«Was für ein krankes Land ist das?»

Nach der blutigen Niederschlagung von Protesten wollen die Bewohner der syrischen Stadt Hama nicht aufgeben – und bis zum Tod kämpfen. Amnesty International beschuldigt das Regime der Kriegsverbrechen.

Heimliche Handy-Aufnahmen vermitteln ein Bild über die Situation in Hama. (Quelle: Facebook/Youtube, Bearbeitung: jd)
Monica Fahmy@fahmy07

Die Einwohner der seit Tagen von der syrischen Armee umzingelten Stadt Hama sind wild entschlossen, weiterhin gegen das Regime von Bashar al-Assad zu protestieren. Sie wollen ihre Stadt «bis zum Tod» verteidigen, sagt ein Oppositioneller der libanesischen Zeitung «L’orient-Le Jour». Auf morgen Freitag hat die Opposition unter dem Stichwort «Nein zum Dialog» zu erneuten Demonstrationen aufgerufen.

Zurzeit gleiche die Stadt einer Geisterstadt, berichtet Guardian.co.uk. Allein in den letzten 24 Stunden hat die Armee mindestens 23 Menschen getötet und Dutzende verletzt, berichten syrische Menschenrechtsbeobachter. Vor der 800'000-Einwohner-Stadt blockieren Panzer die meisten Zufahrtstrassen. Ein Einwohner sagt, er habe 93 Panzer gezählt.

Frauen und Kinder werden in Sicherheit gebracht

«Es gibt keinen Strom, kein Wasser. Einige Läden können wegen der Sicherheitskräfte nicht öffnen», sagt Mohammed, ein Familienvater, der in einem Spital in Hama arbeitet, zu der französischen Liberation.fr. «Ich bringe meine Frau und drei Kinder nach Damaskus, in Sicherheit. Dann kehre ich nach Hama zurück. Im Spital hat es viele Verletzte.» Die Einwohner haben Angst, dass die Zurückgebliebenen alle getötet würden, wenn die meisten aus Hama fliehen. «Viele machen es wie ich, sie bringen ihre Familien in Sicherheit», sagt Mohammed. Aus Furcht vor einer möglichen Offensive der Regierungstruppen seien Hunderte aus der Stadt geflohen, berichten Aktivisten.

Gleichzeitig seien die Einwohner wild entschlossen, ihre Stadt zu verteidigen. «Die Menschen sind wütend, sie wollen nicht kapitulieren», so Mohammed zur Liberation.fr. «Sie wollen bleiben und kämpfen.» Strassenbarrikaden wurden errichtet, brennende Pneus und Container sollen der Armee das Vorrücken erschweren.

300'000 gegen al-Assad auf der Strasse

Auslöser des Armeeaufmarsches war eine Demonstration vom vergangenen Freitag gewesen, bei der 300'000 Menschen gegen das Regime von al-Assad protestiert hatten. Proteste hatte es in Hama schon seit Wochen gegeben, so viele Menschen wie am Freitag waren aber noch nie auf die Strasse gegangen. Für das Regime war damit die kritische Masse erreicht. «Sie wollen nicht, dass es wie in Ägypten wird», sagt ein Verkäufer namens Khaled zum Guardian.co.uk. «Wenn es wie auf dem Tahrir Platz wird, dann haben sie verloren.»

Die syrische Regierung hat unterdessen dementiert, dass die Armee Hama einnehmen will. «Die syrische Armee wird nicht in Hama einmarschieren», zitiert Cnn.com einen Regierungssprecher. Die Armee sei nur präsent, um Regierungsbeamte, denen der Zugang zur Stadt verwehrt werde, zur Arbeit zu geleiten. Al-Assad macht «bewaffnete Gruppen» für das Blutbad in Hama verantwortlich.

Ein Kind erschossen

«Sie schossen auf unbewaffnete Demonstranten. Sie haben auch ein Kind erschossen», sagt dagegen ein Aktivist zu Guardian.co.uk. Die Regierung behaupte, sie wolle kein «zweites Hama», sie würde aber «eine Million Menschen töten, wenn sie es müsse». Hama war 1982 Schauplatz einer blutigen Unterdrückung von Protesten der Muslimbrüder gewesen. Bashar al-Assads Vater Hafis hatte bis zu 20'000 Menschen töten lassen, die sich gegen ihn aufgelehnt hatten.

Hama habe dies nie vergessen, sagen Einwohner. Die Demonstrationen von letztem Freitag seien aber sehr friedlich gewesen. «Danach gingen die Leute nochmals auf die Strasse, um den Abfall einzusammeln», so ein Aktivist. «Die Menschen verlangen doch bloss ihre Rechte. Was für ein krankes Land ist das, in dem man dafür gefoltert und getötet wird?»

Amnesty-Bericht über Folter und gezielte Tötungen

Amnesty International hat das syrische Regime am Mittwoch beschuldigt, Kriegsverbrechen begangen zu haben. In einem 22-seitigen Bericht dokumentiert die Menschenrechtsorganisation Zeugenaussagen über Todesfälle in Gewahrsam, Folter und willkürliche Verhaftungen seit dem Einmarsch der Armee am 14. Mai in der westsyrischen Stadt Tell Kalakh.

«Die meisten in diesem Bericht aufgeführten Verbrechen fallen in den Verantwortungsbereich des Internationalen Strafgerichtshofs», sagte der Leiter der Nahost-Sektion von Amnesty, Philip Luther. Der UNO-Sicherheitsrat müsse den Fall daher nach Den Haag weiterleiten. Höchstwahrscheinlich wird dies jedoch am Veto von Russland und China scheitern. Die beiden Länder blockieren seit Wochen eine Erklärung zur Syrien-Krise.

DerBund.ch/Newsnet

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