«Vor Isis haben auch die Saudis Angst»

Für Nahost-Experte Volker Perthes ist der Konflikt im Irak kein Stellvertreterkrieg zwischen dem schiitischen Iran und den sunnitischen Saudis. Die Feindschaft zwischen den Nachbarn erschwere aber jede Befriedung des Irak.

Die Isis-Rebellen nahmen gestern die wichtige Ölraffinierie von Bayji ein. Foto: AP

Die Isis-Rebellen nahmen gestern die wichtige Ölraffinierie von Bayji ein. Foto: AP

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Iraks Premier Nouri al-Maliki wirft Saudiarabien vor, die sunnitischen Extremisten des Islamischen Staats im Irak und in Syrien (Isis) zu unterstützen. Welche Rolle spielt Saudiarabien im Konflikt im Irak?
Saudiarabien pflegt eine innige Feindschaft zur irakischen Regierung seit der US-Invasion und der ersten Bildung ­einer Regierung unter schiitischer Führung. Und diese Feindschaft hat zugenommen, seit Maliki Regierungschef ist, weil er nicht nur Schiit ist, sondern mit seiner Politik andere Volksgruppen ausschliesst, wie ihm die Saudis zu Recht vorwerfen.

Trifft Malikis Vorwurf an die Saudis also zu?
Saudiarabien hat verschiedene islamistische Gruppen in Syrien gefördert. Auch an Isis kann Geld geflossen sein, wenn auch nicht offiziell. Genau wissen wir das nicht. Allerdings braucht Isis gar kein Geld aus dem Ausland. Er finanziert sich selbst aus den Gebieten, in denen er tätig ist. Seit langem hat er in Mosul im Mafiastil Schutzgeld erpresst. Die Extremisten verkaufen Öl aus Syrien und nun vielleicht auch aus dem Irak, nachdem am Mittwoch die Raffinerie von Bayji besetzt werden konnte. Wenn Geld aus Saudiarabien fliesst, dann nicht in entscheidendem Ausmass.

Weshalb bemüht sich Saudiarabien nicht mehr darum, dass an seiner Nordgrenze Stabilität einkehrt?
Die Saudis sind sehr wohl daran interessiert. Ein gescheiterter Staat Irak kann nicht in ihrem Interesse sein. Aus ihrer Sicht ist es aber logisch, dass dort, wo Schiiten regieren, der Iran Einfluss hat. Ein schiitischer Ministerpräsident mit einer schiitisch dominierten Regierung im Irak bedeutet für die Saudis, dass sie faktisch den verfeindeten Iran als Nachbarn haben.

Findet zwischen Saudiarabien und dem Iran ein Stellvertreterkrieg im Irak statt?
Es gibt einen geopolitischen Einflusskonflikt, der im Irak die konstruktive Zusammenarbeit aller Regionalmächte so schwierig macht. Aber Isis ist nicht die Stellvertretertruppe Saudiarabiens. Im Gegenteil, vor Isis hat man auch in Saudiarabien Angst. Das war früher anders, als Prinz Bandar als Geheimdienstchef noch Riads Syrienpolitik gemacht hat. Seine Maxime war «Der Feind meines Feindes ist mein Freund», weshalb er in Syrien die Jihadisten unterstützte. Nun aber ist Innenminister Prinz Nayef zuständig, und der überlegt, wie sich die Aussenpolitik im Innern auswirkt. Und Nayef ist kein Freund von Isis. Aber weil Saudis und Iraner nicht miteinander ­reden, gibt es keinen gemeinsamen ­Ansatz, um den Konflikt zu lösen.

Weshalb fürchten die Saudis Isis, obwohl man sich als Wahhabiten und Sunniten nahe ist?
Die Isis-Extremisten kamen zum Teil von al-Qaida. Wenn sie in Saudiarabien einfielen, würden sie das Königshaus bekämpfen, so wie damals Osama Bin Laden. Falluja und andere Städte in der irakischen Provinz Anbar sind unter der Kontrolle von Isis. Das ist eine Nachbarprovinz Saudiarabiens. Deshalb dürften dort auch Saudis mit Isis kämpfen. Die Landsleute zu Hause befürchten, dass sie irgendwann heimkehren und Anschläge verüben.

Ist dem Iran daran gelegen, dass der Irak als Staat bestehen bleibt, oder würde man eine Abspaltung des schiitischen Südens begrüssen?
Nein, Teheran hat alles Interesse daran, dass der Irak bestehen bleibt, ein Irak allerdings, der auf Teheran hört. Ein zersplitterter Irak brächte dem Iran nur Probleme: Erstens hätte ein Kurdenstaat an der iranischen Grenze Einfluss auf die Kurden im Iran. Unerwünscht ist zweitens ein radikales sunnitisches Emirat unter Isis-Kontrolle, das ebenfalls an der Grenze liegt. Drittens gäbe es Flüchtlingswellen in Richtung Iran. Und viertens wäre der schiitische Süden, auf den man Einfluss hätte, nur noch ein kleiner Teil des Irak. Deshalb signalisiert Teheran den Amerikanern so deutlich, dass man zusammenarbeiten könnte.

Die USA haben aber dementiert, dass sie mit dem Iran in der Irakfrage zusammenarbeiten möchten.
Trotzdem spricht man miteinander. Das realistische Szenario ist nicht Kooperation, sondern Koordination. Es werden kaum iranische Militärs und US-Militärs Seite an Seite eine irakische Brigade beraten. Aber beide Staaten arbeiten letztlich mit Bagdad zusammen. Die Amerikaner werden Waffen liefern, der Iran entsendet Fachleute für den Strassenkampf und hat dies wahrscheinlich auch bereits getan. Da schaut man, dass man sich nicht auf die Füsse tritt.

Könnten die USA die Isis-Extremisten mit Drohnen- oder Luftangriffen überhaupt nachhaltig schwächen?
Sie können die Extremisten schwächen, wenn auch nicht nachhaltig. Deshalb kann der Konflikt nicht so gelöst werden. Die Isis-Kämpfer bewegen sich mit sehr leichter Kavallerie, mit ungefähr 200 Pick-up-Fahrzeugen, die durch die Wüste rasen. Mit einer Drohne kann man die Führungsfahrzeuge ausschalten. Und wenn man Glück hat, erwischt man den Kommandanten. Aber Militär allein reicht nicht aus, um die politische Autorität wiederherzustellen. Das versuchen die Amerikaner und die Iraner Premier Maliki beizubringen. Man kann vielleicht mit einem Sturmangriff Isis wieder aus Tikrit oder Mosul vertreiben. Aber abends ist er wieder da. Wenn man keinen glaubwürdigen Staat aufbaut, wenn die Einwohner dieser Städte nicht dankbar sind, dass Isis vertrieben worden ist, dann ist der militärische Aufwand vergeblich.

Welche Optionen hat die Regierung Obama überhaupt noch im Irak?
Kurzfristig geht es darum, die Hauptstadt zu stabilisieren und zu verhindern, dass Teile Bagdads unter den Einfluss von Isis fallen. Wenn um Bagdad gekämpft wird, haben die Amerikaner kaum mehr Einfluss auf Maliki, denn dann herrscht tatsächlich ein Konfessionskrieg zwischen den Stadtteilen.

Isis hat viel Geld und Waffen erbeutet. Können die Terroristen damit Bagdad oder die Schiitenstadt Najaf einnehmen?
Kaum. Ich bin ziemlich sicher, dass der Isis das auch nicht versuchen wird. Für den Isis ist es wichtiger, einen Korridor zu haben von der iranischen Grenze durch den Zentralirak bis nach Syrien. Der Isis-Vormarsch endet im Gebiet der Schiiten. Das ist sein natürliches Ende. Der Feldzug verlief nur so rasch, weil sich Isis auf die sunnitischen Gebiete konzentriert hat.

Wer steht hinter diesem Erfolg, die Islamisten oder ehemalige Offiziere Saddam Husseins?
Isis ist der Kern der Truppe. Er wird aber unterstützt von Kadern der Baath-Partei und Offizieren aus der alten irakischen Armee – und vermutlich auch aus der gegenwärtigen. Ausserdem zeigen sich Stammesführer tolerant gegenüber dem Durchmarsch. Die Stämme sind opportunistisch gegenüber jedem Machthaber, solange sie in Ruhe gelassen werden. Abgesehen davon fühlen sich die Stämme auch ausgegrenzt von der Regierung in Bagdad.

Lässt sich der Irak als Staat überhaupt noch zusammenhalten?
Ich bin skeptisch. Wenn in den sunnitischen Gebieten eine Zone mit terroristischer Herrschaft entsteht, wird die kurdische Regierung in Arbil zusätzlich motiviert sein, die Grenzen zu befestigen. Viele Einwohner Kirkuks, auch jene, die keine Kurden sind, scheinen sich zu sagen: lieber eine halbwegs verantwortliche kurdische Regierung als ein jihadistisches Regime oder ein Bürgerkrieg. Die kurdische Regionalregierung wird kaum wieder hergeben, was sie jetzt arrondiert hat. Entweder wird Bagdad das akzeptieren und dem Land eine föderale Struktur geben. Oder aber die Kurden werden eine neue Staatsgrenze ziehen. Einen irakischen Staat neu aufzubauen auf einer echt föderalen Grundlage, ist vorstellbar. Eine zentralistische Herrschaft, wie sie Maliki praktiziert hat, ist nicht mehr möglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2014, 22:54 Uhr

Volker Perthes

Der 56-Jährige ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Er verfasste zahlreiche Bücher, zuletzt «Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen».

Grösste Ölraffinerie besetzt

Die sunnitische Terrorgruppe Isis will offensichtlich die Lebensadern im Irak kappen. In Bayji, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad, griffen die Extremisten am Mittwoch die grösste Ölraffinerie des Landes an und besetzten diese zeitweise. Bayji ist für Bagdad strategisch bedeutend. Dort steht auch ein Elektrizitätswerk, das die Hauptstadt mit Strom versorgt. Stundenlang tobten heftige Kämpfe der Islamisten mit Regierungstruppen, die auch Luftangriffe auf Isis-Stützpunkte flogen. Zuvor sollen die Islamisten Dutzende ausländische Bau­arbeiter verschleppt haben. So seien etwa 60 Menschen in der Nähe der Ölstadt Kirkuk gefangen genommen worden, meldete die türkische Nachrichtenagentur Dogan gestern unter Berufung auf einen Arbeiter, der entkommen konnte. Unter den Geiseln seien neben 15 Türken auch Arbeiter aus Pakistan, Bangladesh, Nepal und Turkmenistan. Die Zeitung «Times of India» berichtete zudem von 40 indischen Bauarbeitern, die von mutmasslichen Isis-Mitgliedern festgehalten würden. (SDA/Reuters)

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