Student Osama Bin Laden und «der unmoralische Westen»

Sein Tagebuch verrät: Nicht Afghanistan, sondern England radikalisierte den Al-Qaida-Chef.

Neu veröffentlichte Dokumente zeigen Hamza Bin Laden an seiner Hochzeit. (Video: Nicolas Fäs mit Material der CIA)

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Ein junger Mann mit schwarzem Schnauz, weichen Gesichtszügen, ver­legenem Lächeln, gekleidet in einen ­beigen Umhang mit goldener Borte. Das ist Hamza Bin Laden am Tag seiner Hochzeit. Das Video ist Teil einer 470'000 Dateien umfassenden Sammlung aus dem Versteck seines Vaters, des getöteten Al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden, die der US-Auslandsgeheimdienst CIA freigegeben hat. Erbeutet hatte die Dokumente ein Team von Navy-Seals, die am 2. Mai 2011 Bin Ladens Haus in der pakistanischen Stadt Abottabad stürmten und den Terrorchef erschossen. Bei dem Angriff starben auch dessen Sohn Khalid, ein Qaida-Kurier und zwei weitere Menschen.

Die Aufnahmen zeigen vermutlich den künftigen Führer von al-Qaida, denn dazu hatte sein Vater ihn auserkoren, wie bereits früher veröffentlichte Dokumente aus dem Versteck zeigen. Bisher gab es von dem 1989 im saudischen Jidda geborenen Hamza aber nur ein Kinderfoto. In einer Audiobotschaft im Jahr 2015 stellte Ayman al-Zawahri, Bin Ladens Nachfolger, dessen Sohn als Mitglied des Terrornetzwerks vor. Seither hat Hamza mehrmals dazu aufgerufen, den Tod seines Vaters an den Amerikanern zu rächen. Zum Jahrestag des Terroranschlags vom 11. September veröffentlichte al-Qaida ein Bild des World Trade Center, darübergelegt das Kinderfoto von Hamza Bin Laden.

Seine Abstammung, allein sein Name könnte ihn zu einer charismatischeren Führungsfigur der Jihadisten machen, als es der spröde Zawahri je sein kann. Während die einst im Irak als Abspaltung von al-Qaida entstandene Terrormiliz Islamischer Staat vor der militärischen Niederlage steht, hofft al-Qaida, künftig im internationalen Terrorismus wieder den Ton anzugeben.

Als Student radikalisiert

Die nun freigegebenen Daten enthalten bisher kaum Überraschendes, zumal die Geheimdienste sensibles Material weiter zurückhalten. Es verdichtet sich aber das Bild, dass Bin Laden bis kurz vor seinem Tod weltweit mit Anhängern kommunizierte und versuchte, das Al-Qaida-Netzwerk zu steuern. Ziel sei es, «weitere Einblicke in die Planungen und Arbeitsweise dieser Terrororganisation zu gewinnen», sagte CIA-Chef Mike Pompeo. Allerdings war die Internetseite mit den Dokumenten zunächst nicht zu erreichen – aus technischen Gründen, wie es bei der CIA hiess.

Zugänglich ist das Tagebuch Osama Bin Ladens, von dem der Blog «Long War Journal» eine Kopie ins Netz stellte. Bin Laden schreibt darin etwa über den Arabischen Frühling zu Beginn des Jahres 2011 und wie al-Qaida den Aufstand für sich nutzen könne. Während er prophezeit, dass dies in Ägypten und Tunesien schwierig werde, habe «Libyen die Tür für die Jihadisten geöffnet». Auch berichtet Bin Laden über eine Reise nach Grossbritannien als Jugendlicher, bei der er festgestellt habe, wie unmoralisch der Westen sei. Den Jihad habe er in seiner Studienzeit für sich entdeckt. Die meisten Biografen gingen bisher davon aus, Bin Laden habe sich im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan radikalisiert. Manche der Aufzeichnungen, gegliedert in Frage und Antwort, stammen offenbar von seinem Sohn Khalid.

Bildstrecke: Osama Bin Ladens Sohn als Erwachsener

Der politisch brisanteste Teil dürften allerdings Dokumente zu Verbindungen zwischen al-Qaida und dem Iran sein. Darunter das Hochzeitsvideo, das laut den Autoren des «Long War Journal» Hinweise enthält, dass es im Iran aufgenommen wurde. Ebenso veröffentlichten sie ein 19-seitiges Dokument, in dem ein unbekannter Al-Qaida-Mann über iranische Hilfe spricht. Das schiitische Regime der Islamischen Republik habe «saudischen Brüdern» der sunnitischen Extremistenorganisation «alles, was sie brauchten», zur Verfügung gestellt, einschliesslich Geld, Waffen und Ausbildung in Camps der schiitischen Hizbollah-Miliz im Libanon.

Diese Verbindungen sind teilweise bekannt: Der Iran gewährte nach dem 11. September einigen Qaida-Leuten Unterschlupf, andere wurden allerdings inhaftiert. Acht der zehn Attentäter von 9/11 waren durch den Iran gereist. All dies steht schon im 2004 vorgelegten Bericht der überparteilichen US-Untersuchungskommission zu den Anschlägen. Bin Laden warnte 2007 in einem Brief al-Qaida im Irak vor Anschlägen gegen den Iran, weil dies die Unterstützung gefährden könne.

Wasser auf Trumps Mühlen

Die Autoren des «Long War Journal» sind als Terrorismusexperten anerkannt, die CIA hatte ihnen die Dokumente vorab zur Verfügung gestellt. Allerdings fordern die beiden Institutionen, die hinter dem Projekt stehen, eine harte Haltung gegenüber dem Iran und machen Front gegen das Atomabkommen. US-Präsident Donald Trump kritisierte in seiner Rede zur Iran-Strategie scharf und detailliert die Unterstützung für al-Qaida.

Trumps Kritiker, etwa der frühere CIA-Offizier Ned Price, der unter Barack Obama im Nationalen Sicherheitsrat diente, warnen vor einer Instrumentalisierung von Geheimdiensterkenntnissen. Price, der wegen Trump seinen Dienst quittierte, fühlt sich an die Versuche von Ex-Vizepräsident Dick Cheney erinnert, vor dem US-Einmarsch im Irak 2003 Saddam Hussein mit al-Qaida in Verbindung zu bringen. Cheney hatte ­damals behauptet, der 9/11-­Attentäter Mohammed Atta habe sich mit irakischen Geheimdienstlern getroffen. Price sagt, CIA-Chef Pompeo, auch er als Iran-Falke bekannt, habe die neue Veröffentlichung angeordnet, obwohl Obamas ­Nationaler Geheimdienstdirektor James Clapper bereits alle für die Öffentlichkeit als relevant erachteten Dokumente freigegeben habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 23:20 Uhr

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