnt. Dass der Schattenregent aus Teheran zuletzt so offen agierte, zeigt, dass er sich sehr sicher fühlte. Für seine exponierte Rolle vielleicht etwas zu sicher.

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