Zu bekannt, um einfach zu verschwinden

Die Ökonomin Diane Rwigara forderte Ruandas Präsident Paul Kagame heraus – und kam ins Gefängnis. Eine Kampagne setzt sich für ihre Freilassung ein.

Die 37-Jährige hatte es vor einem Jahr gewagt, bei den Präsidentschafts­wahlen den Langzeitpräsidenten Paul Kagame herauszufordern: Diane Rwigara. Foto: The Rwandan

Die 37-Jährige hatte es vor einem Jahr gewagt, bei den Präsidentschafts­wahlen den Langzeitpräsidenten Paul Kagame herauszufordern: Diane Rwigara. Foto: The Rwandan

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ruanda ist ein sehr fortschrittliches Land für Frauen, die sich in der Politik engagieren wollen. Der Frauenanteil im ruandischen Parlament beträgt 64 Prozent – eine weltweit einmalige Quote. Ruanda kann aber auch ein gefährliches Land sein für Politikerinnen, wenn sie nach zu viel Macht streben. Das hat Diane Rwigara schmerzlich erfahren müssen. Die 37-Jährige hatte es vor einem Jahr gewagt, bei den Präsidentschafts­wahlen den Langzeitpräsidenten Paul Kagame herauszufordern. Seit fast einem Jahr sitzt sie in Haft, am 24. September soll sie endlich vor Gericht erscheinen. Es geht unter anderem um Betrug und Steuerhinterziehung.

Die in den USA ausgebildete Ökonomin prangerte den autoritären Kurs der Staatsführung in dem ostafrikanischen Land an. Sie kritisierte die systematische Unterdrückung von Andersdenkenden und die Verletzung von Menschenrechten. Das ist die Kehrseite von Ruanda, das nach Bürgerkrieg und Völkermord Mitte der 1990er zu einem politisch stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Land geworden ist. Kagame-Kritiker enden oft im Gefängnis. Sie werden ins Exil getrieben, oder sie sterben unter mysteriösen Umständen.

Es traf auch Diane Rwigaras Vater. Assinapol Rwigara starb gemäss offiziellen Anhaben bei einem Autounfall im Februar 2015. Er war ein einflussreicher Tabak- und Immobilienunternehmer. Ende der 1990er-Jahre galt er als wichtiger Geldgeber der Regierungspartei RPF, die 2000 an die Macht kam. Nach Ansicht der Rwigara-Familie fiel er beim Kagame-Regime in Ungnade, als er nicht mehr bereit war, seine Geschäfte in den Dienst der RPF zu stellen. Der ungeklärte Tod ihres Vaters war für Diane Rwigara der Anlass, in die Politik einzusteigen.

Kaum waren ihre politischen Pläne bekannt, wurde sie mit gefälschten Nacktfotos diskreditiert.

Kaum waren ihre politischen Pläne bekannt, wurde die Politikerin mit gefälschten Nacktfotos diskreditiert. Dann wurde sie der Fälschung von Unterschriften bezichtigt. Das ruandische Wahlkomitee annullierte genauso viele Unterschriften für ihre Kandidatur, dass sie nicht antreten konnte. Die Präsidentenwahl geriet zur Farce. Amtsinhaber Kagame gewann mit einer Zustimmung von knapp 99 Prozent.

Nach Ablehnung ihrer Präsidentschaftskandidatur setzte Rwigara ihr Engagement gegen die Regierung fort. Dem setzte die Polizei vor einem Jahr ein Ende: Bei einer Razzia durchsuchte sie das Haus von Rwigaras Familie. Seither befinden sich die Oppositionspolitikerin und ihre Mutter Adele in Polizeigewahrsam. Rwigara weist die Vorwürfe an sie und ihre Familie zurück. Sie wirft der Kagame-Regierung vor, sie mundtot machen zu wollen.

Seit ein paar Wochen läuft in den sozialen Medien unter dem Hashtag #FreeDianeRwigara eine Kampagne zur ihrer Freilassung. Der Fall hat globale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das wird Rwigara trotzdem nicht so schnell die Freiheit zurückbringen. Sie war sich immer im Klaren, dass sie im Gefängnis landen könnte. Immerhin hatte sie keine grosse Angst, umgebracht zu werden. «Mich zu töten, würde zu viel Lärm machen», sagte sie der Zeitung «Guardian». «Es ist schwerer, dich zu töten, wenn du einmal bekannt bist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 18:40 Uhr

Artikel zum Thema

Punkto Gleichstellung ist Ruanda der Schweiz voraus – auch beim Sex

Reportage Bei Ruandern gilt Gleichberechtigung nicht nur im Beruf, sondern auch im Bett. Über den weiblichen Orgasmus gibt es eigens eine erotische Lehre: Kunyaza. Mehr...

«In Kigali habe ich mich sicherer gefühlt als in Paris»

Interview Der Rapper und preisgekrönte Autor Gaël Faye erzählt, weshalb er seine Heimat Ruanda trotz allem liebt. Mehr...

Feurige Zungen im dunklen Herzen Afrikas

SonntagsZeitung Unterwegs zu den Quellen des Nils in Ruanda und zum Lavasee des kongolesischen Nyiragongo-Vulkans: Eine Trekking-Tour mit atemberaubenden Szenenwechseln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Das YB-Jahr 2018 – Teil 1

Sweet Home Weihnachtshopping in letzter Minute

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...