Und plötzlich ist es wie im Krieg

Im Gaza-Streifen ziehen Zehntausende an den Grenzzaun zu Israel. Wie ein zunächst friedlicher Protest in einem Gewaltausbruch enden konnte.

Feierstimmung in der neuen US-Botschaft in Jerusalem – mehr als 50 Tote im Gazastreifen. Die offizielle Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem ist am Montag von Massenprotesten im Gazastreifen begleitet worden.

Feierstimmung in der neuen US-Botschaft in Jerusalem – mehr als 50 Tote im Gazastreifen. Die offizielle Einweihung der US-Botschaft in Jerusalem ist am Montag von Massenprotesten im Gazastreifen begleitet worden. Bild: Adel Hana/AP/Keystone

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Schon von Weitem sind die Rauchsäulen zu sehen, wenn man sich dem Gazastreifen nähert. Alle paar Hundert Meter brennen Autoreifen und Barrikaden. Tausende Palästinenser sind am späten Vormittag östlich von Gaza-Stadt auf den Beinen. Hier haben die Organisatoren des «Marsches der Rückkehr», der vor sieben Wochen begonnen hat, Zelte aufgestellt. Die Masse strömt aber weiter Richtung Zaun und dann entlang der Grenzanlagen Richtung Süden.

Der Menschenzug stoppt plötzlich südlich des Kibbuz Nahal Oz, der sich gegenüber auf der israelischen Seite befindet. Es sind noch etwa hundert Palästinenser, die direkt auf den Zaun zuhalten. Rufe erschallen, die ersten Steine fliegen. Auf der israelischen Seite haben Scharfschützen Position bezogen. Es dauert keine zwei Minuten, dann fallen Schüsse. Jeder Schuss wird von einem Aufschrei der Massen auf der anderen Seite begleitet. Rettungsfahrzeuge rasen mit Blaulicht heran, nach fünf Minuten werden die ersten Verletzten gemeldet. Nach einer Stunde der erste Tote. Fast im Minutentakt erhöht sich die Opferzahl, aus Dutzenden Verletzten werden Hunderte. Am späten Nachmittag heisst es, ein 14-jähriger Junge sei erschossen worden.

Schon zu diesem Zeitpunkt ist klar: Seit dem Ende des Gazakriegs 2014 hatte es an einem einzigen Tag nicht mehr so viele Tote gegeben. Hamas-Chef Jahia Sinwar hatte die Massen schon vor Tagen zum Durchbrechen der Grenzanlagen aufgerufen. Eigentlich hatten Palästinenser den «Marsch der Rückkehr» organisiert, die nichts mit der Hamas zu tun haben. Sie wollten vielmehr an die Nakba erinnern, die Katastrophe von Flucht und Vertreibung, eben vor 70 Jahren. Die Hamas hat allerdings diese Bürgerproteste gekapert.

Es ist nicht nur ein Erinnerungsmarsch – es ist auch ein Aufbegehren gegen die Abriegelung von Gaza

Jeden 15. Mai – einen Tag nach dem Tag der Staatsgründung Israels 1948 – gibt es Gedenkveranstaltungen, zum 70. Jahrestag wurde dieser Marsch organisiert. Damit soll an das Schicksal der damals vertriebenen 750'000 Palästinenser erinnert und das Rückkehrrecht für ihrer Nachfahren eingefordert werden; viele von ihnen leben heute im Gazastreifen. Ausserdem richten sich die Proteste gegen die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem und die damit verbundene Anerkennung als Hauptstadt Israels. Die Palästinenser beanspruchen Jerusalem ebenfalls als Hauptstadt ihres künftigen Staats.

Aber vielen, die sich an den Protesten entlang des Gazastreifens in den vergangenen Wochen beteiligt haben, geht es auch um ein Aufbegehren gegen die israelische Blockade. Der Gazastreifen ist seit Jahren vollständig abgeriegelt, auch die Ägypter haben ihren Übergang geschlossen.

Immer wieder versuchen vermummte Palästinenser im Schutz der schwarzen Rauchschwaden zur Grenze vorzudringen. Manchmal in Gruppen, manchmal sind es nur einzelne Personen. Mit Steinen zielen sie auf die Einsatzkräfte auf der anderen Seite, es wird sofort zurückgefeuert. Es wird auch massiv Tränengas eingesetzt. Allerdings weht ein relativ starker Wind vom Meer her, der die Schwaden Richtung Israel treibt.

Bei den Konfrontationen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten wurden mehr als 50 Menschen getötet und mindestens 2400 weitere verletzt. (Video: Tamedia/AP)

An insgesamt 13 Stellen kommt es nach Angaben der israelischen Streitkräfte zu direkten Konfrontationen am Grenzzaun. In der Stadt Rafah erschiesst die israelische Armee drei Palästinenser, weil sie nicht nur Steine werfen, sondern laut israelischen Angaben eine Bombe am Zaun platzieren wollten. Das Gebiet um den Grenzzaun haben die israelische Polizei und das Militär weiträumig abgeriegelt. Journalisten dürfen zuerst sehr nahe heran. Am frühen Nachmittag, als die Todeszahl schon auf mehr als dreissig gestiegen ist, werden sie aber aus dem Bereich hinauseskortiert und zu einem Standort weiter weg vom Grenzzaun bei Mefalsim gebracht.

Dort sind zuvor mit brennbarer Flüssigkeit beladene Lenkdrachen aus dem Gazastreifen gelandet. Ein Feld wurde in Brand gesetzt, der sich auf einer etwa drei Fussballfelder grossen Fläche ausbreitete. Fünf Feuerwehrautos rasen heran, um zu löschen.

Nur wenige Rauchschwaden sind indes beim Übergang Qualandia bei Ramallah zwischen dem Westjordanland und Israel zu sehen. Gleich hinter der Grenze auf der palästinensischen Seite sind aber auch Schüsse zu hören, einige Hundert Palästinenser liefern sich dort eine Strassenschlacht mit israelischen Einsatzkräften. Auch in Bethlehem kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis. Aber es sind weitaus weniger Menschen dem Aufruf zum Protest gefolgt als im Gazastreifen.

Am Damaskustor in Jerusalems Altstadt bleibt es hingegen ruhig. Hier war es nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump im Dezember, die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, häufiger zu Zusammenstössen gekommen. Die Geschäfte in der Altstadt haben geschlossen. Es sind deutlich mehr Sicherheitskräfte als sonst rund um das Damaskustor präsent.

Der zu dieser Zeit am besten geschützte Ort der Stadt befindet sich weiter südlich: Tausende Polizisten riegeln die neue US-Botschaft ab, die im Beisein von 800 Gästen eröffnet wird. Präsident Donald Trump, der seine Tochter Ivanka und seinen Schwiegersohn Jared Kushner geschickt hat, spricht per Videobotschaft: «Israel ist eine souveräne Nation mit dem Recht, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen», verkündet er. 73 Kilometer davon entfernt im Gazastreifen wird zu diesem Moment der 45. Tote des Tages gezählt. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 14.05.2018, 21:48 Uhr

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