Wem gehört die Klagemauer?

Liberale Juden wollen die Vorherrschaft der Orthodoxie zurückdrängen. Noch kann Israels Regierung Strömungen bremsen, die sich eine Trennung von Staat und Religion wünschen.

Orthodoxe jüdische Männer beten an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Caitlin Faw (Getty Images)

Orthodoxe jüdische Männer beten an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Caitlin Faw (Getty Images)

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Mit Schrecken blickte die internationale Öffentlichkeit im Juli auf die blutigen Unruhen zwischen Israelis und Palästinensern am Tempelberg in Jerusalem – einem der heiligsten Orte für Muslime, Juden und Christen. Nur einen Monat zuvor war es an diesem Ort allerdings zu einer anderen Auseinandersetzung gekommen, die in der breiten Öffentlichkeit kaum verfolgt wurde. Denn es war ein innerjüdischer Konflikt, der unblutig verlief. Für den Staat Israel ist er jedoch von zentraler Bedeutung.

Es ging um das wichtigste Heiligtum des jüdischen Glaubens, die sogenannte Klagemauer, also die äussere Westmauer des zweiten jüdischen Tempels, der dort stand, wo sich heute der islamische Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee befinden. Die Mauer, die sich unterhalb des Tempelplateaus befindet, ist ein Reststück des Tempels, der 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde.

Wie in ganz Israel hat auch an der Klagemauer die jüdische Orthodoxie das Sagen. Sie verdankt dem Staatsgründer und ersten israelischen Premier David Ben-Gurion das Monopol auf alle religiösen Belange. Ben-Gurion, ein säkularer Jude, brauchte nach dem Holocaust Einheit unter den jüdischen Fraktionen, um das Ziel, einen eigenen Staat zu schaffen, zu erreichen. Nach dem europäischen Judenmord war Israel eine noch drängendere Notwendigkeit geworden, interne Auseinandersetzungen bedeuteten eine Schwächung der politischen Stosskraft. So erhielt die Orthodoxie das Recht, ­zivilrechtliche Dinge wie Geburt, Beschneidung, Eheschliessung und Tod zu regeln, ebenso religiöse Entscheidungen, die das ganze Land betreffen. Deshalb müssen etwa Hotels in Israel eine koschere Küche haben und am Sabbat dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren.

Doch dieses Monopol hat im Laufe der Jahrzehnte für viel Unruhe nicht nur innerhalb Israels gesorgt, sondern noch mehr in der jüdischen Welt. Die meisten Juden weltweit sind nicht mehr orthodox. Insbesondere in den USA ist die grosse Mehrheit der rund sechs Millionen Juden entweder säkular, oder sie gehört reformierten Gemeinden an, in denen Männer und Frauen in der Synagoge beisammensitzen und nicht getrennt wie in orthodoxen Synagogen. Frauen können Rabbiner werden, dürfen aus der Thora lesen – Dinge, welche die patriarchalische Orthodoxie als blasphemisch ablehnt.

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Aber mehr noch: Konversionen, die von liberalen Rabbinern durchgeführt werden, werden in Israel nicht anerkannt, sodass eine solche Person nicht ohne weiteres einwandern kann. Ebenso werden nicht orthodoxe Ehen nicht immer anerkannt. Die Probleme, denen sich die Mehrheit der amerikanischen Juden in Israel gegenübersieht, sind mannigfaltig. Das verärgert die nach Israel wichtigste jüdische Gemeinschaft der Welt.

Trennung von Männern und Frauen

Aufgrund des Monopols darf an der Klagemauer ausschliesslich nach dem orthodoxen Ritus gebetet werden. Die Mauer ist aufgeteilt in einen Teil für Männer und einen kleineren Teil für Frauen. Jahrelang kämpften liberale Gruppen in Israel, etwa die Women of the Wall, um das Recht, an der Klagemauer so zu beten, wie sie das wollen. Die Westmauer gehöre allen Juden, argumentieren sie. Sie sei das Heiligtum, welches das jüdische Volk einen und nicht trennen solle. Immer wieder werden liberale Gemeinden aus den USA in Israel vorstellig, um bei der Regierung eine Lockerung der Regeln an der Klagemauer zu erreichen.

Vor kurzem schienen sie am Ziel zu sein. Nach jahrelangen Verhandlungen einigte sich Premier Benjamin Netanyahu mit den entsprechenden Organisationen auf einen Kompromiss. Ein Teil der Westmauer sollte dem egalitären Gottesdienst vorbehalten werden. Der grösste Teil der Mauer bliebe aber weiterhin in den Händen der Orthodoxie.

Doch im Juni kassierte Netanyahu den Kompromiss: Der Druck des Rabbinats und seiner ultraorthodoxen Koalitionspartner war zu gross geworden. Wenn Netanyahu, ein durch und durch säkularer Jude, etwas nicht verlieren will, dann ist es seine Macht – schon gar nicht wegen eines Stücks Mauer. Also verwarfen der Premier und sein Kabinett den Kompromiss und überraschten damit nicht orthodoxe Institutionen in Israel und den USA.

Nathan Sharansky, der Präsident der Jewish Agency, die sich um die Beziehungen zwischen Israel und der jüdischen Diaspora kümmert, tobte. Er war wesentlich an dem Zustandekommen des Kompromisses beteiligt gewesen und war von Netanyahus Entscheidung hinterrücks erwischt worden. Alle grossen amerikanisch-jüdischen Organisationen erklärten, die Entscheidung Netanyahus würde die Beziehung zwischen Israel und dem amerikanischen Judentum schwächen. Salai Meridor, ein ehemaliger israelischer Botschafter in den USA, wurde noch deutlicher: Die Entscheidung sei «eine Ohrfeige ins Gesicht des Weltjudentums».

Netanyahu schien sich total verkalkuliert zu haben. Wut und Enttäuschung über die israelische Regierung waren gross in den USA. Eine Reihe US-jüdischer Organisationen sowie Einzelpersonen drohten, ihr Engagement im jüdischen Staat zu reduzieren oder gar abzubrechen. Ike Fisher etwa, ein US-amerikanischer Tycoon, stoppte millionenschwere Investitionen und zog sein Geld aus Israel ab.

Netanyahu blieb allerdings hart. Er schien davon auszugehen, dass die Wogen sich schon bald wieder glätten würden. Er war sich sicher, dass kein Jude Israel fallen lassen würde. Dazu ist der jüdische Staat als Rückversicherung für das Diaspora-Judentum zu wichtig. Aber ist das wirklich so? Das mag für die Juden in Europa gelten, wo sich gerade in den letzten Jahren neue Bedrohungen für die jüdischen Gemeinden abzeichnen. Die USA, die «Goldene Medine», das «goldene Land», wie Amerika auf Jiddisch genannt wird, aber sind anders. Juden sind integriert, man findet sie in vielen wichtigen Positionen an Universitäten, in Unternehmen, in der Politik.

Die liberale Mehrheit der US-Juden

Die Mehrheit der US-Juden ist liberal, wählt demokratisch. Sie hat schon lange ein Problem mit der zunehmend nationalistischen, orthodoxen und zum Teil tribalistischen Entwicklung in Israel. Die grosse Mehrheit amerikanischer Juden sieht Menschenrechte, Liberalismus und Pluralismus, soziales Engagement und Solidarität mit Minderheiten als wesentliche Werte ihres jüdischen Selbstverständnisses.

Doch Israels Premier erhielt ausgerechnet von Präsident Donald Trump unfreiwillige Schützenhilfe. Der seit Monaten anwachsende Antisemitismus in den USA, der mit Charlottesville einen traurigen Höhepunkt erlebte, sorgt für Unruhe in den jüdischen Gemeinden. Ein Brandanschlag auf ein Holocaust-Museum in Boston, die Schändung einer Synagoge in Philadelphia, die Rufe der «Alt-Right», man werde die USA nicht den Juden überlassen – all das sind Auswüchse, die sich Juden in den USA des 21. Jahrhunderts nicht vorstellen konnten.

«Israelische» und «jüdische» Identität driften auseinander.

Vor allem ältere Juden haben Angst, dass sie die USA verlassen müssen. Ganz gleich, wie real diese Befürchtungen sind – es bedurfte nur weniger Monate, um Urängste in der jüdischen Bevölkerung zu wecken. Für Netanyahu, so zynisch das klingen mag, ist dies ein Geschenk. Er wird es nicht versäumen, den amerikanischen Juden klarzumachen, dass Israel auch für sie eine Rückversicherung ist, dass Israel weiterhin unterstützt werden muss, koste es, was es wolle. Angesichts der Vorgänge in den USA, die ja nicht nur Juden bedrohen, sondern das gesamte demokratische System erschüttern, ist ein kleiner Streit um die Klagemauer schnell vergessen.

Doch so einfach ist es auf Dauer nicht. Die Women of the Wall haben längst angekündigt, dass sie ihren Kampf um die Liberalisierung der Klagemauer fortführen werden. Und irgendwann wird sich die politische Lage in den USA wohl wieder beruhigen. Sodass die Frage, inwiefern Israel der grossen Mehrheit der Diasporajuden gleiche Rechte einräumt, wieder auf die Tagesordnung liberaler jüdischer Organisationen kommen dürfte.

Nicht erst seit dem Scheitern des Kompromisses um die Klagemauer ist deutlich geworden, dass die Einheit des Judentums bedroht ist. Längst driften «israelische» und «jüdische» Identität auseinander. Eine im Grunde logische Entwicklung aufgrund unterschiedlicher Realitäten. Israelische Identität hat viel mit Kriegen und Militärdienst zu tun, jüdische Identität in der Diaspora mit der Erfahrung, als Minderheit in einer nicht jüdischen Umwelt zu leben. Allein diese beiden Aspekte führen dazu, dass man anders wird und denkt. In den USA hat sich im liberalen Judentum zum Teil sogar eine neue jüdische Theologie entwickelt, für die Israel – gemeint ist der moderne jüdische Staat, nicht das biblische Israel – nicht mehr von zentraler Bedeutung ist.

Irgendwann wird sich Israel eine Frage stellen müssen, der man bislang aus dem Weg geht: Ist es wirklich der Staat aller Juden oder «nur» der Staat seiner Bürger? Damit sind dann auch alle Israelis gemeint, die keine Juden sind, wie etwa anderthalb Millionen Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft. Selbst wenn Netanyahu mit seiner Entscheidung diesmal noch davongekommen zu sein scheint – das Verhältnis zwischen Israel und den amerikanischen Juden könnte in Zukunft problematische Zeiten erleben. Es sei denn, der Antisemitismus würde weltweit weiter anwachsen – wie so häufig in der ­jüdischen Geschichte. Denn der Feind von aussen verbindet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2017, 19:16 Uhr

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