Der Anwalt der Kindersoldaten

Junior Nzita Nsuami aus dem Kongo wurde als Bub entführt und zum Kämpfer ausgebildet. Heute erzählt er seine Geschichte dem UNO-Sicherheitsrat und Schülern in Europa.

Eine eindrückliche Lebensgeschichte als Statement gegen den Krieg: Junior Nzita Nsuami. (Video: Adrian Panholzer)


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«Die Hölle begann in der Sekundarschule», sagt Junior Nzita Nsuami. Dabei wäre er so gerne zur Schule gegangen. So wie alle anderen Kinder. Doch Junior wurde mit zwölf Jahren Kindersoldat, ein Kadogo. Das ist Suaheli, und so spricht man in Kiondo im Osten der Demokratischen Republik Kongo, die damals noch Zaire hiess. Junior war im Internat; es war an einem Samstagabend im November 1996, als sie kamen. Die Häscher gehörten zu einer der zahlreichen kongolesischen Milizen, in deren langen Namen irgendwo das Wort Demokratie vorkommt.

Junior hat mit seinen Klassenkameraden Fussball gespielt. Nun will er vor dem Abendessen noch Aufgaben machen, als er plötzlich Lärm hört. Und Schüsse. Die Lehrer verriegeln die Schlafräume. Vergeblich. Junior und seine Mitschüler werden nach draussen getrieben, Männer in Tarnanzügen halten sie mit Gewehren in Schach und verfrachten sie in einen Container-Lastwagen. Wie Vieh, auch Mädchen sind dabei. Dann wird zugesperrt, es ist dunkel, und es gibt kaum Luft. Während der Fahrt seien einige Kinder am Schock gestorben, den sie erlitten hatten, berichtet der heute 31-jährige Junior Nzita Nsuami beim Gespräch in Zürich.

Kranke werden erschossen

 Junior ist von der Alliance de Forces Démocratiques pour la Libération du Congo verschleppt worden. Ihr Anführer war Laurent-Désiré Kabila. Mithilfe der Kindersoldaten stürzte er ein halbes Jahr später Diktator Mobutu Sese Seko und ergriff die Macht. Sein Sohn Joseph Kabila ist sein Nachfolger und seit 2001 Präsident der Demokratischen Republik Kongo. Und er will das auch bleiben, obwohl nach zwei Amtszeiten im Dezember 2016 eigentlich Schluss wäre.

Den Kabilas zur Macht verholfen hat auch Junior. Der Lastwagen hält in einem Ausbildungslager tief im Urwald in der Provinz Nord-Kivu. Der zwölfjährige Schüler ist nun ein Kurutu, ein neuer Rekrut. Die Kindheit ist zu Ende: Instruktoren aus dem Nachbarland Ruanda drillen die Buben von morgens 3 Uhr, bis es wieder dunkel wird. Danach vergewaltigen sie die Kinder «ohne jegliches Pardon», wie Nsuami sagt. Die Kurutus werden geschunden und gefoltert, und wer krank wird, ist so gut wie tot. Allerdings nicht wegen des Fiebers: «Kranke mussten zu Fuss eine weite Strecke über Berge ins Lazarett zurücklegen. Wer zu schwach war, bis er dort eintraf, erhielt den Gnadenschuss.»

Eines Tages erscheint Kommandant Kabila im Lager und sagt: «Wir müssen die Hauptstadt Kinshasa um jeden Preis erobern, um Mobutu fortzujagen und die Macht zu ergreifen.» Der Feind ist der Regierungssoldat, und die ruandischen Ausbildner positionieren die Buben mit ihren Gewehren ganz zuvorderst, damit sie ihre Angst verlieren, wie sie sagen. Nun beginnt Junior Nzita Nsuami zu töten. In seiner 100-seitigen Autobiografie schreibt er:

Es gab diesen Moment, in welchem ich aus meinem Entsetzen und meiner Erstarrung gerissen wurde. Als ich realisierte, dass einer der Feinde fiel, getroffen von einem Schuss aus meinem Gewehr. Dann ging es los, es war alles ein Spiel. Die Regel war ganz simpel: Es ging darum zu töten, um nicht getötet zu werden.

Junior ist berauscht. Dem Essen werden Drogen beigemischt, vor allem vor den Schlachten. «Ich weiss nicht, was es war, aber es gab uns Kraft, wir wurden nicht mehr müde.» Die Kindersoldaten legen die 3000 Kilometer vom Nord-Kivu bis in die Hauptstadt Kinshasa zu Fuss zurück. Immer weiter, immer nach vorne und immer siegreich. Kisangani, die Dschungelstadt auf halber Strecke, wird belagert und dann in 48 Stunden erobert.

Wir sahen schöne Frauen, die sich uns näherten und ihre Umhänge auf den Boden legten. Die Volksfreude war gross; die Moral der Soldaten im Zenit. In dieser Euphorie wurden die Mitglieder von Mobutus Partei getötet, gelyncht, ihre Kinder vergewaltigt und ihre Güter geplündert.

Nach diesem Sieg, waren Sie da stolz, ein Soldat zu sein? «Nein, nie», sagt Nsuami, «auch nicht in Kisangani, wir waren Sklaven.» Die Kinder wollen möglichst rasch nach Kinshasa, damit sie ihre Waffen ablegen und wieder zur Schule gehen können. Doch der Weg ist weit und der Widerstand heftig, Kameraden werden erschossen oder sterben an Aids. Wer nicht gehorcht, wird bestraft. Auch Junior. Er muss Krähenfleisch essen. Und er wird ausgepeitscht, weil er sich mit Angehörigen einer anderen Einheit gestritten hat. 250 Hiebe. «Oft musste der beste Freund die Strafe ausführen.»

Er will, dass sich Jugendliche hier bewusst werden, welches Privileg der Frieden ist: Junior Nzita Nsuami in Zürich. Foto: Thomas Egli

Junior wird gequält und quält. Er hat das Gefühl, Gott habe ihn verlassen. Er ist in einer religiösen Familie aufgewachsen. Auch als Kindersoldat liest er die Bibel. «Das war erlaubt, wir hatten sogar Feldprediger, die mit uns beteten.» Eines Morgens liegt er mit seinen Kameraden in einer Stellung und liest von Jesus Christus, als plötzlich eine schwangere Frau auftaucht. Die Wehen setzen ein, sie krümmt sich. Die Burschen nähern sich der Frau und stellen fest, dass die Schwangerschaft nur vorgetäuscht ist. Die Frau ist eine Kundschafterin des Feindes.

Diese Nachricht trieb mich dazu, mein Bajonett zu ziehen und ihr den Kopf abzuschneiden. Wir beschlossen umgehend, den Kopf unseren Kommandanten zu präsentieren, und sie begruben ihn. Danach flehten sie uns an, zu beten und den Schutz des Ewigen zu erbitten und vor allem, konzentriert zu bleiben.

Haben Sie heute Schuldgefühle? «Nicht ich habe die Frau geköpft, sondern mein Bajonett, das ich tragen musste», wehrt sich Nsuami. «Ich habe dieses Bajonett nicht gekauft und auch nicht hergestellt. Ich habe nie getötet. Ich fühle mich nicht schuldig.» Der Glaube habe ihm geholfen, er sei heute ein praktizierender Christ, sagt er. «Ich habe Gott um Vergebung gebeten, und er hat mir vergeben.»

Die Hauptstadt Kinshasa fällt am 17. Mai 1997, Mobutu geht ins Exil und stirbt, Junior aber bleibt Kadogo. Er wird in die neue Armee integriert und muss bis 2006 dienen. Dann entlässt ihn ein Oberst und drückt ihm 100 US-Dollar in die Hand. Im Kongo und im Kopf geht der Krieg weiter: Junior Nzita Nsuami schläft höchstens zwei Stunden, er leidet an schweren Kopfschmerzen, er hat Bilder in sich drin, die nicht mehr weggehen, selbst starke Schmerzmittel helfen nicht. Er möchte nur wieder Junior sein und zurück in die Schule. Aber er weiss, dass er nie mehr Kind sein darf. «Nach meiner Entlassung sah ich, wie Eltern ihre Kinder zur Schule begleiteten. Das war der schlimmste Augenblick meines Lebens.»

Treffen mit Ban und Burkhalter

Haben Sie wieder Kontakt zu Ihrer Familie in Kiondo im Nord-Kivu? Nsuami sagt lange nichts, er atmet heftig. Nach einiger Zeit wischt er sich eine Träne ab, dann sagt er stockend: «Aus persönlichen Gründen möchte ich nicht über meine Familie sprechen.» Er ist nie mehr zu Hause gewesen. Ausser vielleicht ein Mal, wie wir vermuten: Oft werden Kindersoldaten nach ihrer militärischen Grundausbildung gezwungen, in ihre Dörfer zurückzukehren und ihre Familien umzubringen. Damit sollen sie sich schuldig machen; eine Rückkehr – und damit eine Flucht – ist nicht mehr vorstellbar, eine Brücke in die Kindheit, in die Familie, in die Geborgenheit gibt es nicht mehr.

Nsuami ist in Kinshasa geblieben und gründete das Hilfswerk Paix pour l’enfance. Er sieht sich als Anwalt der Kindersoldaten und Kriegsopfer. Er reist nach Europa, wo er seine Geschichte in Schulzimmern erzählt, damit sich die Jugendlichen hier «bewusst werden, welche Privilegien sie haben, allen voran den Frieden». Er sprach auch mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon und trat vor dem Sicherheitsrat in New York auf; im Juni ist eine Begegnung mit Bundesrat Didier Burkhalter geplant, dem Schweizer Aussenminister. Gemäss Unicef werden weltweit 250 000 Kinder als Soldaten missbraucht. «Wenn ich mich für sie einsetze, geht es auch mir besser.» Gutgetan hat ihm auch die Niederschrift seiner Erinnerungen. Und mit lautem Singen und Akupunktur kann er den Horrorfilm in seinem Kopf unterbrechen. Ab und an gibt es inzwischen fünf Stunden Schlaf.

Nsuami betreut in Kinshasa 140 Kriegswaisen. Mit seinem Hilfswerk will er verhindern, dass sich die alleinstehenden Kinder einer der Milizen mit den langen Namen anschliessen, weil sie keinen Halt finden im Leben. Im Osten des Landes herrscht immer noch Krieg. Zur politischen Lage im Kongo, wo Ende Jahr der Präsident gewählt werden soll, will er sich aber nicht gross äussern.

Der Kongo im Smartphone

Mit seinem Buch, das von der Schweizer Botschaft in Kinshasa mitfinanziert wurde, habe er sich Probleme eingehandelt, und er werde beobachtet, wenn er im Ausland Interviews gebe. Dann sagt er aber doch noch, die Regierung lasse weiterhin zu, dass Kindersoldaten zwangsrekrutiert werden, obwohl das inzwischen verboten sei. Selbst im Kongo. «Alles ist noch schlimmer geworden, ich habe meine Kindheit für nichts geopfert.» Unter Mobutu habe es wenigstens keine Kindersoldaten gegeben.

Heute kämpft Nsuami nicht mehr gegen eine Regierung, sondern gegen das «System», wie er sagt. Dieses System erlaube, dass leichte Waffen nach Afrika verkauft würden, die Kinder tragen und bedienen können: «Wenn man die Kommandanten der Milizen verhaftet, muss man genauso die Waffenverkäufer festnehmen. Auch im Ausland, denn bei uns werden keine Waffen hergestellt. Die kommen von aussen.» Die Unicef pflichtet ihm bei. Der Einsatz der Kindersoldaten werde erleichtert durch die massenhafte Verfügbarkeit kleiner Waffen wie der russischen AK-47 oder der deutschen G3-Gewehre, schreibt das UNO-Kinderhilfswerk.

Dann zeigt Junior Nzita Nsuami auf das Smartphone, das vor ihm liegt. «Wer ein Smartphone besitzt, hat den Kongo in seiner Tasche.» Mobiltelefone enthalten Tantal, ein seltenes Metall, das aus dem Erz Coltan gewonnen wird. Und Coltan kommt aus dem Ostkongo. «Die Kriege im Kongo sind keine ethnischen Konflikte oder Religionskriege. Es sind Rohstoffkriege.» Kindersoldaten seien geeignet, diese zu führen, weil es dazu nur eine leicht ausgerüstete Armee brauche. Und mit Nachdruck sagt er, mehrere international bekannte Firmen seien indirekt dafür verantwortlich, dass es Kindersoldaten gibt. «Wenn alle ihre Verantwortung übernehmen und null Kindersoldaten fordern würden, hätten wir eine Chance.»

Junior Nzita Nsuamis Buch «Wenn ich mein Leben als Kindersoldat erzählen könnte» kann online bestellt werden über die Trauma Healing and Creative Arts Coalition in Bern (Thac), www.thac.ch. Thac unterstützt Menschen bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2016, 23:52 Uhr

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