Der Boden des Terrors ist nicht die Religion, sondern die Politik

Vor dem 11. September 2001 war der Islam im Westen kein grosses Thema. Seither ist er allgegenwärtig. Als Religion des Schreckens.

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Wer sucht, wird im Koran rasch fündig. Besonders beliebt ist der fünfte Vers der neunten Sure, des neunten Kapitels der heiligen Schrift der Muslime. Der sogenannte Schwertvers dient sämtlichen islamistischen Terrorfürsten als Rechtfertigung für ihr blutiges Handwerk. Er lautet: «Und wenn die heiligen Monate vorbei sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet. Greift sie, umzingelt sie, und lauert ihnen überall auf.» Auch Osama Bin Laden (1957-2011), der Begründer des Terrornetzwerks al-Qaida, zitierte den Schwertvers. In der 1996 verkündeten «Kriegserklärung gegen die amerikanischen Soldaten» interpretierte er die göttlichen Worte als Freipass für einen globalen heiligen Krieg gegen Ungläubige und Abtrünnige, als Schlachtruf für einen Kampf, der erst mit der Weltherrschaft des Islam ein Ende findet. 1998 ging Bin Laden noch weiter und erklärte selbst das Töten von Zivilisten zur göttlichen Pflicht eines jeden Muslims. Dabei unterschied er nicht mehr zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Weil angeblich alle Welt vom richtigen Glauben abgefallen war, galten jetzt auch Muslime, die Bin Ladens fundamentalistische Ansichten nicht teilten, als legitime Ziele seines Kampfs.

Wurzeln in den 50er-Jahren

Die Ideologie hat Bin Laden nicht selber erfunden. Er bediente sich beim ägyptischen Gelehrten Sayyid Qutib, der in den 50er-Jahren zu den führenden Köpfen der Muslimbruderschaft zählte. Für Qutib befand sich die ganze Welt wieder auf dem Weg in einen vorislamischen Zustand der Unwissenheit, der mit dem Auftauchen des Propheten Mohammed überwunden worden war. Niemand beachtete mehr die islamischen Gesetze. Die Leute waren korrupt, herrschsüchtig und ignorant. Dieser Dekadenz wollte Qutib ein Ende setzen und die Gesellschaft zurückführen auf den richtigen Weg. Mit einer Handvoll aufrechter Gefährten sollte die Herrschaft Gottes wieder errichtet werden. Es konnte neben der Souveränität Gottes keine zweite existieren. Menschliche Gesetze waren Blasphemie. Kapitalismus und Liberalismus lehnte Qutib ab; den Jihad, den Kampf zur Restauration der Gottesherrschaft, erklärte er zur heiligen Pflicht. Qutib wurde 1966 wegen Anstiftung zum Mord in einem ägyptischen Gefängnis gehängt. Er ist bis heute der wichtigste Ideologe des gewalttätigen politischen Islam. Sein Spätwerk «Meilensteine» gilt als Leitfaden des politischen Islam.

Doch sind Qutibs terroristische Erben wirklich Muslime? Islamwissenschaftler haben gefordert, auf den Begriff «islamischer Terrorismus» zu verzichten, weil diese Leute nicht den Islam repräsentierten, sondern nur eine fundamentalistische Interpretation auslebten. Die britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong schlug vor, von «qutibischem Terrorismus» zu sprechen.

Terroristische Aktionen lassen sich mit dem Koran durchaus rechtfertigen. Doch ist der Islam aus diesem Grund eine genuin gewalttätige Religion? Richtig ist, dass der Islam aus dem Krieg heraus geboren wurde. Mohammed setzte seine neue Religion mit dem Schwert gegen die Mekkaner durch. Doch schon sein weiterer Siegeszug verdankt der Islam, der sich in weniger als hundert Jahren über die halbe damals bekannte Welt verbreitete, nicht dem Prinzip des Jihad, sondern den grossen arabischen Wanderungsbewegungen, die bereits vor Mohammed eingesetzt hatten. «Aus früharabischen Chroniken geht hervor, dass diese Eroberungsfeldzüge nicht aus einem islamischen Auftrag heraus erfolgten, sondern normale Herrschaftskriege waren», sagt Islamwissenschaftler Reinhard Schulze von der Universität Bern. Die arabischen Stämme hätten sich an den frisch eroberten Orten nicht für den Bau von Moscheen interessiert, sondern für die Beute. Die neuen Untertanen wurden auch nicht zwangsbekehrt. Wer den geforderten Tribut entrichtete, durfte seinen alten Glauben behalten. Die Pflicht, den Islam zu verbreiten, wurde erst im zwölften Jahrhundert zu einem Thema, zur Zeit der christlichen Kreuzzüge.

Die Stärke (und Schwäche) des Korans ist seine Vieldeutigkeit. Lange Zeit konnten die Anhänger des Islam damit gut leben. Es entstanden über die Jahrhunderte zahlreiche Denkschulen, die verschiedene Interpretationen in die Welt setzten und diskutierten. Der politische Islam ist eine neuere Erscheinung. Er hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Osmanische Intellektuelle versuchten, dem Sultan seine Souveränität abzusprechen, indem sie behaupteten, der Islam sei Religion und Staat. Im Koran selber sucht man vergeblich nach irgendwelchen Hinweisen, die definieren, wie Herrschaft oder politisches Leben organisiert sein soll. «Koranisch betrachtet», sagt Islamwissenschaftler Schulze, «war Mohammed immer nur der Kultführer seiner Gemeinde, die politische Befehlsgewalt lag bei den Stammesführern.» Anders formuliert: Der Koran hat eigentlich nichts gegen die Trennung von Religion und Staat.

Anziehungskraft ist weg

«Der Boden des Terrors», bemerkte der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani schon vor Jahren in einem Essay in der «Zeit», ist nicht die Religion, sondern «sind die gesellschaftlichen und politischen Zustände». Kurz nach den Anschlägen vom 11. September schien der radikale politische Islam durchaus eine Zukunft zu haben. Die Ausbildungslager terroristischer Gruppen füllten sich mit Rekruten, die bereit waren, für Gotteslohn den Attentätern von New York und Washington nachzueifern.

Heute hat diese Ideologie ihre Anziehungskraft zum grössten Teil verloren. Die Zahl junger Männer (und Frauen), die bereit sind, sich für den qutibischen Jihad zu opfern, beläuft sich laut jüngsten Schätzungen weltweit auf 20'000. Das ist im Vergleich zu den insgesamt 1,6 Milliarden Muslimen eine verschwindend kleine Gruppe. Allerdings ist schon ein einzelner Mensch imstande, sehr viel Schaden anzurichten.

Tages-Anzeiger

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