In Nidau gestartet, jetzt im Kerker in Syrien

Die Recherche von «Bund»-Reporter Kurt Pelda zeigt, wie drei Schweizerinnen dem IS verfielen und nach Syrien reisten. Die hiesigen Behörden wollen ihnen nicht helfen.

Laut Zählung des Nachrichtendienstes sind insgesamt 79 Personen mit Bezug zur Schweiz nach Syrien und in den Irak gereist: Gefangene IS-Kämpfer in Djezire, Syrien. Foto: Emilien Urbano (Laif)

Laut Zählung des Nachrichtendienstes sind insgesamt 79 Personen mit Bezug zur Schweiz nach Syrien und in den Irak gereist: Gefangene IS-Kämpfer in Djezire, Syrien. Foto: Emilien Urbano (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein gesichtsloser Betonklotz mit Flachdach, in dem Martina R.* ihre letzten Tage in Biel verbringt. Unten, neben dem Eingang des vierstöckigen Eckhauses, ist ein Kleidergeschäft untergebracht, darüber Mietwohnungen mit grauen Rollläden an einer ebenso grauen, heruntergekommenen Fassade. Es ist die Vergangenheit. Inzwischen befindet sich Martina R. in Syrien, in Gefangenschaft kurdischer Milizen.

Viele deutsche Jihadistinnen, die sich wie die Bielerin dem IS angeschlossen haben, leben heute als Gefangene in einem Zeltlager nahe der nordostsyrischen Stadt Qamishli. Ob Martina R. auch dort eingesperrt ist, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, ob sie jetzt vielleicht vom grauen, aber friedlichen Leben in der Schweiz träumt.

Martinas Mann stammt aus Guinea, er ist Muslim, aber nicht streng religiös. Damals, im Jahr 2014, hat er keine Ahnung, was seine um ein Jahr ältere Frau treibt, während er bei der Arbeit ist. Manche beschreiben Martina R. als psychisch labil, verhaltensauffällig und rastlos. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, im August 2014, ist sie 32 Jahre alt. Sie liebt Kinder, wünscht sich ein eigenes, doch mit ihrem Mann klappt es einfach nicht – trotz medizinischer Untersuchungen, trotz all der afrikanischen Kräuter, die sie einnimmt, um doch noch schwanger zu werden. Zu Hause erzählt Martina dann, sie wolle Kinder in Afrika unterrichten, sie reise für ein Hilfsprojekt nach Guinea.

In den Händen der Kurden

Nur wenige Monate später wendet sich das Kriegsglück. Zuerst nur allmählich, für die Frauen fast nicht wahrnehmbar, wird der IS zurückgedrängt. Schliesslich erobern die kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) im Oktober 2017 mit amerikanischer Luftunterstützung Raqqa. Kurz vor dem Fall der Stadt schliessen die SDF ein Abkommen mit dem IS und gewähren 4000 Terroristen und Angehörigen freies Geleit. Es ist nicht klar, ob sich die beiden Schweizer Freundinnen unter den Evakuierten befinden oder ob sie in Raqqa bleiben. Wie die SDF jedoch nun bestätigen, sind die Frauen in die Hände der Kurden gefallen.

Auf Fragen dieser Zeitung antwortet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) knapp: «Dem EDA ist bekannt, dass einzelne Schweizer Staatsangehörige, die sich früher im Gebiet des IS aufhielten, in Syrien festgehalten werden. Zu den betroffenen Personen kann das EDA aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes keine Angaben machen.» Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schätzt, dass sich unter den Jihad-Reisenden mit Verbindungen zur Schweiz ein Dutzend Frauen und 20 Kinder unter zwölf Jahren in Syrien und im Irak befinden. Martina R. und Amina B. sind nicht die Einzigen. Wie die SDF weiter preisgeben, befindet sich auch die Lausannerin Selina S.* unter ihren Gefangenen. Die Schweizer Bürgerin mit bosnischen Wurzeln hat in Syrien ein Kind geboren. Ihr Ehemann ist ebenfalls in Lausanne aufgewachsen. Er trägt den Kriegsnamen Abu Wael al-Swissri und kämpfte in einer Eliteeinheit des IS. Ob er auch in Gefangenschaft geriet, ist noch nicht bestätigt.

Sie sollten das Kanonenfutter für die Terroristen gebären.

Dass sich so viele Kinder mit einem Bezug zur Schweiz im Konfliktgebiet aufhalten, hat mit der «Familienpolitik» des Kalifats zu tun: Unverheiratete Ausländerinnen wurden beim IS möglichst schnell mit Jihadisten vermählt: Sie sollten das Kanonenfutter gebären, das die Terroristen für ihre Welteroberungsfantasien benötigten. Es ist auch kein Zufall, dass die ersten bekannt gewordenen Fälle von Schweizer Gefangenen in Syrien alles Frauen sind. Laut Zählung des NDB sind insgesamt 79 Personen mit Bezug zur Schweiz nach Syrien und in den Irak gereist.

Davon hat der Nachrichtendienst 24 Tote bestätigt, wobei es sich praktisch ausschliesslich um Männer handeln dürfte. IS-Kämpfer, die sich ergeben, sperren die SDF in Gefängnissen ein, während Frauen in Lagern mit besseren Lebensbedingungen festgehalten werden. Männliche Terroristen, die bis heute überlebt haben, ziehen es deshalb vor unterzutauchen, während sich ihre Frauen und Kinder ergeben – wohl in der Hoffnung, in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden. Im benachbarten Irak müssen IS-Frauen dagegen mit langjährigen Gefängnisaufenthalten oder gar mit der Todesstrafe rechnen. So gesehen können sich die Schweizerinnen glücklich schätzen, dass sie in Gewahrsam der syrischen Kurden sind. Zumindest zu einem Teil der gefangenen Frauen hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Zugang.

Mit dem IZRS verbandelt

Zurück nach Biel ins Jahr 2013. Selbst ihrem afrikanischen Ehemann kann es inzwischen nicht entgehen, dass sich Martina R. nach ihrem Übertritt zum Islam radikalisiert hat. Sie ist eine der ganz wenigen Bielerinnen, die in der ­Öffentlichkeit den Nikab tragen. Man kennt sie vom Sehen, denn selbst auf ihrem City-Bike ist Martinas Gesicht bis auf einen schmalen Augenschlitz schwarz verhüllt. Ausserdem zieht sie sich einen hellen, weit geschnittenen Mantel und Pluderhosen an, um ihre Konturen vollständig zu verbergen.

Die dünnen, schwarzen Handschuhe lässt sie selbst in der warmen Jahreszeit nicht zu Hause. Niemand soll ihre Haut sehen können. Solche Kleidung kennt man nur von den extremsten Islamistinnen. Selbst Nora Illi vom Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS), die bekannteste ­Nikab-Trägerin der Schweiz, lässt ihre Hände in der Öffentlichkeit unbedeckt. Illi und einige ihrer Kolleginnen vom IZRS kennen Martina R. bestens, darunter Generalsekretärin Ferah Ulucay. Die Bielerin hilft dem Islamrat als Aktivistin, zum Beispiel bei Aktionen im Herbst 2013 gegen das geplante Verbot der Vollverschleierung im Tessin. Nach Martinas Verschwinden findet ihr Ehemann in der gemeinsamen Wohnung Stapel von IZRS-Flugblättern.

Amina und Martina besuchen die Ar’Rahman-Moschee des Bieler Hasspredigers Abu Ramadan. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Auch die zweite Bielerin beim IS, Amina B., ist mit Ferah Ulucay vom IZRS bekannt. Ausserdem war ihr Vater einst Geschäftspartner des heutigen Islamratspräsidenten Nicolas Blancho. Amina radikalisiert sich offenbar schon während ihrer Zeit an der Handelsmittelschule in La Neuveville. Danach versucht sie, Arbeit zu finden, doch erweist sich das als schwierig, weil die junge Frau ein Kopftuch trägt.

Eine Zeit lang ist sie als Telefonistin bei einem Hilfswerk beschäftigt, später bei einer privaten Firma, die für die saudische Botschaft in Bern Visa ausstellt. Zusammen mit anderen Berner Aktivisten organisiert sie eine Koranverteilaktion des «Lies!»-Projekts in Biel.

Amina und Martina frequentieren auch die berüchtigte Ar’Rahman-Moschee des Bieler Hasspredigers Abu Ramadan. Es zeigt sich, dass die religiöse Indoktrination üble Früchte tragen kann, auch wenn ihre Einflüsterer die Frauen vielleicht gar nicht zum IS schicken wollen und am Ende von ihrem Verschwinden ebenfalls überrascht werden. Nach ihrer Ankunft in Syrien ruft Martina R. noch ein paarmal bei ihrem Mann an, und sie schickt ihren drei besten Freundinnen E-Mails. Darin schreibt sie, dass sie in Syrien obdachlose Kinder unterrichten und nicht mehr in die Schweiz zurückkehren wolle. Danach herrscht Funkstille. Aminas Familie erzählt später, dass ihre Tochter sich von Syrien nach Tunesien abgesetzt habe – was offensichtlich nicht stimmt.

Immer wieder Koranverteiler

Etwas anders verläuft die Geschichte des Jihadistenpaars aus Lausanne, bei dem zumindest für die Frau nun ebenfalls Kurdistan die Endstation ist. Vor der Hochzeit haben beide unweit der Moschee im Stadtteil Prélaz gewohnt. Dort radikalisiert sich zumindest Abu Wael in einer Gruppe bosnischstämmiger Extremisten. Zusammen mit anderen Fanatikern – vornehmlich vom Balkan – nimmt er an einer Koranverteilaktion des «Lies!»-Projekts in Lausanne teil.

Das Paar verschwindet im Mai 2015 Richtung Syrien. Etwas mehr als ein Jahr später ist die Lust auf Kalifat und Krieg aber wohl schon vergangen. Selina ist schwanger. Die beiden wollen in die Schweiz zurückkommen, doch einen Fluchtversuch würde der IS als Verrat mit der Todesstrafe ahnden. Das Paar bleibt am Ende in der Konfliktzone, obwohl Abu Wael seinen Vorgesetzten signalisiert, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kämpfen möchte. Was dann bis zur Gefangennahme von Selina und ihrem Baby passiert, wissen wir nicht.

Klar ist hingegen, dass Bundesbern gefangenen Jihad-Reisenden auf keinen Fall helfen will, aus Syrien in die Schweiz zurückzukehren. Das Aussenministerium schreibt: «Das EDA rät von Aufenthalten jeder Art in Syrien ab. Konsularischer Schutz für Personen, die diese Hinweise missachten, kann nicht geboten werden. Eine Unterstützung (. . .) kann erst nach der Weiterreise auf eigene Verantwortung in ein Land, in welchem Hilfeleistungen möglich sind, erfolgen.» Die nächste Schweizer Botschaft befindet sich in Ankara, im Nachbarland Türkei. Dass es die drei gefangenen Schweizerinnen aus eigener Kraft dorthin schaffen, scheint ausgeschlossen.

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 15:59 Uhr

Artikel zum Thema

Bund will mehrere Jihadisten ausbürgern

Das Staatssekretariat für Migration will Schweizer Doppelbürgern, die sich dem Jihad angeschlossen haben, den Pass entziehen. Mehr...

Bieler Jihadisten planten ein Attentat in der Schweiz

Ein Buch einer Bieler Jihad-Reisenden ist aufgetaucht. Es offenbart, wie im Berner Seeland ein Netzwerk von Extremisten entstand. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...