«Jede Bewegung kann entscheiden, ob man lebt oder stirbt»

Interview

Johan Sommansson von Médecins sans Frontières arbeitet zurzeit in Gaza-Stadt. Er berichtet von erleichterten und von traumatisierten Menschen und wie er die Situation der letzten Tage vor Ort erlebte.

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Monica Fahmy@fahmy07

Herr Sommansson, wie würden Sie die aktuelle Situation in Gaza beschreiben?
Seit der Waffenruhe hat sie sich dramatisch verändert, im positiven Sinne. Die Bevölkerung hat tagelange intensive Bombardements hinter sich, mit traumatischen Folgen. Als die Waffenruhe verkündet wurde, war dies eine riesige Erleichterung.

Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Wir sassen in der Küche und hörten das Bombardement. Als es plötzlich ruhig war, wagte noch niemand, zu hoffen. Wir warteten noch eine halbe Stunde. Als klar war, dass die Waffenruhe hält, gingen die Leute auf die Strasse und feierten. Die psychologische Auswirkung der Waffenruhe war enorm.

Wie konnten Sie während der Offensive Ihrer Arbeit nachgehen?
Es war sehr schwierig. Die Strassen waren leer, die Läden geschlossen. Die Menschen trauten sich nicht aus ihren Häusern. Es war auch sehr gefährlich, in den Strassen Gazas zu fahren. Und während der Bombardierung blieben unsere Patienten aus.

Laut dem Gesundheitsministerium soll es 163 Tote gegeben haben, davon 42 Kinder, und 1225 Verletzte, davon 450 Kinder. Wie ist es möglich, dass Ihre Patienten ausgeblieben sind?
Unser Projekt in Gaza betreut Patienten nach einer Operation und bietet Physiotherapie an. Wir holen für eine bestimmte Zeit hoch qualifizierte plastische Chirurgen aus dem Ausland, die unsere Patienten behandeln. Sie behandeln Verletzungen von Angriffen, aber auch ausserordentlich viele Brandwunden, weil die Leute wegen der andauernden Stromknappheit oft Unfälle mit Kerzen und offenem Feuer haben. Diese Patienten blieben natürlich während der Kämpfe aus. Was die Opfer des Konflikts angeht: Wir hatten ein Notfallteam aufgestellt für den Fall, dass die Kämpfe angedauert hätten.

Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung aus?
Bisher konnten die Spitäler in Gaza mit der Anzahl Verletzten umgehen, die Ressourcen reichten aus. Hätte der Konflikt länger angehalten, hätten wir ein Problem gehabt.

Vor Ort sprechen die Menschen mit Ihnen sicher über ihre Sorgen. Was belastet sie am meisten?
Die Menschen hier haben viele Sorgen. Aktuell haben sie um ihr Leben fürchten müssen, sind traumatisiert. Während des Konflikts hatten sie Angst um ihre Kinder. Es gab keine Sicherheit vor den Luftangriffen. Eltern waren im ständigen Dilemma. Wohin rennen? Wo ist es sicher? Wo ist es wahrscheinlicher, getroffen zu werden? Im Wissen, dass man es nicht wissen konnte und dass jede Bewegung darüber entscheiden kann, ob die eigene Familie lebt oder stirbt. Nach der Waffenruhe hatten die Menschen eher materielle Sorgen, etwa wie sie ihr Haus wieder aufbauen können.

Wie sieht die Versorgung mit Lebensmitteln aus?
Hier herrscht eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise, nicht erst seit dem Aufflammen des Konflikts in der letzten Woche. Schon lange. Wie genau die Situation in Sachen Versorgung aussieht, müsste Ihnen eine Hilfsorganisation beantworten, die damit vertraut ist. Was ich sagen kann, ist, dass niemand hungert, was nicht heisst, dass das Leben der Bevölkerung einfach ist.

Wie sieht es gesundheitlich aus?
Die Leute hier haben viele Kriege und Krisen erlebt. Es ist für sie nichts Neues. Wir haben eine Studie gemacht über die Auswirkungen des Gazakrieges 2009 auf die psychische Gesundheit der Menschen. Weite Kreise der Bevölkerung sind traumatisiert. Ein Kind, das heute sieben oder neun ist, hat schon Erinnerungen an den vorherigen Krieg. Die Eskalation von letzter Woche hat alte Wunden aufgerissen. Es ist sehr wichtig, diesen Kindern nun psychologische Hilfe zu gewähren.

DerBund.ch/Newsnet

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