Rohani will die Tür zum Westen ganz aufstossen

Der iranische Präsident hat in Davos versichert, dass sein Land keine Atombombe wolle. Im Gegenteil: Der Iran wolle friedliche Beziehungen zu allen Ländern. Ja, fast allen, wie sich dann herausstellte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht gibt es ihn ja tatsächlich, den «Geist von Davos», den WEF-Gründer Klaus Schwab alljährlich am Weltwirtschaftsforum in den Bündner Bergen beschwört. Zehn Jahre lang war kein amtierender iranischer Präsident mehr nach Davos eingeladen worden, der Iran galt als Paria der internationalen Gemeinschaft. Zuweilen reiste zwar eine Delegation aus Teheran an, aber sie war weder hochkarätig noch auf der grossen WEF-Bühne.

Heute Vormittag aber konnte Schwab im Davoser Kongresszentrum Hassan Rohani begrüssen. Der iranische Präsident ist seit fünf Monaten im Amt und seither Hoffnungsträger, die bleierne Ära Ahmadinejad scheint passé. Tatsächlich gelang im vergangenen November nach einer jahrelangen diplomatischen Blockade die erste beschränkte Übereinkunft, um den Atomstreit zu beenden.

Aufruf zu Investitionen im Iran

«Ihre Präsenz in Davos ist wichtig», richtete sich Schwab an seinen Gast, «weil die Atomverhandlungen an einem kritischen Punkt stehen.» Und der Spiritus Rector des WEF wollte von Rohani wissen, welche Hindernisse einem umfassenden Abkommen im Wege stünden. «Gar keine», erwiderte Rohani. Der Iran habe den «festen Willen», ein solches Abkommen zu erreichen. Ein mögliches Hindernis sei allenfalls, wenn auf der anderen Seite dieser Wille zum Erfolg nicht so ausgeprägt sei. Rohani räumte indes ein, der Weg bis zum definitiven Ende des Atomstreits bleibe «lang und verschlungen».

Rohani ist vor allem daran gelegen, dass die wegen des Atomstreits über den Iran verhängten Sanktionen aufgehoben werden. «Die Sanktionen haben allen Seiten nur geschadet.» Die anwesenden Wirtschaftsführer lud Rohani ein, sein Land zu besuchen und dort zu investieren. Der Iran habe das Potenzial, um zu den zehn grössten Wirtschaftsnationen der Welt zu gehören, wobei der Präsident auf das hohe Bildungsniveau seiner Landsleute hinwies.

Kein Interesse an der Atombombe

Der iranische Präsident beteuerte in Davos einmal mehr, dass seine Regierung keine Atombombe bauen wolle. «Nuklearwaffen haben keinen Platz in unserer Sicherheitsstrategie, und es gibt auch keine Bestrebungen, dies zu ändern.» Um diese Haltung zu bekräftigen, verwies Rohani auf die iranische Geschichte. «Wir haben im vergangenen Jahrhundert nie einen Angriffskrieg geführt.»

Gleichzeitig bestand Rohani auf dem Recht seines Landes, die Atomenergie friedlich zu nutzen, was dem Iran als Unterzeichnerstaat des Atomwaffensperrvertrags auch zustehe. Für das Misstrauen im Westen, dass der Iran seine nuklearen Kapazitäten und sein Know-how gleichzeitig zivil und militärisch nützen könnte, hat Rohani kein Verständnis. Inzwischen hätten 40 Länder diese technologischen Möglichkeiten, und das sei auch kein Problem. «Auch wir halten uns an die internationalen Regeln.» Sein Land arbeite vorschriftsgemäss mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zusammen.

Experte: Iran will Öffnung beschleunigen

Den Iranern gehe es generell darum, «die internationale Öffnung zu beschleunigen», beurteilt Nahost-Experte Roland Popp Rohanis Auftritt in Davos. Popp forscht und lehrt am Center for Security Studies der ETH Zürich. «Die Iraner wollen die Tür zum Westen weiter aufstossen, damit möglichst rasch die normative Kraft des Faktischen wirkt», sagt Popp.

Seit dem Genfer Abkommen vom November normalisiere sich das traditionell tiefe Verhältnis zu Europa, sagte Rohani. Auch in den Beziehungen zu den USA – seit der islamischen Revolution 1979 der Erzfeind des Regimes in Teheran – sei «eine neue Seite aufgeschlagen» worden. Bereits gestern hatte Rohani in einem Interview in Aussicht gestellt, dass Amerika seine Botschaft in Teheran wieder eröffnen könnte. Als Gegenleistung forderte Rohani in Davos allerdings, dass die «Realität der Islamischen Republik Iran» von «allen Amerikanern anerkannt» werde. Offensichtlich war diese Äusserung an den US-Kongress in Washington gerichtet, der – entgegen dem internationalen Trend – weitere Sanktionen gegen den Iran in Betracht zieht.

Israel bleibt Erzfeind des Iran

Rohani betonte generell die Friedfertigkeit seines Landes, vor allem aber gegenüber den Nachbarn im Nahen und Mittleren Osten. «Wir wollen mit allen Staaten friedliche Beziehungen. Das gilt vor allem für unsere Region, und es gibt keine Ausnahmen», versicherte Rohani. Klaus Schwab wollte es dann aber genau wissen. «Alle?», fragte er nach und verwies damit, ohne es auszusprechen, auf Israel. «Ja, alle, das sagte ich», wiederholte Rohani, um dann doch noch nachzuschieben: «Alle Staaten, die wir offiziell anerkannt haben.» Und damit ist Israel natürlich ausgeschlossen. Der «Geist von Davos» hat also noch zu tun. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2014, 14:15 Uhr

Artikel zum Thema

Der Gottesstaat ist bankrott

Hintergrund Der iranische Präsident Hassan Rohani kommt ans WEF, um neue Wirtschaftskontakte zu knüpfen. Denn sein Vorgänger hat ihm ein Land am Rande des Ruins hinterlassen: wirtschaftlich, politisch, moralisch. Mehr...

«Syrien braucht rasch freie Wahlen»

Frieden im Nahen Osten, Atomdeal und Wachstum: Irans Präsident Hassan Rohani hat sich am WEF zu weltpolitisch zentralen Themen geäussert. Besonders betont hat er eine «Botschaft meines Volkes». Mehr...

Zwei neue Freihandelsabkommen für die Schweiz in Griffweite

Die Schweiz dürfte noch 2014 die Verhandlungen mit Vietnam über ein Freihandelsabkommen abschliessen. Mit Indien könnte es bereits in einigen Wochen so weit sein. Mehr...

WEF 2014

Israels Präsident Peres kritisiert Rohani-Rede

Der israelische Präsident Shimon Peres hat in Davos die vielbeachtete Rede des iranischen Präsidenten Hassan Rohani am Weltwirtschaftsforum WEF kritisiert. «Er hat keine Unterstützung für einen Frieden im Nahen Osten zum Ausdruck gebracht», sagte Peres. Der Iran schicke weiter Waffen an die Hizbollah-Organisation im Libanon, mit denen Israelis getötet würden, erklärte Israels Staatspräsident. Er sehe auch nicht ein, warum der Iran atomare Raketen entwickle, wenn das Atomprogramm nur friedlichen Zwecken dienen solle. «Eine grosse Chance wurde verpasst», sagte Peres.

Rohani hatte am WEF eine Rede gehalten, in der er Mässigung als Maxime der iranischen Politik bezeichnete und die Nachbarn des Iran zur Zusammenarbeit aufrief. Eine direkte Attacke auf den Erzfeind Israel machte Rohani nicht, womit er sich stark von der Kriegsrhetorik seines Vorgängers Mahmoud Ahmadinejad abhob. Für Peres geht dies nicht weit genug. «Der Iran ist das Zentrum des Terrors in unserer Zeit», sagte er. Einen Friedensplan für das Bürgerkriegsland Syrien habe Rohani in Davos auch nicht vorgelegt. (vin/sda)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...