Der IS köpfte einen eigenen Richter

Seine Rechtsprechung war zu hart für den IS, und zu viele Menschen wurden von ihm zum Tod verurteilt. Die Exekution des Richters könnte Anzeichen für einen ideologischen Machtkampf sein.

Nach aussen geben sich die IS-Kämpfer geschlossen als «Brüder», innen brodelt es vermutlich: Ein IS-Kämpfer in einem Propagandavideo.

Nach aussen geben sich die IS-Kämpfer geschlossen als «Brüder», innen brodelt es vermutlich: Ein IS-Kämpfer in einem Propagandavideo.

(Bild: Screenshot / Youtube)

Es könnte eine Nachricht der bekannten Satireseite «The Onion» sein: Der hauseigene IS-Scharia-Richter Abu Jaafar al-Hattab ist den Jihadisten zu brutal. Weil er zu viele Menschen zum Tod verurteilt hatte, schlugen sie ihm den Kopf ab. Das vermelden «Middle East Monitor» und «Spiegel Online» gemäss Social-Media-Quellen.

Eine unbestimmte Anzahl von Jihad-Internetforen und Twitter-Usern behauptet, der IS hätte den Scharia-Juristen schon letzten September inhaftiert. Die Behauptungen stammen aus Kreisen von Befürwortern des «Hazimi»-Trends. Hazimi, benannt nach einem saudischen Rechtsprecher, ist der Glaubensgrundsatz, Ungläubigkeit könne nicht mit Ignoranz entschuldigt werden, also ganz gemäss der Volksweisheit «Unwissenheit schützt vor Strafe nicht». Das führt unweigerlich zum Anschwärzen von Delinquenten kleinerer Verstösse gegen das islamische Recht. Sie gelten dann als Ungläubige respektive «Kafir».

Moralische Bedenken beim IS? Nicht unbedingt – die Hinrichtung deutet auch auf einen internen Macht- und Ideologiekampf hin. So hatte der IS gleichzeitig mit Abu Jaafar al-Hattab auch einen anderen Richter festgenommen und exekutiert, der IS-Führer Bakr al-Baghdadi als Ungläubigen bezeichnet hatte. Tunesische Jihadisten wiederum vermelden gemäss «Middle East Monitor» die Festnahme und Exekution eines weiteren Richters, der angeblich mehrere Taliban-Führer, darunter auch Osama Bin Laden, als Ungläubige deklariert hatte. Jihadisten konstruieren deshalb einen Zusammenhang zwischen den Festnahmen.

Boko-Haram-Treueeid umstritten

Hazimi-Befürworter kritisierten jüngst auch Abu Bakr Shekau, den Anführer von Boko Haram, weil er sich dem IS anschliessen wollte. Sie haben Bedenken, dass Shekau vom «reinen Pfad» des richtigen Monotheismus, «Tauhid», abweichen würde. Der IS hat in der letzten Audionachricht von IS-Sprecher Mohammed al-Adnani den Treueschwur von Boko Haram akzeptiert.

Die nigerianische Nachrichtenseite «The Cable» beruft sich auf Boko-Haram-Insider und meldet, der Anschluss von Boko Haram an den IS sei eine Verzweiflungstat, denn die Terrorsekte sei momentan «auf Knien». Gleichzeitig bedeutet er auch das Ende von Shekaus Selbstbestimmung, erzählte eine den Terroristen nahe Quelle gegenüber «The Cable»-Journalist Ahmad Salkida – einer der wenigen Journalisten überhaupt, die Kontakt zu Boko Haram herstellen konnten. Er berichtet, der IS habe Botschafter und Lehrer nach Nigeria gesandt, um die Urteilssprechung der Terrorsekte zu überprüfen und anzupassen. Schon jetzt würden eine Menge Änderungen vorgenommen, sagte die anonyme Quelle zu Salkida.

rsz

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