Kolumne

Perspektiven: Zunehmender Hass

Je länger der Konflikt zwischen Israel und Palästina dauert, desto grösser werden die freigesetzten Hasspotenziale und desto ferner scheint eine Lösung.

Bei der Trauerfeier für den in Jerusalem getöteten 16-jährigen Jungen haben sich aufgebrachte Palästinenser gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert.

Bei der Trauerfeier für den in Jerusalem getöteten 16-jährigen Jungen haben sich aufgebrachte Palästinenser gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Bild: Reuters

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Das Thema ist weit mehr als hundert Jahre alt, aber so emotionsgeladen, dass viele Onlinemedien jeweils die Kommentarfunktion abschalten, wenn es zur Sprache kommt. Und diese Woche ist es, nach einem grässlichen Mord an drei autostoppenden Talmudschülern im besetzten Westjordanland, noch etwas emotionaler als sonst: Es geht natürlich um das Verhältnis zwischen Israel und den ­Palästinensern.

Diesen uralten, fast schon archetypischen Konflikt distanziert zu betrachten und einigermassen objektiv zu beurteilen, scheint fast nicht mehr möglich. Denn es prallen religiöser Fanatismus, Ultra-Nationalismus, Rassismus und angeblich von Gott garantierte Ansprüche aufeinander – und zwar von beiden Streitparteien, ebenso unversöhnlich wie zu nächster geografischer Nähe verdammt. (Es geht, vergessen wir es nicht, um ein Ländchen von 22'380 km2, gut halb so gross wie die Schweiz also, plus 6831 km2 besetztes Territorium.)

Wer Gott auf seiner Seite wähnt

Vor allem, wer Gott auf seiner Seite wähnt, ist zu keinem Kompromiss bereit; das führen uns die islamistischen Radikalen gerade wieder vor Augen, die momentan Teile Syriens und des Irak terrorisieren. Es gilt aber auch für die islamistische Hamas, die den Gazastreifen beherrscht, neuerdings zusammen mit der Fatah die Palästinensergebiete verwaltet, aber den Staat Israel nicht ­anerkennt. Und es gilt für die radikalen israelischen Siedler und Teile der israelischen Armee, welche die Palästinenser als minderwertig behandeln und seit 1967 ein menschenverachtendes und zunehmend brutales Besatzungs­regime führen.

Seit 2000 hat die israelische Armee laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem 1384 palästinen­sische Kinder getötet. Und nach der Entdeckung der Leichen der drei Jugendlichen in der Nähe von Hebron sind israelischen Vergeltungsakten mindestens ein halbes Dutzend Palästinenser zum Opfer gefallen: Ein 16-Jähriger etwa wurde im von Israel annektierten Ost-Jerusalem entführt und ermordet.

Dieselbe Menschenverachtung findet sich auf palästinensischer Seite. Eine Hamas-Sprecherin beantwortete in einem Interview mit dem «Bund» die Frage, ob sie den Tod der drei israelischen Teenager bedaure: «Nein, ich empfinde kein Bedauern, denn wir kämpfen seit Jahren um unsere Freiheit.» Als ob diese Freiheit durch den feigen Mord an drei Autostoppern errungen werden könnte. Danach verstieg sich die Frau, Isra Almodallal, zu einer Verschwörungstheorie, wie man sie im Nahen Osten oft antrifft: «Die ganze Geschichte ist 100 Prozent eine israelische Inszenierung.» Almodallal ist übrigens nicht nur Hamas-Sprecherin; sie arbeitet auch im Informationsministerium der palästinensischen Einheits­regierung und bestätigt so die Skepsis, die in Israel ob des Zusammengehens von Fatah und Hamas herrscht.

Dieses Zusammengehen allerdings liefert der rechtsnationalen Regierung von Benjamin Netanyahu auch ein weiteres willkommenes Argument, um jeden Fortschritt im sogenannten Nahost-Friedensprozess zu sabotieren. Denn ebenso, wie aufseiten der Fatah diese permanente Ambivalenz Israel gegenüber herrscht – man anerkennt dessen Existenzrecht zähneknirschend, hofft aber noch immer, die «Juden ins Meer zu werfen» –, ebenso herrscht auf israelischer Regierungsseite die manifestierte Absicht, eine definitive Lösung des Konflikts so lange hinauszuzögern, bis es nichts mehr zu lösen gibt, weil nämlich kein halbwegs zusammenhängendes Territorium für einen Palästinenserstaat mehr existiert.

Wie gesagt, die Emotionen werden geschürt: «Es ist wirklich erschütternd, dass Israel mehr und mehr zum Hitler-Nachfolgestaat geworden ist», schrieb mir ein «Bund»-Leser: «Victor Klemperer hat diese Entwicklung in seinen Tagebüchern vorausgesagt. Für ihn waren die Zionisten schlimmer als die Nazis.» Lesen wir nach, was der Romanist und Schriftsteller Klemperer (1881–1960), ein liberaler deutscher Jude, tatsächlich geschrieben hat: «In Zion ist der Arier gerade das, was hier der Jude. (...) Mir sind die Zionisten, die an den jüdischen Staat von anno 70 p. C. (Zerstörung Jerusalems durch Titus) anknüpfen, genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer Blutschnüffelei, ihrem «alten Kulturkreis», ihrem teils geheuchelten, teils bornierten Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den Nationalsozialisten.» Dieser Satz stammt aus einem Tagebuch Klemperers. Allerdings schrieb er es im Juni 1934, als die Gräueltaten der Nazis noch längst nicht ihr volles Ausmass angenommen hatten und als auch der Staat Israel noch längst nicht existierte.

Lösung immer ferner

Aber das ist die Krux dieses Konfliktes: Die vorläufigen Sieger (Israel) und die momentanen Verlierer (die Palästinenser) hauen einander die Geschichte um die Köpfe, von 70 n. Chr. über die Balfour-Deklaration von 1917, das britische Palästina-Mandat von 1922, den israelischen Unabhängigkeitskrieg 1947–49, den die Araber «die Katastrophe» nennen, die diversen nachfolgenden israelisch-arabischen Kriege bis zur Besatzung und den Intifadas. Je länger der Konflikt dauert, desto grösser werden die freigesetzten Hasspotenziale und desto ferner scheint eine Lösung. Vielleicht wird sich diese erst in der totalen Erschöpfung finden – oder dann, wenn der ganze Nahe Osten islamistisch ­geworden ist. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2014, 09:51 Uhr

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