«Das sind Kinder, keine Terroristen»

Die Kinder ausländischer IS-Kämpfer sind in syrischen Lagern nicht willkommen. Ihre Heimatländer müssten sie jetzt retten, fordern Helfer.

Sie sind nirgends willkommen: Frauen und Kinder auf der Flucht nach der Offensive gegen die IS-Bastion Baghuz. Foto: Dukas

Sie sind nirgends willkommen: Frauen und Kinder auf der Flucht nach der Offensive gegen die IS-Bastion Baghuz. Foto: Dukas

Zita Affentranger@tagesanzeiger

«Es gibt keine Entschuldigung dafür, Kinder in ausländischen Flüchtlingslagern sterben zu lassen», sagt Sonia Khush von Save the Children. Die Heimatländer von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) müssten «dringend die Verantwortung für ihre Bürger übernehmen» und die Nachkommen repatriieren. Die Kinder seien Opfer dieses Konflikts und müssten auch als solche behandelt werden.

In den syrischen Lagern sitzen laut den Helfern mindestens 3580 Kinder ausländischer IS-Kämpfer aus rund 40 Ländern fest, zwei Drittel von ihnen sind weniger als fünf Jahre alt. Die meisten leben mit ihrer Mutter, manche sind allein. Wegen der Offensive gegen die letzte IS-Bastion Baghuz, die im Osten des Landes liegt, hat die Zahl der Vertriebenen stark zugenommen. Dutzende Kinder sind auf dem Weg ins Lager gestorben, an Kälte und Unterernährung. Der Gesundheitszustand vor allem der Kleinsten sei katastrophal, sagt Khush. Sie seien krank, verletzt, unterernährt, traumatisiert und hätten zu wenig warme Kleider.

Video: Frauen und Kinder verlassen Baghuz

Menschen verlassen das von den Jihadisten gehaltene Dorf Baghuz nahe der irakischen Grenze. Video: AFP

Die Lager sind inzwischen überfüllt, Zehntausende Menschen sind die letzten drei Monate dazugekommen, 90 Prozent von ihnen Frauen und Kinder. Die Platzverhältnisse sind laut den Helfern inzwischen so prekär, dass manche im Freien schlafen müssen. Unter den Neuzuzügern sind viele Angehörige von Ausländern, die einst zum Kämpfen nach Syrien gekommen sind. Ihre Lage ist besonders prekär, weil sie von den Syrern, die unter dem Terrorregime gelitten haben, als Täter betrachtet werden.

Man habe Frauen und Kinder von IS-Leuten in den Lagern separat unterbringen müssen, sagt Geert Cappelaere von Unicef. Auf Solidarität können sie nicht hoffen. «Sie sind nicht willkommen im Lager. Und sie sind oft nicht willkommen in ihren Ursprungsländern», die Kinder lebten unter «extrem schlimmen» Bedingungen. Doch «das sind Kinder, keine Terroristen», bekräftigt Cappelaere. Auch im Irak leben schätzungsweise 1000 Kinder von ausländischen IS-Kämpfern. Viele von ihnen sitzen mit ihren Müttern zusammen im Gefängnis.

Grossbritannien hat unlängst die Rücknahme einer jungen Mutter abgelehnt. Ihr neugeborenes Kind starb kurz danach in einem syrischen Lager.

Cappelaere pocht darauf, dass die Kinder nicht von ihren Familien getrennt werden, und ruft die Herkunftsländer auf, sie zusammen mit ihren Müttern heimzuholen. Europäische Staaten, darunter auch die Schweiz, wollen die Väter und Mütter aber nicht repatriieren. Der Bundesrat hat entschieden, dass die rund 20 Schweizer in Syrien nicht zurückgeholt werden, eine Rückführung der schätzungsweise sechs Kinder unter ihnen soll aber zumindest geprüft werden, wenn das Kindeswohl dies erfordere. Die anderen europäischen Länder argumentieren ähnlich und sehen die Eltern als Sicherheitsrisiko.

Frankreich hat nun fünf kleine Kinder aus Syrien ausgeflogen, die beide Elternteile verloren haben, und sie zu Verwandten gebracht. Die meisten europäischen IS-Kämpfer stammen aus Frankreich, die Zahl der Kinder wird auf mehrere Hundert geschätzt. Belgien geht einen ähnlichen Weg: Das Justizministerium hat erklärt, man wolle Kinder unter zehn Jahren zurückbringen, über Ältere solle von Fall zu Fall entschieden werden. Die Mütter sind von der Rückführung ausdrücklich ausgeschlossen. Grossbritannien hat unlängst die Rücknahme einer jungen Mutter abgelehnt. Ihr neugeborenes Kind starb kurz danach in einem syrischen Lager.

Russland fliegt Dutzende zurück

Was in Westeuropa der Einzelfall ist, ist in Ländern wie Russland, Indonesien oder Tadschikistan gang und gäbe. Zwar wollen auch diese Länder keine IS-Kämpfer zurücknehmen. Doch die Kinder fliegt man seit Wochen zu Dutzenden aus, zumindest anfänglich auch zusammen mit den Müttern. Es sei besser, wenn die Kinder von den Grosseltern zu Hause aufgezogen würden, als sie in einem Flüchtlingslager aufwachsen zu lassen, von wo sie dann möglicherweise radikalisiert zurückkehrten, argumentiert man in Russland. Diese Kinder seien nicht freiwillig in das Konfliktgebiet gereist und «wir haben kein Recht, sie dort zu lassen», sagt Präsident Wladimir Putin, der deshalb von Menschenrechtlern für einmal Lob bekommen hat.

Experten betonen, dass die Rückführung in ein normales, friedliches Umfeld den Kindern die beste Chance biete, sich von den erlittenen Traumata zu erholen. Sie betonen jedoch auch, dass mit den älteren Kindern intensiv an einer Entradikalisierung gearbeitet werden müsse. Denn der IS hat die jungen Leute, die von ihren Eltern mit ins Kalifat gebracht worden waren, gezielt militärisch ausgebildet, ideologisch indoktriniert und zum Teil auch als Gehilfen bei Anschlägen oder Morden missbraucht. Wenn man sich nicht richtig um sie kümmere, warnt das internationalen Radikalismus-Zentrum in London, stellten sie eine «erhebliche Gefahr dar in der Zukunft – ganz egal, wohin es sie verschlägt».

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