Reise durch ein aufgeputschtes Land

Im Jemen dröhnen sich die Menschen aus Hunger mit Khat zu, im Land herrscht noch immer Krieg. Wie steht es um die Hoffnung auf Versöhnung? Die Reportage.

Drängt Sorgen und Hunger in den Hintergrund: Ein Mann kaut Khat.

Drängt Sorgen und Hunger in den Hintergrund: Ein Mann kaut Khat. Bild: Yahya Arhab/Keystone

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Da, wo die Berge höher und schroffer werden, weichen die Maisfelder und Obstgärten den Plantagen. Schmale Streifen in den Tälern, in Terrassen angelegt, überzogen von Netzen und Planen, die den Sträuchern Schutz bieten vor dem eisigen Wind der Nacht. Die Triebe der Khat-Pflanze sind wertvoll. Jemeniten, ob arm oder reich, Sunniten oder Schiiten, Huthi oder Separatisten, alle kauen sie die berauschenden Blätter. Von Mittag an werden die Backen der Männer immer dicker vom Khat. Die Pflanze schmeckt bitter, vertreibt Hunger und Müdigkeit, sie putscht auf wie ein mildes Amphetamin, macht sie gesprächig, euphorisch. Khat, die Alltagsdroge, ist Lebenselixier und Fluch eines Landes, in dem die Menschen ausser dem Hunger und dem Khat kaum noch etwas eint.

Auf dem Weg von Aden Richtung Norden. An den Checkpoints kauen Soldaten auch am Nachmittag Khat. Geweitete Pupillen stieren ins Seitenfenster des Jeeps. Die dünnen Khat-Zweige in ihren Händen interessieren die Uniformierten mehr als der Ausländer im Fond. Wo die Soldaten dann doch den Reisenden argwöhnisch beäugen, über Funk mit ihren Kommandanten und den Sicherheitsdiensten sprechen, da haben jemenitische Freunde die Passage in stundenlangen Telefonaten vorher irgendwie klargemacht.

Der Jemen ist spektakulär schön. Im alten Rom nannten sie das südarabische Land Arabia Felix, das glückliche, weil fruchtbare Arabien. Sanaa, die Hauptstadt mit ihren rostbraunen Ziegelmauern voll weissem Stuck, ist ein architektonisches Kleinod, seit 1988 Weltkulturerbe. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Land am Fuss der Arabischen Halbinsel bekannt als Armenhaus des Nahen Ostens, gebeutelt von Hunger, Wassermangel, Jihadisten-Terror.

Reporter unerwünscht

Jetzt herrscht auch noch Bürgerkrieg. Angetrieben wird er von den umliegenden Hegemonialmächten. Das Land ist zerrissen, hat zwei um die Macht konkurrierende Regierungen, von denen keine einen westlichen Reporter frei in ihrem Gebiet recherchieren lässt, um über den Krieg und all das Elend zu berichten.

Eine Reise in den Jemen ist deshalb eine Reise ins Ungewisse – wo sie beginnt, weiss man, wo sie endet, nicht unbedingt. Die Front zwischen Süden und Norden quert der Fahrer fast unmerklich. Während die Kriegsparteien in Städten wie Taizz oder Hudaida um jeden Meter Gelände kämpfen, haben sie bei Damt im Landesinneren eine Art privaten Waffenstillstand geschlossen. Kein Abkommen, keine offiziellen Absprachen – es wird einfach nicht geschossen, keine Seite macht Anstalten, auf das Gebiet des Gegners vorzustossen.

Ein niedriger Erdwall an der Strasse, ein paar Toyota-Pritschenwagen mit aufgepflanzten Maschinengewehren und vier Kilometer Serpentinen durch gebirgiges Niemandsland. Mehr ist da nicht.


Bilder: Die Akteure des Bürgerkriegs im Jemen


Dann kommt der erste Huthi-Checkpoint, es ist der Vorposten einer kleinen Schiitenmiliz, die den Jemen in den vergangenen drei Jahren in grossen Teilen erobert hat. Ein Geviert aus Betonziegeln auf der Fahrbahn, hüfthoch. «Helfer Gottes», so nennen die Huthi ihre Miliz. Zwei von ihnen hängen halb drinnen in dem Verschlag und halb schon auf dem Asphalt, die Kalaschnikows haben die schiitischen Islamisten an die Wand gelehnt. Daneben, auf einem Schild, steht «Allahu akbar – Gott ist grösser» und: «Tod Amerika», «Tod Israel», «Verflucht seien die Juden». Dann: «Der Sieg sei mit dem Islam». Ein Kopfnicken mit Khat-gebeulter Backe, und die Fahrt ins Huthi-Land ist frei.

Auf dem Weg von Aden nach Sanaa wird klar, wie hoffnungslos zerstört und ausgehungert dieses Land ist durch den bald vier Jahre dauernden, vom Rest der Welt völlig vergessenen Krieg. Was 2014 als ein lokaler Konflikt begonnen hat, ist zu einem ausgewachsenen Stellvertreterkrieg geworden, bei dem die drei regionalen Schwer­gewichte Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Iran über die Köpfe der Je­meniten hinweg miteinander abrechnen. Und aus der Ferne mischt auch noch die Supermacht USA mit.

Wie oft in der arabischen Welt geht es im Jemen auch um Religion, aber das ist nur vorgeschoben. Die Huthi sind eine schiitische Minderheit, sie hatten das Land bis 1962 als Imamat regiert, als eine Art von Kleinfürsten-Gottesstaat. Im Streit um die Verteilung der Macht hatten die Huthi von 2014 an erst den Norden des Landes überrannt und später die Hauptstadt. Sie hatten mit dem entmachteten, aber immer noch fast allmächtigen Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh gemeinsame Sache gemacht.


Bilder: Tote und schwere Schäden in Jemens Hauptstadt


Saleh war ein arabischer Despot, der nach fast vier Jahrzehnten an der Macht 2012 gestürzt worden war. Er war bekannt für ein von skrupellosem Realismus geprägtes Bonmot: Den Jemen zu regieren, komme dem Tanz auf einem Schlangennest gleich. Saleh sehnte sich nach der Rückkehr in den Präsidentenpalast und tat sich mit den Huthi zusammen. Diese vertrieben zuerst Salehs Nachfolger, einen farblosen Politiker namens Abd Rabbuh Mansur al-Hadi, zerschlugen dann aber auch Salehs Machtbasis und brachten den Schlangentänzer schliesslich um.

Abd Rabbuh Mansur al-Hadi hingegen war rechtzeitig ins Nachbarland geflohen, fand einen Unterstützer im jungen, uner­fahrenen Verteidigungsminister Saudiarabiens, dem Königssohn Muhammad bin Salman. Der zögerte nicht, stellte mit den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Militärkoalition auf, die seinen Schützling Hadi zurück an die Macht bomben soll.

Sanaa, die Hauptstadt. Auch hier Armut, wohin man blickt. Vor Restaurants lungern Jugendliche, Frauen, Kinder herum. Sobald sich diejenigen erheben, die sich ein Essen noch leisten können, stürmen jene herbei, die nichts mehr haben, und verschlingen, was übrig geblieben ist. Brot und Reis und, wenn sie Glück haben, ein Stück Fleisch oder Huhn.

Der Jemen ist Saudiarabiens Hinterhof, aber dem Nachbarn geht es um mehr.

Wobei die Not der grossen Mehrheit nicht bedeutet, dass es im Land des Hungers nicht mehr als genug gäbe für einige wenige. Auf dem Souk al-Milh, dem Markt zwischen den Turmhäusern der historischen Altstadt, findet sich alles, im Überfluss. Händler türmen Granatäpfel, Aprikosen und Trauben zu Pyramiden, häufen Tomaten, Gurken und Auberginen neben Gebirgen aus Linsen, Mehl und Reis auf. Ein Metzger trennt mit dem säbellangen Messer das Bein eines gehäuteten Schafs ab, ein abgehauener Rinderkopf stiert leblos auf die Szene. Auch in den Supermärkten sieht man überall volle Regale, Konserven, Zucker, Speiseöl. Es gibt Cola, Kekse, Schokolade.

Iyad wird den Geschmack von Keksen kaum kennen. Tief in den Höhlen liegen seine Augen, seltsam gross für das kleine Gesicht, die Haut gelblich wie Pergament. Der Bub wimmert. Zum Schreien ist der Zweijährige zu schwach, seine Arme sind kaum dicker als zwei kräftige Männerdaumen. Allein eine halbe Million jemenitische Kinder sind laut UNO schwer unterernährt. Mit einer Spritze flösst Krankenschwester Hoda al-Reni ihm eine Spezialmilch ein, die fast doppelt so viele Kalorien hat wie Coca-Cola. Diese Milch hat Iyad das Leben gerettet. «Er hat sich stabilisiert», sagt die Schwester.

«Acht Millionen Jemeniten sind akut von einer Hungersnot bedroht», sagt Lise Grande. Acht Millionen Menschen, die nicht wissen, woher sie die nächste Mahlzeit bekommen. «Und wenn die Kämpfe nicht enden», sagt die UNO-Nothilfekoordinatorin, «sind es bis Jahresende 18 Millionen.» Grande sitzt im UNO-Hauptquartier in Sanaa, hinter einem Labyrinth aus Sicherheitsschleusen, Stahltüren und Panzerglasfenstern. «Ich arbeite seit 22 Jahren in der humanitären Hilfe, aber ich habe nie eine Katastrophe von solchem Ausmass gesehen.» Das Leid sei Menschenwerk, kein Land sollte im 21. Jahrhundert noch von Hungersnöten heimgesucht werden. «Wir haben gelernt, den Hunger zu besiegen», sagt Grande.

Saudiarabien hat 20 Millionen als Kopfgeld auf den Chef der Huthi ausgesetzt.

Der Jemen ist der Hinterhof Saudiarabiens, doch dem Nachbarn geht es um mehr. Die Saudis sehen in den Huthi willfährige Handlanger der Iraner. Sie werfen dem schiitischen Regime in Teheran vor, die Huthi mit Militärberatern zu unterstützen, mit Waffen und mit Raketen, die bis nach Riad fliegen. So ist der Jemen zum Schlachtfeld der Erzfeinde um die Vorherrschaft am Persischen Golf und in der arabischen Welt geworden.

Weil die USA mit den Saudis und Emiratis verbündet sind und zudem ein Dauerproblem mit dem Iran haben, liefert Washington der Anti-Huthi-Koalition Bomben, betankt Kampfjets in der Luft, klärt mit Satelliten auf. So konnte das Bündnis weite Teile des Südens samt der Hafenstadt Aden zurückerobern. Im Norden aber, wo die Mehrheit der 28 Millionen Jemeniten lebt, kommt die mit verschiedensten einheimischen Milizen und Söldnertruppen verbündete Koalition kaum vom Fleck.

Bilder wie die von Iyad, dem halb verhungerten Zweijährigen, soll die Welt nicht sehen. Linienflüge gibt es nur nach Aden; geht es nach der anerkannten Regierung im Süden, dürfen Jour­nalisten ohnehin nicht zu den Huthi in den Norden. Reporter können allenfalls auf Propagandatouren durch den Süden reisen. Wer so ein Visum der Hadi-Regierung im Süden will, sollte besser nicht sagen, dass er auch in den Norden möchte, denn er wird die Einreisegenehmigung dann nie bekommen. Für eine klammheimliche Reise in den Norden aber müssen auch noch die Huthi zustimmen. Es ist ein bürokratischer Hürdenlauf, der gut und gerne eineinhalb Jahre dauern kann.

17'000 Luftschläge bislang im Jemen

Wer dann von Aden nach Sanaa reisen will, hat zwölf Stunden Fahrt vor sich, 400 Kilometer entlang zerschossener Panzer, auf Nebenstrassen und Schotterpisten, vom Arabischen Meer bis hinauf in die Berge, wo die Hauptstadt liegt. Die Front verläuft derzeit ziemlich genau da, wo der Jemen im Kalten Krieg geteilt war, so wie Deutschland. Die Grenze trennte bis 1990 die prowestliche Arabische Republik Jemen vom sozialistischen Süden mit der Demokratischen Volksrepublik Jemen, deren Hauptstadt Aden war. Diese Teilung hält gefühlt bis heute an.

Nach Aden zu fliegen, ist das eine, sich in der Stadt zu bewegen, das andere. Erst am Vortag explodierte eine Bombe, sie galt einem Provinzgouverneur. Ausländern droht Entführung, denn Al-Qaida-Kämpfer haben Un­terschlupf in der Stadt gefunden, der Jemen ist bis heute ein Rückzugsort für Jihadisten. Die grossen Hotels sind ausgebombt, an der Ausfallstrasse nach Sanaa stehen Ruinen, bombardiert von der Koalition. 17'000 Luftangriffe gab es im Jemen bislang schon.

Die Weltbank schätzt, dass inzwischen jeder vierte Jemenit unter der Armutsgrenze von 1.90 Dollar am Tag lebt. UNO-Helferin Grande sagt: «Wenn die Preise auch nur um ein Prozent steigen, heisst das für Zehntausende, dass sie sich nicht mehr aus eigener Kraft ernähren können.» Um den Hunger zu beenden, müsse der Krieg aufhören und Lebensmittel ungehindert ins Land kommen. Dafür müssten die Beschränkungen für alle Häfen aufgehoben werden, vor allem in Hudaida. Die Koalition inspiziert jedes Schiff, sie liegen wochenlang vor dem Hafen, kaum eine Reederei steuert den Hafen noch an.

Alle Lebensmittel importiert

Über die Stadt am Roten Meer kommen 70 Prozent der Importe ins Land und 80 Prozent der internationalen Hilfsgüter. Der Jemen muss fast den gesamten Lebensmittelbedarf einführen. Das liegt auch am Khat. Der lukrative Anbau der Alltagsdroge beansprucht bald ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche.

Noch kontrollieren die Huthi die Stadt und den Hafen, er ist die Lebensader für 20 Millionen Menschen im Norden. Und die wichtigste Einnahmequelle der Huthi: Etwa 30 bis 40 Millionen Dollar kassieren sie dort angeblich pro Monat an Gebühren. Die Eroberung von Hudaida soll nun den Krieg entscheidend wenden. Deshalb haben Saudis und Emiratis die mit ihnen verbündeten jemenitischen Milizen aus dem Süden zur Operation «Goldener Sieg» abkommandiert, sie belagern die Stadt.

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Auch der Weg von Sanaa nach Hudaida ist atemberaubend und mühsam. Wieder in die Berge, nach Westen, in Richtung Rotes Meer. Sanaa liegt in einem Talkessel, es ruht an diesem Morgen im Nebel. Die Strasse ist gesäumt von Ruinen; das Hauptquartier der Staatssicherheit, ein Militärstützpunkt, Ausflugslokale mit Terrassen, alles zerbombt. Die Städter kommen dennoch, um Tee zu trinken, eine Wasserpfeife zu rauchen, Khat zu kauen. Bis auf 2800 Meter winden sich Serpentinen hinauf.

Sieben Stunden Fahrt für 170 Kilometer, dann markieren Dünen den Beginn der Küstenebene, die letzten 30 Kilometer bis Hudaida. Die Huthi haben die Zugangsstrasse zur belagerten Stadt mit Schiffscontainern und Panzersperren aus Beton verbarrikadiert, hinter den Hindernissen metertiefe Gräben ausgehoben. Eigentlich haben sie kein Interesse, Fremden das Nadelöhr zu zeigen: Hier müsste die saudisch-emiratische Koalition durch, wenn sie nach Sanaa will. Doch vor wenigen Tagen hatten Explosionen auf dem Fischmarkt und vor einer Klinik 30 Menschen getötet, es war ein Angriff auf Zivilisten. Ob es saudische Bomben waren oder Granaten ihrer Gegner, niemand weiss es. Nur deshalb erlauben die Huthi den Besuch der umkämpften Hafenstadt, in der seit eineinhalb Jahren kein westlicher Journalist mehr war: Ihre Kommandanten wollen beweisen, dass sie nicht für die Attacke auf das Spital verantwortlich sind.

Bilder: Stellvertreterkrieg im Jemen

Dumpfe Abschussgeräusche von Mörsergranaten, ein Rauchpilz von einem Luftangriff – die Gefechte mit den emiratischen Truppen konzentrieren sich auf den Flughafen. In der Stadt sind die Ladekräne des Hafens zu sehen, nur wenige Soldaten, Pick-ups, Panzer. Am Krankenhaus, vor dem die Zivilisten umgekommen sind, führt ein Mitarbeiter zum Ort der Explosion. Die Verkaufsbuden neben dem Haupteingang sind von Granatsplittern durchlöchert, auch am Boden Spuren eines Granateinschlags. Kein Krater und keine eingedrückten Wände, die typisch sind, wenn Kampfjets ihre Bomben werfen.

Minuten vor den Explosionen an der Klinik waren Geschosse auf dem Fischmarkt eingeschlagen. Die zweite Attacke traf dann die Helfer, die Verletzte in die Klinik bringen wollten. Chefarzt Khaled Suhail hat Wunden vernäht, aber auch Fotos gemacht und Listen geführt: 30 Tote, unter ihnen fünf Frauen, eine war schwanger. Dazu drei Jugendliche und noch 39 Verletzte allein in seiner Klinik. Abdullah Omar ist einer, er liegt mit sechs anderen Männern im Zimmer. Vom linken Arm ist nur ein Stumpf geblieben. Der 17-jährige Fischer wollte gerade mit dem Boot rausfahren. Die erste Explosion hörte er noch, die zweite zerfetzte seinen Arm. «Ich suchte meine Hand», sagt er. Den blutenden Arm hat er in den Schal gewickelt, den er als Turban auf dem Kopf trug, jemand fuhr ihn mit dem Moped zur Notaufnahme. Die Gespräche mit den Überlebenden bringen keine Klarheit, von wo die Granaten abgefeuert wurden. Sicher ist nur eines: Die Kriegsparteien nehmen keine Rücksicht auf die Zivilisten, weder im Grossen noch im Kleinen.

Vertriebene im eigenen Land

Mehr als drei Millionen Jemeniten sind Vertriebene im eigenen Land, aus Hudaida ist die Hälfte der Bevölkerung geflohen. Im Vorort Marawa, in der Schule des 17. Juli, hausen Flüchtlinge in den Klassenzimmern und auf dem Schulhof. Shawki Mohammed ist vor 48 Tagen gekommen, er lebt im Zelt mit seinen fünf Kindern und seiner Frau Hasna, sie trägt das sechste Kind im Bauch. «Es gab kein Wasser mehr und nichts zu essen in unserem Viertel», sagt Shawki Mohammed. Er ist Fischer, hat kein Einkommen, wenn er nicht aufs Meer fährt. Die Koalition hatte Flugblätter abgeworfen, die Menschen zur Flucht aufgerufen. «Es wurde zu gefährlich», sagt Shawki. Sein letztes Geld ging für den Bus nach Marawa drauf.

Hudaida war schon vor dem Krieg die ärmste Provinz des Jemen. Wenn die grosse Schlacht um den Hafen wirklich kommen sollte, dürfte das Leben hier endgültig zusammenbrechen. Es ist eine Frage der Zeit. Die Hilfsorganisationen und die UNO warnen eindringlich vor einer Katastrophe, wenn der Hafen beschädigt wird. Doch es gibt auch Hoffnung: Der Druck auf Saudi­arabien und die Emirate steigt, im US-Senat drohen Politiker beider Parteien, der Koalition die Militärhilfe zu entziehen, wenn die Hilfslieferungen unterbrochen werden. Auch die Huthi stehen unter Druck, militärisch. Beide haben dem neuen UNO-Gesandten Martin Griffiths notgedrungen zugesagt, im September zu Friedensgesprächen nach Genf zu kommen.

Zurück in der Hauptstadt Sanaa, ein Anruf von den Helfern Gottes. Man könne Mohammed Ali al-Huthi treffen, er ist eine Art Staatschef im Huthi-Reich. Die Frage ist nur, wo: Der Präsidentenpalast ist eine Ruine, das Präsidialamt liegt auch in Trümmern. Als sich die Führer der Huthi Ende vergangenen Jahres dort versammelten, liessen die Saudis Bomben regnen. Auf Mohammed Ali al-Huthi hat die saudische Führung ein Kopfgeld von 20 Millionen Dollar ausgesetzt.

«Es tut mir leid, dass wir uns aus Sicherheitsgründen hier treffen müssen.»Mohammed Ali al-Huthi

Am Tahrir-Platz im Stadtzent­rum wartet dann der Kontaktmann. Er fällt auf mit seinem schwarzen Anzug unter all den traditionell gekleideten Männern mit ihren Janbijas und Turbanen. Der Mittelsmann, immerhin ein Vizeminister, geht wortlos über den Platz, blickt sich immer wieder um, telefoniert. Dann biegt er in eine schmale Nebenstrasse und betritt einen Coiffeursalon.

Da sitzt Mohammed Ali al-Huthi auf dem Barbierstuhl, einen schwarzen Latz mit weissen Punkten um den Hals gebunden, neben ihm hält ein weiterer Kunde die Wangen hin. Der Coiffeur sprüht Alkohol auf das Rasiermesser, hält die Klinge in eine Feuerzeugflamme, neben dem Präsidenten steigt eine bläuliche Stichflamme auf. «Es tut mir leid, dass wir uns aus Sicherheitsgründen hier treffen müssen», sagt Huthi, «wir können gleich noch einen Spaziergang machen.» Mit abgespreiztem Finger schabt der Coiffeur Bartstoppeln im Mundwinkel ab, tupft Duftwasser auf Wangen und Haar, dann tritt der Präsident auf die Strasse.

Danach kommen Kampfjets

Die Schiebetür eines Kleinbusses mit verdunkelten Scheiben fliegt auf, fünf Leibwächter mit Maschinenpistolen springen heraus. Mohammed Ali al-Huthi, im blauen Blazer und mit Krummdolch im Gürtel, schlendert zwischen ihnen zum Tahrir-Platz. Passanten eilen herbei, küssen seine Hand. Im Schatten eines Baumes lässt der Präsident sich auf einer Bank nieder.

Man hoffe sehr auf Versöhnung, sagt er, aber erst einmal müsse «die internationale Gemeinschaft die USA, Saudiarabien, die Emirate und Grossbritannien zwingen, die Zerstörung unseres Landes zu stoppen». Die Jemeniten hätten zwar veraltete Waffen, den Krieg aber würden sie bis zum Ende durchstehen. Und die Verhandlungen, die man dem UNO-Sondergesandten versprochen habe? Vorgespräche, ein erster Schritt, mehr nicht. Klingt alles nicht nach baldigem Frieden.

Eine Traube Neugieriger hat sich gebildet, die Entourage drängt den 20-Millionen-Dollar-Mann zum Aufbruch. Mohammed Ali al-Huthi schüttelt noch ein paar Hände, dann steigt er in einen Toyota Hilux, seine Leibgardisten schwingen sich auf die Pritsche, der Wagen verschwindet im Verkehrsgewühl. Knapp zwei Stunden später kreischen Kampfjets durch den Himmel. Erst hört man das Fauchen der Raketen, dann dumpfe Explosionen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 09:39 Uhr

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