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Das Ende von Omar, dem Tschetschenen

IS-Kommandant Omar al-Shishani ist tot. Der Jihadist aus dem Kaukasus war eine sehr wichtige Figur der Terrormiliz in Syrien. Rückblick auf ein Terroristenleben.

«Er war ein ausgezeichneter Soldat»: Omar al-Shishani in einem vom IS veröffentlichten Video. (28. Juni 2014)
«Er war ein ausgezeichneter Soldat»: Omar al-Shishani in einem vom IS veröffentlichten Video. (28. Juni 2014)
Keystone

Die US-geführte Koalition hatte am vergangenen Mittwoch bei einem Luftangriff in Syrien ein klares Ziel. Die Attacke galt Omar al-Shishani, einem der führenden militärischen Verantwortlichen der IS-Jihadisten. Die Nachrichten über den Tod des 30-jährigen Kommandanten der Terrormiliz erwiesen sich als voreilig. Der für seinen dichten, rothaarigen Bart bekannte Shishani hatte das Bombardement überlebt. Der Jihadist erlitt aber schwerste Verletzungen, denen er nun doch erlegen ist. Ein irakischer Geheimdienstbeamter und die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilten heute mit, dass Shishani am Montag gestorben sei.

Wer war der Mann, der sich Omar al-Shishani nannte und beim IS eine beachtliche Karriere hingelegt hatte?

Die Erinnerungen des Vaters

Übersetzen lässt sich sein Kampfname als Omar, der Tschetschene – obwohl er nicht aus der autonomen russischen Republik stammt. Zusammen mit zwei älteren Brüdern, einer muslimischen Mutter und einem christlichen Vater wächst Tarchan Batiraschwili – so der gebürtige Name – in einem Dorf im georgischen Pankisi-Tal auf. Die Schlucht ist das Zentrum der tschetschenischen Gemeinde im Kaukasusstaat. Und gleichzeitig Hochburg der Rebellen, die während der beiden Tschetschenienkriege hier Unterschlupf suchen. 2007 stellt sich der Georgier in den Dienst der georgischen Armee, kämpft kaum ein Jahr später bereits an vorderster Front im Kaukasuskrieg gegen Russland.

«Er war ein ausgezeichneter Soldat, der sein Heimatland aufrichtig liebte», sagt sein Vater Temur Batiraschwili in einem im Oktober 2014 veröffentlichten BBC-Bericht. Er erzählt über seinen Sohn, vor allem über dessen Leben vor dem Aufbruch in den Jihad. Sein Sohn sei von den «Nationalen» verraten worden, sagt Temur Batiraschwili und meint damit die Partei des damaligen Präsidenten Michail Saakaschwili. Er meint damit auch die Ereignisse, die Tarchan Batiraschwili 2010 ins Gefängnis – und im Anschluss daran zu den Jihadisten – brachten.

«In Georgien braucht mich niemand mehr»

Nach einer Tuberkuloseerkrankung, die ihn monatelang ans Spitalbett bindet, wird der junge Mann aus der Armee entlassen. Im gleichen Jahr stirbt seine Mutter an Krebs. Versuche, zum Militär zurückzukehren oder bei der georgischen Polizei anzuheuern, scheitern. Später wird Batiraschwili verhaftet und wegen illegalen Waffenbesitzes zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Waffen seien seinem Sohn untergeschoben worden, glaubt der Vater.

2012 wird Batiraschwili dann vorzeitig entlassen. «Das Gefängnis hat ihn verändert», sagt Temur Batiraschwili. Wie schon seine beiden Brüder zuvor konvertiert der damals 26-Jährige zum Islam. In dieser Zeit wird aus Tarchan Batiraschwili dann Omar, der Tschetschene. Aus Geldnot sei er in die Türkei und im Anschluss nach Syrien gereist. «Jetzt sagt er zwar, sein Glaube habe ihn nach Syrien gebracht. Doch ich weiss: Er ist hin, weil wir bettelarm waren», ist sich der Vater sicher. «Hier in Georgien braucht mich niemand mehr», soll er vor seiner Abreise noch gesagt haben. Seitdem hat Batiraschwili in seinem georgischen Heimatdorf niemand mehr gesehen.

Dafür tauchen im Internet Propagandavideos des IS auf, in denen Shishani immer wieder zu Wort kommt. Ein «schüchterner junger Mann mit leiser Stimme» stehe vor der Kamera, schreibt «Spiegel online» über seine Videoauftritte, «jemand, der oft Schwierigkeiten hat, die richtigen Worte zu finden». Dabei ist er inzwischen wohl das bekannteste Sprachrohr der IS-Miliz: Einmal feiert er das im Juni 2014 ausgerufene Kalifat. Dann ruft er Kämpfer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken auf, seinem Beispiel zu folgen und in den Irak oder nach Syrien zu reisen. Und wieder ein anderes Mal verspricht er, den Jihad nach Russland zu tragen.

Kurz nachdem er 2013 zum ersten Mal in Syrien aufgetaucht ist, steigt Shishani zum Anführer der al-Qaida-nahen Gruppierung Jaish al-Muhajireen wal-Ansar auf, was so viel bedeutet wie «Armee der Emigranten und Partisanen». Etwa 1000 Mitglieder soll die Gruppe damals umfassen, in ihren Reihen fast ausschliesslich Kämpfer aus Tschetschenien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Der Kaukasuskenner Alexei Malaschenko von der Moskauer Denkfabrik Carnegie-Zentrum beschreibt Shishani als «Fanatiker des Islam mit Kriegserfahrung und starker Erfolgsbilanz». Kriegserfahrung, die ihm wohl im Sommer 2013 zugutekommt, als er zusammen mit seinen Kämpfern den nordsyrischen Luftwaffenstützpunkt Managh erobert.

Die Begegnung mit IS-Chef Baghdadi

Wenig später begegnet Shishani dem unter dem Kampfnamen Abu Bakr al-Baghdadi bekannten Anführer des IS. Wie die libanesische Zeitung «al-Achbar» schreibt, hat er sich zuvor mit der Al-Qaida-Führung überworfen. Er leistet Baghdadi einen Treueschwur und schliesst sich mit seiner Kampftruppe den IS-Jihadisten an. Seither ist Shishani eines seiner bekanntesten Gesichter, vermutlich inzwischen oberster Militärkommandeur. Das hält auch Charles Lister vom Brookings Doha Center für möglich. Da die Operation der Gruppe inzwischen immer enger koordiniert werde, sei es nicht unwahrscheinlich, dass jemand wie Shishani zum Militärchef befördert worden sei, sagt der renommierte Terrorismusexperte.

Dass sein Sohn eine Karriere als Jihadist hingelegt hat, kann der Vater nicht glauben. Im Gespräch mit der BBC, das im Herbst 2014 ausgestrahlt wird, erinnert er sich an den Sohn als einen «äusserst hübschen jungen Mann», den riesigen roten Bart habe er erst seit kurzem. Mit Islamismus habe er damals nichts am Hut gehabt. Aber er habe seinen Sohn wohl gar nicht gekannt, muss Temur Batiraschwili dann doch zugeben. Seit er nach Syrien sei, habe er einmal zu Hause angerufen. Er habe jetzt eine Tochter, erzählte Shishani dem Vater. «Als er dann hörte, dass ich dem Christentum immer noch nicht abgeschworen habe, legte er einfach auf.»

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