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Der Kreml hat so gut wie gewonnen

Präsident Erdogan kämpft nicht nur gegen seinen Feind Assad, sondern auch gegen seinen «Freund» Putin. Doch der sitzt am längeren Hebel.

MeinungZita Affentranger
Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan in Istanbul. Foto: Reuters
Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan in Istanbul. Foto: Reuters

Nach den massiven türkischen Luftangriffen und dem Abschuss zweier syrischer Kampfjets hat Damaskus seinen Luftraum geschlossen: Flugzeuge und Drohnen dürften über dem Nordwesten des Landes und insbesondere über der Region Idlib nicht mehr fliegen, teilte die Armee mit. «Jedes Flugzeug, das unseren Luftraum verletzt, wird als feindlich eingestuft und abgeschossen.»

Die klare Drohung an die Adresse der Türkei bekommt aber erst Gewicht durch das Nachdoppeln Russlands, das in Syrien die Kontrolle über den Luftraum hat. Moskau könne die Sicherheit türkischer Flugzeuge nicht garantieren, erklärte das russische Verteidigungsministerium umgehend. Faktisch heisst das wohl: Wenn es uns zu bunt wird, schiessen wir euch ab.

Trotz der gefährlichen Eskalation halten sich Russland und die Türkei offiziell mit direkten Schuldzuweisungen zurück. Moskau erklärt treuherzig, man habe mit dem syrischen Luftangriff, bei dem letzte Woche Dutzende türkische Soldaten über 2000 syrische Soldaten getötet wurden, nichts zu tun. Ankara betont, man habe «weder den Wunsch noch die Absicht», sich mit Russland anzulegen. Seit Jahren zelebrieren die Präsidenten der beiden Länder, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, eine enge Männerfreundschaft. Nach dem Zwischenfall in Idlib telefonierten sie umgehend, am Donnerstag treffen sie sich zum Krisengipfel in Moskau.

Eine Frage der Zeit

Hinter dieser Kulisse der Männerfreundschaft haben die beiden Herrscher lange den simplen Fakt versteckt, der nun offensichtlich wird: Die Türkei und Russland stehen sich auf dem Schlachtfeld als Feinde gegenüber. Und zwar sowohl in Syrien als auch in Libyen. Eine militärische Eskalation, wie sie der Tod der türkischen Soldaten ausgelöst hat, war lediglich eine Frage der Zeit.

Seit Wochen rücken die syrischen Truppen unter dem Schutz der von Russland geführten Luftwaffe gegen Idlib vor, die letzte von Rebellen gehaltene Provinz. Die Offensive hat eine neue humanitäre Katastrophe ausgelöst: 900'000 Menschen sind laut Angaben der UNO seit Dezember von Assads Truppen vertrieben worden.

Auf der anderen Seite ist auch die Türkei immer weiter nach Idlib vorgestossen, nun hat Ankara dem syrischen Regime faktisch den Krieg erklärt. Am Wochenende liess Erdogan Dutzende Ziele in Syrien angreifen: Laut türkischen Angaben wurden über 2000 syrische Soldaten «ausser Gefecht gesetzt». Bei dem Beschuss wurden Dutzende Panzer und Helikopter zerstört und offenbar auch zwei Kampfjets abgeschossen. Russland solle ihm in Syrien aus dem Weg gehen und die Türkei tun lassen, «was nötig ist», sagte Erdogan dem russischen Präsidenten laut eigenen Angaben vor den Angriffen.

Das Terrain wird gefährlicher

Putin hat Erdogan die Bitte erfüllt, doch nun dürfte es genug sein. Weder Ankara noch Moskau sind scharf auf eine direkte Konfrontation. Gewinnen dürfte eine eventuelle Machtprobe aber Russland, das unerbittlich darauf hinarbeitet, dass der syrische Herrscher Bashar al-Assad das Land so vollständig wie möglich wieder unter seine Kontrolle bekommt. Putin wird Erdogan deshalb allenfalls vorübergehend nachgeben, denn Moskau betrachtet den Krieg in Syrien als so gut wie gewonnen.

Und die Türkei ist mehr von Russland abhängig als umgekehrt: Putin stärkt Erdogan den Rücken gegen Amerikaner und Europäer, die ihn wegen seines autokratischen Kurses und wegen Menschenrechtsverletzungen kritisieren. Moskau baut in der Türkei ein Kernkraftwerk, liefert Öl und Waffen; der Handel floriert. Für Putin bietet Erdogan vor allem eine willkommene Gelegenheit, die EU und die Nato zu ärgern, deren Mitglied die Türkei eigentlich ist. Einen so mächtigen Gleichgesinnten kann der Kreml im Kampf gegen den Westen immer gut gebrauchen.

Deshalb dürften sich die beiden starken Männer auch nach dem jüngsten Zwischenfall wieder zusammenraufen. Genauso, wie Moskau seit Jahren alles tut, um die Differenzen mit der Türkei kleinzureden oder einfach zu ignorieren. Diese Taktik hat bisher erstaunlich gut funktioniert.

Doch jetzt, wo in Syrien die letzte Schlacht begonnen hat, wird das Terrain immer gefährlicher, die Distanz zwischen den Kriegsparteien immer geringer, der Abstand zwischen den Zusammenstössen immer kürzer. Ein Zwischenfall könnte deshalb heute leicht zu einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Türkei führen, die sich auf dem Schlachtfeld nicht mehr kontrollieren lässt. Und das würden dann sogar die beiden «Freunde» Putin und Erdogan nicht mehr schönreden können.

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