Der Horror ist zurück im Kongo

Wegen des Konflikts in der Diamantenprovinz Kasai Central sind mehr als eine Million Menschen geflohen. Um einen Stammeskonflikt geht es nur vordergründig.

Ein Mädchen ruht sich auf einer Matte am Boden aus. Ihm gelang die Flucht aus der umkämpften Provinz Kasai. Foto: John Wessels (AFP)

Ein Mädchen ruht sich auf einer Matte am Boden aus. Ihm gelang die Flucht aus der umkämpften Provinz Kasai. Foto: John Wessels (AFP)

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Der Brief von Joseph Kalamba ist verstörend. Kalamba kommt aus dem Kongo und war mehr als zehn Jahre lang katholischer Pfarrer in Baar im Kanton Zug. Seit 2013 ist er zurück in Afrika. Nun berichtet er von Gräueltaten der sogenannten Kamuina-Nsapu-Milizen im Kasai, seiner Heimatprovinz: «Sie haben im März in der Stadt Luiza die Schulen niedergebrannt, einen Stammeschef enthauptet und seinen Kopf nach Lubondaie mit­genommen.»

Lubondaie ist nur 30 Kilometer von Kamutanga entfernt, wo Kalamba herkommt, der Horror war also in der Nachbarschaft angekommen: «Lubondaie ist die Hauptstadt des Teufels, bei uns herrschte Panik», schreibt Kalamba weiter. Die Kamuina-Nsapu-Milizen verwenden die Köpfe von Stammeschefs in ihren «magisch-religiösen Zeremonien», schreibt der Pfarrer: «Das Heidentum ist zurück.»

War mehr als zehn Jahre lang katholischer Pfarrer in Baar im Kanton Zug: Joseph Kalamba. Foto: PD

Begonnen haben die Unruhen im ­Kasai vor knapp einem Jahr. Im August 2016 wurde der Stammesführer Kamuina Nsapu (deutsch: Schwarze Ameise) von staatlichen Sicherheitskräften ermordet. Sie kastrierten die Leiche und stellten sie aus, bevor sie sie an einem geheimen Ort verscharrten. Die Regierung versuchte offenbar, die traditionelle Thronfolgeregelung zu ignorieren und den Posten mit einem Vasallen Kinshasas zu besetzen. Dazu kam, dass viele Jugendliche frustriert seien, weil sie keine Ausbildung und keine Arbeit hätten, sagt Kalamba, den wir am Telefon in Kananga erreichen, der Hauptstadt der Provinz Kasai Central. Damit wurden die Jungen und Mädchen leichte Beute für die Rekrutierer der Miliz von Kamuina Nsapu, die sich gleich nennt wie ihr ermordeter Anführer.

In den Händen der Rebellen

Bewaffnet mit Macheten, Pfeil und Bogen und allenfalls Schrotflinten, begannen sich die Aufständischen zu rächen. «In fast jedem Dorf gab oder gibt es eine Miliz, die autonom agiert, ideologisch aber zu Kamuina Nsapu gehört», erklärt Kalamba. Auch er fiel den Freischärlern, die rote Kopftücher tragen, in die Hände. Sie hielten den ehemaligen Baarer Pfarrer mehrere Stunden gefangen und liessen ihn erst wieder frei, als sie erfuhren, dass er sich für die Landbevölkerung engagiere. Der 60-jährige promovierte Theologe und Philosoph hat in seinem Heimatdorf mehrere Schulen, eine landwirtschaftliche Genossenschaft und ein Spital aufgebaut. Das Geld dafür stammt vor allem von privaten Spendern in der Schweiz, wo er immer mal wieder zu Besuch ist, zuletzt Ende 2016, als er in Frauenfeld einen erkrankten Priesterkollegen vertrat.

Die kongolesische Regierung versuchte umgehend, den Kamuina-Nsapu-Aufstand niederzuschlagen. Die Soldaten von Präsident Joseph Kabila setzten ihre Maschinen- und Sturmgewehre ein, die Gewalt eskalierte, es kam zu Massakern. Amnesty International wirft den Streitkräften schwere Menschenrechtsverletzungen vor, etwa willkürliche Erschiessungen. Bei einer Razzia in einem Elendsquartier in Kananga hätten Regierungstruppen mindestens 50 Personen in ihren Häusern umgebracht, unter ihnen 15 Frauen und 12 Kinder. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder zum Kriegsdienst gezwungen. Unterdessen habe sich in Kananga die Lage etwas beruhigt, sagt Kalamba. «In den Dörfern südlich davon wird aber ­gekämpft.»

«Beide Seiten sind schlimm», urteilt Kalamba. Wie in jedem der zahlreichen Konflikte im Kongo gibt es nicht Gute und Böse, sondern nur Böse. «Die Armee schoss auf die jugendlichen Milizionäre, und im Gegenzug haben die Rebellen alle Häuptlinge enthauptet, die sich weigerten, sich Kamuina Nsapu zu unterwerfen. Und das vor den Augen der Bevölkerung.» 20 Häuptlinge sowie Beamte, Polizisten und Dorfchefs seien im Kasai geköpft worden, berichtet der kongolesische Priester. Auch die UNO-Mission Monusco in Kinshasa hat die Milizen diese Woche beschuldigt, schwere Gewaltverbrechen begangen zu haben, darunter auch Vergewaltigungen. Innerhalb von nur fünf Tagen Anfang Juni seien 62 Fälle von «schweren» Kindsmisshandlungen dokumentiert worden.

Die Zahl der Toten insgesamt schwankt je nach Angabe zwischen 300 und einigen Tausend. Mitarbeiter der UNO-Mission im Kongo haben im Kasai 42 Massengräber gefunden. Zwei Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen, eine Schwedin und ein Amerikaner, sowie ihre vier kongolesischen Begleiter sind im März unter bisher ungeklärten Umständen ermordet worden. 23'500 Menschen sind nach Angola geflohen, «vor allem aus dem grenznahen Tshikapa», wie Joseph Kalamba präzisiert. Das überforderte Nachbarland hat bei der UNO um Unterstützung nachgesucht.

Eine Flucht nach Angola können sich aber nur wenige Kongolesen leisten, vor allem jene nicht, die nicht direkt an der Grenze leben. So haben sich ganze Familien aus Angst vor Milizionären und Soldaten in die Büsche geschlagen, während ihre Strohhütten und das wenige Hab und Gut niedergebrannt wurden. 1,3 Millionen Menschen sind aus ihren Dörfern vertrieben worden, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schreibt.

Auch aus Kamutanga. «Die Menschen verstecken sich seit zwei Monaten im Busch.» Dort leiden vor allem die Kinder an Durchfall und Bronchitis. Er versuche nun, die Leute zu überzeugen, dass sie ins Dorf zurückkehren könnten, sagt der Pfarrer. Er selbst will auch nach Hause fahren, die zahllosen Barrieren auf den Strassen seien verschwunden. «Es ist uns bereits gelungen, die Kinder wieder in die Schule zu bringen, und die Kinder wirken nun auf die Eltern ein.» Anderseits sei es schwierig, Jugendliche wieder zu integrieren, die als Kindersoldaten einer Miliz angehört haben. «Sie haben eine Gehirnwäsche hinter sich.»

Kabila ist das Problem

Der Kern des Problems im Kasai liegt jedoch nicht im Kasai selbst, sondern in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Genauer im Präsidentenpalast, den Joseph Kabila einfach nicht verlassen will. Seine Amtszeit ist seit dem 19. Dezember 2016 zu Ende, was er ignoriert. Stattdessen bereichert er sich weiterhin ungeniert, indem er Lizenzen zur Ausbeutung der Bodenschätze seines Landes an grosse ausländische Rohstofffirmen verhökert: In der Provinz Katanga gibt es Kupfer und Kobalt, im Kivu das seltene Coltan für unsere Smartphones und im Kasai Diamanten.

Ist im Kasai besonders unbeliebt: Joseph Kabila. Foto: Peter Foley/ EPA

Wie immer geht es im Kongo nur vordergründig um ethnische oder tribalistische Konflikte. Vielmehr handelt es sich um einen nationalen Machtkampf, da Kabila im Kasai besonders unbeliebt ist. Der grosse Gegenspieler des Präsidenten, der langjährige Oppositionsführer Etienne Tshisekedi, kam ebenfalls aus dieser Provinz. Tshisekedi starb am 1. Februar mit 84 Jahren in Brüssel, wo er sich in einem Spital behandeln liess. Seine Leiche ruht immer noch in einem Kühlfach in der belgischen Hauptstadt. Die Regierung Kabila blockiert die Überführung in den Kongo, weil sie Massendemonstrationen fürchtet. Inzwischen hat Sohn Felix Tshisekedi die Oppositionspartei übernommen. Im Kongo ist Politik, wie so vieles, Familiensache.

Ende 2016 hatte sich die Opposition mit Kabila auf das Silvesterabkommen geeinigt. Es sieht vor, dass der Präsident bis Ende 2017 Wahlen durchführt. Er scheint jedoch auf Zeit zu spielen: Zunächst kündigte er eine Volkszählung an, da ohne nicht gewählt werden könne – ein schwieriges Unterfangen in einem Land, das in weiten Teilen nicht erschlossen ist. Oder dann jammerte ein Minister, es fehle das Geld, konkret 1,8 Milliarden Dollar. Inzwischen scheinen Wahlen wegen der Kasai-Krise unrealistisch. Es läuft also vieles für Kabila, befürchtet Joseph Kalamba: «Es besteht die Gefahr, dass er für immer bleibt.»

«Ich hole meinen Rosenkranz»

Die Opposition vermutet, dass Kabila den Konflikt in der Diamantenprovinz absichtlich hat eskalieren lassen. «Auf jeden Fall profitiert er davon», sagt der kongolesische Priester. Der Präsident wolle seine Regentschaft nochmals verlängern. Allenfalls mit einem Referendum über eine Verfassungsänderung noch vor den Wahlen, die ihm eine dritte Amtszeit erlauben könnte. Ein Trick, den der Despot in Kongo-Brazzaville jenseits des grossen Flusses bereits erfolgreich angewendet hat. «Dann könnte die Lage hier explodieren», befürchtet Kalamba.

Ob es je wieder Präsidentschafts- und Parlamentswahlen gebe in Kongo-Kinshasa, wüssten nur der Präsident und der liebe Gott, sagt Pfarrer Kalamba und lacht ins Telefon: «Ich hole nun gleich meinen Rosenkranz.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2017, 20:37 Uhr

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