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Der Koran wird zum Regieren nicht reichen

Mit dem Sieg des Muslimbruders Mohammed Mursi bei der Präsidentenwahl tritt die Konfrontation zwischen den ägyptischen Islamisten und dem regierenden Militärrat in eine heikle Phase.

Beginn einer weiteren quälenden Etappe des Übergangs? Anhänger von Mohammed Mursi feiern den Sieg ihres Kandidaten bei der ägyptischen Präsidentenwahl. (24. Juni 2012)
Beginn einer weiteren quälenden Etappe des Übergangs? Anhänger von Mohammed Mursi feiern den Sieg ihres Kandidaten bei der ägyptischen Präsidentenwahl. (24. Juni 2012)
Keystone

Er war der «Ersatzreifen» der Muslimbrüder für die Präsidentenwahl, der spröde Apparatschik. Aber jetzt schreibt Mohammed Mursi Geschichte. Er wird der nächste Präsident Ägyptens, der erste einigermassen demokratisch legitimierte Islamist an der Spitze eines arabischen Staates.

Die Folgen des Entscheids der obersten Wahlkommission für das Land, für die aufgewühlte Region, könnten gewaltig sein. Ägypten als eines der wichtigsten Länder des Nahen Ostens hat nach wie vor Vorbildcharakter. Die Aussöhnung zwischen Islam und Demokratie ist eine globale Schlüsselfrage. Nur haben Ägyptens Muslimbrüder zu ihrer erfolgreichen Beantwortung seit dem Sturz Mubaraks wenig beigetragen.

In den letzten überreizten Tagen vor der Wahl haben die Muslimbrüder erneut ihre Integrationsbereitschaft beteuert; Frauen, Christen, junge Revolutionäre seien in der Regierung denkbar. Wenige Stunden darauf aber verlautete genau das Gegenteil. Wo auch immer die Muslimbrüder in den letzten Monaten einen Fussbreit Machtzuwachs ahnten, drängten sie nach vorn. Dass das Parlament aufgelöst und die Verfassung nun vom Militär kontrolliert wird, dass die Generäle überhaupt den fragilen demokratischen Übergang mit so viel Zustimmung aus dem Volk blockieren konnten, ist die Folge ihrer Gier.

Geringe Lernfähigkeit

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass die Muslimbrüder nach ihrer erbärmlichen Vorstellung im Parlament nun auf dem Gipfel ihrer Macht sind mit nur 13 Millionen von 50 Millionen möglichen Stimmen. Im Taumel der Möglichkeiten haben sie übersehen, dass sich nicht alle, die ihnen nun ihre Stimme gegeben haben, ein Teheran, ein Riad wünschen. Der Abscheu vor dem Mubarak-Mann Shafik hat ihnen auch viele in die Arme getrieben, die einen Gottesstaat ablehnen.

Nach sechzig Jahren wird das oberste Staatsamt in Ägypten nicht mehr vom Militär besetzt. Dies ist ein Gewinn. Ob die Ägypter ihn mit dem Durchgriff auf ihr persönliches Leben bezahlen müssen, ob säkulare und nicht muslimische Ägypter nach den Vorstellungen einer fossilisierten Ideologie leben müssen, wird ebenso abhängen von der politischen Lernfähigkeit der Muslimbrüder wie von der Kompromissbereitschaft der Generäle. Beide waren bislang verschwindend klein. Das Ringen zwischen Islamisten und Militär tritt in eine neue Phase.

Die Muslimbrüder, ein Hybrid aus Predigt, Fürsorgeeinrichtung und politischer Bewegung, haben nach Jahrzehnten in den Gefängnissen ihren Märtyrerbonus ausgespielt und sind der Macht so nah wie nie. Aber Ägypten hat gezeigt, wie historische Chancen verschwendet werden und Visionen zerrinnen. Dieser Wahlsieg ist ein grosser Moment für die Islamisten. Für Ägypten könnte er nur der Beginn einer weiteren quälenden Etappe des Übergangs sein.

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