Abgedrängt an den Rand der Geschichte

Terrorismus und Islam

Al-Qaida hat jahrelang um die Herzen der Muslime gekämpft. Doch seit die Araber gegen ihre Diktatoren revoltieren, ist das Terrornetzwerk ins Abseits geraten.

Selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität war das Netzwerk nie eine Massenbewegung: Kundgebung für die al-Qaida in Pakistan im Oktober 2001.

Selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität war das Netzwerk nie eine Massenbewegung: Kundgebung für die al-Qaida in Pakistan im Oktober 2001.

(Bild: Keystone Jerome Delay)

Sonja Zekri@tagesanzeiger

Vor ein paar Jahren hat der libanesische Journalist Samir Kassir eine Analyse der arabischen Welt durchgeführt. Das Ergebnis, zu dem er kam, war niederschmetternd. Nicht allein, dass Analphabetismus, Repression und Nepotismus jeden Fortschritt erstickten, klagte er. Weder seien die arabischen Staaten fähig, Palästina zu befreien, noch hätten sie den Einmarsch der Amerikaner im Irak verhindert. Ägyptens Niederlage 1967, Israels Bombardierung des Libanon, US-Truppen in Saudiarabien, dem Boden der heiligen Stätten Mekka und Medina &endash dies alles verdichtete sich zu einer allgegenwärtigen, als fast naturhaft empfundenen Ohnmacht. Die Araber hätten keine Zukunft, schrieb Kassir; schon nur die Debatte über die Möglichkeit einer Veränderung galt als naiv. Das «arabische Unglück» infiziere Generationen. «Es ist kein Vergnügen, Araber zu sein.» Samir Kassir starb im Jahr 2005 durch eine Autobombe.

Gewalt war auch im Libanon das bevorzugte Mittel politischer Auseinandersetzung, das schlimmste Symptom des arabischen Unglücks. Und niemand schürte die Verzweiflung der arabischen Massen eifriger, beschwor die Unterlegenheit dramatischer als die militanten Islamisten, die Jihadisten, als al-Qaida. Die Überlegenheit des Westens war gewaltig, aber mit Bomben und Gewehren im Namen Gottes, so die Verheissung Osama Bin Ladens, liesse sich die Lähmung durchbrechen.

Die Propaganda trug Früchte

Osama Bin Laden, Spross eines schwerreichen Bauunternehmers, hatte in den 80er-Jahren Bagger und Bulldozer nach Afghanistan gebracht und persönlich Schützengräben für die Mujahedin ausgehoben. Und Bauherr, Unternehmer war er im Herzen geblieben. Noch der 11. September 2001 war für ihn neben anderen auch eine gelungene Investition. «Al-Qaida hat für die Operation am 11. September 500'000 Dollar ausgegeben, während Amerika durch das Ergebnis, vorsichtig geschätzt, 500 Milliarden Dollar verloren hat», rechnete er 2004 in seiner «Botschaft an das amerikanische Volk» vor: «Das heisst, jeder Dollar von al-Qaida hat eine Million Dollar vernichtet dank des allmächtigen Gottes.»

Auch al-Qaidas Propagandaarbeit trug Früchte &endash dank des «arabischen Unglücks». Mehr als 3000 Menschen waren am 11. September 2001 gestorben, aber die arabischen Abscheubekundungen blieben überschaubar. Für den Westen brach mit dem Angriff auf die beiden Türme des World Trade Center in New York eine Epoche der Angst und Verunsicherung an, aber war die arabische Welt nicht schon seit Jahrzehnten verunsichert? Al-Qaida hatte den Tod ins Herz Amerikas getragen, die meisten Araber aber hatten Kriege selbst erlebt oder empfanden sich zumindest als Schicksalsgemeinschaft, die seit Jahrhunderten unter einem übermächtigen Gegner &endash dem Westen &endash litt. Ob Amerika Bagdad bombardierte, Israels Besatzungspolitik tolerierte oder den Polizeistaat Hosni Mubaraks unterstützte &endash am Ende sahen sich Iraker, Palästinenser und Ägypter als Opfer desselben, historisch beispiellosen Unrechts. Der 11. September, so dachten viele, demonstrierte den anderen nur mal, wie das ist.

Zehn Jahre später wirkt diese Lesart dramatisch veraltet. Als Osama Bin Laden im Mai von amerikanischen Navy Seals in seinem pakistanischen Gehöft erschossen wurde, reagierte die arabische Welt bemerkenswert desinteressiert. In Kairo marschierte eine Handvoll ultrakonservativer Salafisten vor der amerikanischen Botschaft auf. Ansonsten war die aufgewühlte Region mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, ob der neue Weg tatsächlich gangbar ist und wohin er führt. Nur Monate zuvor hatten junge Männer und Frauen mit Twitter-Account und Facebook, aber ohne Koran und ohne Gewehr in 18 Tagen erreicht, was al-Qaida in Jahren nicht geschafft hat: den Zusammenbruch des Systems. Seit dem Fall der Herrscher in Tunesien und Ägypten ist al-Qaida mit der Tatsache konfrontiert, dass man die arabische Welt ändern kann, ohne zuvor Amerika zu vernichten, vor allem aber: ohne einen Schuss abzufeuern. Wofür brauchte man überhaupt noch Jihadisten? Seitdem ringt die Terrortruppe um Fassung. In einer posthum veröffentlichten Audiobotschaft pries Bin Laden vage den «Wind des Wandels», sein Nachfolger, der Ägypter Ayman al-Zawahri, erging sich mit Erörterungen über die ägyptische Geschichte; äusserte sich aber jüngst vergleichsweise konzis zum Konflikt in Syrien: Präsident Bashar al-Assad sei der «Spross von Verrätern» und «Anführer von Henkern», die Protestierenden aber stünden an der «Front des Jihad». Dennoch riet er zur Vorsicht: «Sagt Amerika und Obama, wir kämpfen für die Freiheit von korrupten Tyrannen und für die Befreiung der islamischen Religion.»

Es war ein Umarmungsversuch, denn ausser Rhetorik hat al-Qaida den Unerschrockenen auf den Strassen von Hama und Latakia nichts zu bieten. Die arabischen Revolten sind Volkserhebungen. Al-Qaida aber, die Avantgarde des Jihad, warb über Jahrzehnte verbissen um die Herzen der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, doch eine Massenbewegung war das Netzwerk selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität nicht. Es sei die Pflicht jedes Muslims, «Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ob Zivilisten oder Soldaten», hatte Bin Laden einst gefordert, in jedem Land, zu jeder Zeit, «bis ihre Armeen alle muslimischen Gebiete verlassen mit gelähmten Händen, gebrochenen Flügeln». Nur so könne das Kalifat errichtet, die Umma befreit werden. Aber bei allem Hass auf die Dominanz des Westens &endash das ging den meisten zu weit. Die Umma war zu träge für den Kampf.

Der Tod ist ihr Ziel

Für Millionen Nichtmuslime war al-Qaida ohnehin nie anschlussfähig, selbst für viele Muslime nicht. Al-Qaida nimmt muslimische Opfer in Selbstmordattentaten nicht bloss in Kauf. Der jordanische Schlächter Abu Musab al-Zarqawi bombte im Irak im Namen al-Qaidas gezielt gegen «Häretiker», Schiiten im Sold der Amerikaner, die er für noch verschlagener hielt als die «Kreuzfahrer». Ein innermuslimischer Bruderkrieg war für ihn keine Katastrophe, sondern Strategie, in der sich die schiitenfeindliche Wahhabiten-Ideologie al-Qaidas mit dem Kampf gegen die Besatzer ergänzte. Die Schiiten sollten unterworfen werden, die Amerikaner im Chaos versinken. Viele Muslime aber sahen nur noch wahlloses Morden.

Al-Qaida lebt vom Gefühl arabischer Hilflosigkeit, die Revolten gerade vom Gegenteil: In einer grandiosen Geste der Selbstermächtigung haben sich die Menschen in Ägypten und Tunesien, Libyen und Syrien zu Herrschern ihres Schicksals aufgeschwungen, die auf einmal, und sei es nur für den Moment, die Geschicke ihres Landes, auch der Region, vielleicht der ganzen Welt beeinflussen können. Plötzlich gab es eine Alternative, schien die Gegenwart aufregender zu sein als das Jenseits. Radikaler noch als die mächtige libanesische Schiitenmiliz Hizbollah beschwört al-Qaida den Fetisch ewigen Widerstands, in dem der Tod kein Mittel ist, sondern das Ziel an sich.

In Syrien und Libyen aber treten die Menschen mit atemberaubendem Gleichmut in den Kugelhagel. Sie nehmen den Tod in Kauf, aber sie suchen ihn nicht, und sie brechen &endash anders als man es von Jihadisten gehört hat &endash nicht in Tränen aus, wenn sie die Angriffe überleben und nicht ins Paradies für Märtyrer kommen.

Während die friedlichen Proteste eine frontale Herausforderung für den Ägypter Mubarak und den Tunesier Ben Ali, den syrischen Präsidenten Assad oder den jemenitischen Noch-Präsidenten Saleh sind, wurde al-Qaida von einigen arabischen Ländern lange Zeit nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert: Wenn sich die jungen Wilden in Afghanistan abreagieren, stiften sie umso weniger Unruhe zu Hause, dachte man in Libyen und Saudiarabien. Und so sehr al-Qaida die korrupten Despoten bekämpfte, so erbittert lehnen die Wahhabiten-Gotteskrieger Rechtsstaat, Parteien und Pluralismus ab. Demokratie sehen sie als Versuch des Menschen, sich über Gott zu erheben und damit als Blasphemie. Im Hass auf «gottlose Tyrannen» wie Mubarak oder Saddam Hussein wusste al-Qaida die Massen hinter sich. Die Ablehnung einer weltlichen Demokratie aber reisst Gräben selbst zu jenen gemässigten Islamisten auf, die in Ägypten und Tunesien neuerdings für Demokratie werben, auch wenn sich ihre Ideen von der eines Schweizer Parlamentariers deutlich unterscheiden dürften.

PR-Desaster für die Jihadisten

Auf den Plätzen von Tunis und Kairo überstrahlt das Pathos der Revolte die Marke al-Qaida. Als für die Nachfolge Bin Ladens der Name seines damaligen Vize Ayman al-Zawahri aufkam, am Nil geboren wie der 9/11-Attentäter Mohammed Atta, spottete ein Blogger in Kairo nur: «Bitte nicht schon wieder ein Ägypter.» Gerade hatte das Land am Tahrir-Platz sein Image so schön gewandelt, war zur Wiege der Freiheit geworden und nicht länger Brutstätte von Terroristen.

Die arabische Revolte hat die globalen Gotteskrieger zu Randfiguren der Geschichte gemacht. Zehn Jahre nach dem 11. September 2001 ist dies eine historische Blamage, ein PR-Desaster. Aber al-Qaida ist oft totgesagt worden; auch im Bombenhagel in den Höhlen des afghanischen Tora-Bora im Dezember 2001 sah es nicht gut aus. Schlimmstenfalls könnten die Jihadisten sogar vom Aufruhr profitieren. Sollten die postrevolutionären Regierungen in Tunesien und Ägypten die hohen Erwartungen enttäuschen, könnte sich die alte Ohnmacht, die alte Wut wieder Bahn brechen.

Ausserdem wurden nach dem Sturz Mubaraks Tausende ehemalige Hardcore-Jihadisten nach Jahrzehnten in Haft ohne auch nur eine Anklage aus den Gefängnissen entlassen. Viele haben der Gewalt abgeschworen, manche wollen nun in die Politik gehen. Doch nicht alle sind befriedet. Einst hatte der Westen beste Drähte zu den gefürchteten Sicherheitskräften in Tunesien und Ägypten. Nun sind viele Kontakte abgerissen, werden umorganisiert, vielleicht abgewickelt. Die alte Komplizenschaft ist weg. Al-Qaida könnte das Vakuum nutzen.

Tages-Anzeiger

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