«Ich habe weniger Angst vor den Jihadisten, seit ich sie kenne»

Der Journalist Nicolas Hénin war zehn Monate Gefangener des IS in Syrien. Ein Gespräch über seine Geiselhaft, den Krieg und die Fehler im Kampf gegen den Terror.

«Der Terrorismus besteht aus fünf Prozent ‹Peng, Peng› und aus 95 Prozent Propaganda. Das muss im Kampf gegen den Terror berücksichtigt werden»: Nicolas Hénin. (Bild: Getty Images/Anadolu Agency)

«Der Terrorismus besteht aus fünf Prozent ‹Peng, Peng› und aus 95 Prozent Propaganda. Das muss im Kampf gegen den Terror berücksichtigt werden»: Nicolas Hénin. (Bild: Getty Images/Anadolu Agency)

Vor zwei Jahren sind Sie nach zehnmonatiger Geiselhaft vom IS freigelassen worden. Inwiefern haben Sie das traumatische Erlebnis verarbeitet? Die Zeit seit der Freilassung ist eine kleine Etappe auf einem langen Weg zurück in die Normalität. Bei meiner Geiselhaft war einiges sehr speziell. Als ich frei kam, blieben etwa 15 Kollegen in Gefangenschaft. Ein paar Mitgefangene wurden danach vom IS getötet. Und von meinen Bewachern gingen einige nach Europa zurück, um Attentate zu verüben. Das alles erschwert die Verarbeitung meiner Geiselhaft in Syrien. In den ersten Monaten nach der Freilassung war ich euphorisch, weil ich wieder bei meiner Familie war. Dies änderte sich nach den Exekutionen, die der IS mit Videos publik gemacht hatte, und nach den Militärschlägen des Westens in Syrien. Ich war nicht mehr in der Lage, Zeitungen zu lesen oder TV-Nachrichten zu schauen. So beschloss ich, ein Buch über Krieg und Terror zu schreiben. Das ist Teil meiner Therapie.

Wissen Sie, warum der IS Sie freigelassen hat? Wurde Lösegeld bezahlt? Es gab Verhandlungen und irgendeine Gegenleistung. Ich weiss aber nicht, wer mit wem verhandelt hat. Ich weiss nur, dass der französische Staat nichts gezahlt hat. Vielleicht hat jemand anders gezahlt. Oder es gab einen Austausch von Gefangenen. Der IS hat mich nicht freigelassen, weil ich ihm sympathisch war. Ich bin nicht naiv.

Wie gross war Ihre Angst, dass Sie diese Geiselhaft nicht überleben werden? Ich hatte Todesangst, das ist klar. Unsere Bewacher sagten uns nicht, dass sie uns töten werden. Wir hätten aber bei Bombardements ums Leben kommen können, etwa während der sechs Monate in Aleppo, wo wir in der Nähe der Frontlinie untergebracht waren. Es hätte auch sein können, dass einer der Bewacher wegen einer Nichtigkeit durchdreht. Dennoch: Ich glaubte immer daran, dass die Chance freizukommen grösser ist, als die Gefahr getötet zu werden, selbst in den schwierigsten Momenten.

Was hat Ihnen Mut gemacht? Das ist der Glauben. Ich bin nicht besonders religiös, aber in solchen Momenten hilft nur der Glauben. Es war vielleicht naiv, aber ich musste an meine Überlebenschancen glauben. Auch die getöteten Mitgefangenen hatten bis zuletzt diesen Glauben.

Einer Ihrer Bewacher war Mohammed Emwazi, besser bekannt als Henker «Jihadi John». Zwei weitere waren Mehdi Nemmouche und Najim Laachraoui, die später Attentate in Europa verübten. Was waren das für Menschen?
Bei aller Unterschiedlichkeit hatten sie eine Gemeinsamkeit: Sie hatten keinerlei Hemmungen, Menschen zu töten. Nemmouche war der typische kleine Gangster aus einem Vorstadt-Ghetto. Er sang nie Jihad-Lieder, sondern Liedchen aus dem Kinderfernsehen. Während meiner Geiselhaft verbrachte er viel Zeit damit, auf seinem Laptop Fernsehen zu schauen, insbesondere ein französisches Reality-Format über Kriminalfälle begeisterte ihn. Nemmouche machte den Eindruck, als wolle er Star im Reality-TV werden. «Jihadi John» und Laachraoui waren ziemlich intelligent, sie trugen aber einen extremen Hass in sich. Mit Laachraoui habe ich viel gesprochen.

Worüber? Über Politik und Religion, nicht aber über persönliche Dinge oder seine Lebensgeschichte. Darum weiss ich nicht, warum er sich radikalisiert hatte. Leuten wie Laachraoui ist der Islam eigentlich egal, und sie kennen kaum den Koran. Dennoch betrachten sie sich als die einzigen Vertreter des wahren Islams. Sie behaupten, dass die Muslime vom Westen diskriminiert und gedemüdigt würden. Sie geben vor, den Muslimen Würde und Stolz zurückzugeben. Sie sehen sich in einem apokalyptischen Kampf gegen den Westen. Dabei lassen sie sich von Verschwörungstheorien antreiben, eine grosse Rolle spielen auch persönliche Demütigungen. Sie sind Verlorene und Ausgegrenzte aus den westlichen Gesellschaften, wo sie aufgewachsen sind.

Bewacher von Nicolas Hénin und später Attentäter in Paris und Brüssel: Najim Laachraoui. (Bild: Belgische Polizei)

Lässt man das martialische Gebaren weg, erscheinen manche IS-Leute, die Sie kennen gelernt haben, als schwache, fast schon lächerliche Menschen. Haben Sie in Ihrer Geiselhaft nie Verständnis oder positive Gefühle für diese Leute empfunden? Nein, nie. Es gab zwar immer wieder «bad cop, good cop»-Situationen. Aber selbst mit den Bewachern, die uns Geiseln besser behandelten, habe ich keinerlei Sympathien empfunden. Sie konnten nicht unsere Kumpels sein, weil sie uns gefangen hielten. Ich habe diese Leute fast ein Jahr lang jeden Tag erlebt. In dieser Zeit ist eine gewisse Vertrautheit entstanden. Ich will die Verbrechen des IS keinesfalls verharmlosen, aber in einem gewissen Sinn sind diese Leute sehr klein. Ich kann ihnen ins Gesicht sagen: Ihr seid nicht wichtig. Ich habe weniger Angst vor den Jihadisten, seit ich sie kenne.

Angst und Schrecken zu verbreiten, gehört zu den Strategien des IS. Das hat er mit den Anschlägen in Paris und Brüssel auch erreicht. Sie kennen die Denkweise der Jihadisten. Was schlagen Sie vor im Kampf gegen den Terror? Der Terrorismus besteht aus fünf Prozent «Peng, Peng» und aus 95 Prozent Propaganda. Den Terroristen geht es darum, unser Denken und Handeln in ihrem Sinne zu verändern. Sie wollen nicht in erster Linie töten, sondern terrorisieren. Dabei ist das Töten das Mittel zum Zweck. Mit Terroranschlägen in Europa will der IS uns Angst machen und lähmen, er will auch Hass säen und unsere multikurellen Gesellschaften spalten. Nicht zuletzt möchte er uns zu Überreaktionen provozieren. Es ist zwar schon verständlich, dass Frankreich im letzten November mit massiven Luftangriffen in Syrien reagiert hat. Aber diese Eskalation ist ganz im Sinne des IS: Er sieht die Feindschaft des Westens bestätigt und schlachtet dies propagandistisch aus. Wenn die Zivilbevölkerung unter den Luftangriffen leidet, ist dies kontraproduktiv und stärkt nur den IS. Nach 9/11 haben die USA gezeigt, was man alles falsch machen kann. Die Interventionen in Afghanistan und im Irak haben den Jihadismus befördert. Die Terroristen wollen, dass wir irrational handeln. In diese Falle dürfen wir nicht tappen.

Aber ohne kriegerische Reaktionen auf den IS geht es auch nicht. Nein. Ich plädiere auch nicht für einen Verzicht auf militärische Mittel. Punktuell können Bomben Sinn machen. Aber sie sind nur ein kleiner Teil der Lösung. Anstatt militärisch blind zurückzuschlagen, müssen wir einen Schritt zurück machen und darüber nachdenken, was die Terroristen von uns erwarten. Und dann brauchen wir die Stärke und die Intelligenz, auf Deeskalation zu setzen. Der IS lässt sich viel wirkungsvoller bekämpfen, indem wir sein Narrativ zerstören, anstatt Muslime zu töten. Der Anti-Terror-Kampf muss zu fünf Prozent aus «Peng, Peng» bestehen und zu 95 Prozent aus dem Bemühen, die Menschen für sich zu gewinnen. Das ist auch ein Thema meines Buches, das interessanterweise sowohl von Menschenrechtlern als auch von Exponenten der Sicherheits- und Geheimdienste gelobt worden ist.

Der IS hat einen Teil der Gebiete, die er vor zwei Jahren eroberte, wieder verloren. Trotz Dauerbeschuss der internationalen Anti-IS-Koalition kann sich das Kalifat im syrischen Raqqa immer noch ganz gut halten. Wie ist das zu erklären? Der IS hat es verstanden, die wichtigen lokalen Stämme zu integrieren, indem er ihren Chefs Macht gegeben hat. In Raqqas Bevölkerung herrscht die Meinung vor, dass die IS-Herrschaft weniger schlimm ist als eine nicht-sunnitische Herrschaft. Immerhin gehöre man derselben Religionsgemeinschaft an. Wenn alle gegen den IS sind, haben die Sunniten das Gefühl einer Verschwörung gegen sie – und das macht sich der IS geschickt zunutze. Das Tragische am Syrien-Krieg ist, dass der IS als einziger wichtiger Akteur dieses Konflikts der sunnitischen Bevölkerung ein politisches Projekt anbietet. Die Stärke des IS entsteht vor allem aus der Leere, die zusammenbrechende Staaten hinterlassen. Der IS ist nicht das Böse schlechthin, sondern ein Symptom des Bösen.

Können Sie das erläutern! Eines der grossen Dramen im Nahen Osten ist, dass es praktisch keine Staaten mehr gibt, sondern nur noch Regimes. Regimes sind Clans, die alle staatliche Macht an sich gerissen haben und die Bevölkerung unterdrücken. Es gibt Gemeinschaften, die sich durch die Politiker und die Armee im eigenen Land nicht mehr repräsentiert fühlen. Die Menschen sehen sich nicht als Bürger eines Staates, sie definieren sich als Angehörige einer Religion. Es ist die Repression, die den Terrorismus fördert. Das Assad-Regime trägt eine grosse Verantwortung für die syrische Katastrophe.

Was wird aus Syrien? Und inwiefern soll sich der Westen einmischen? Syrien muss in erster Linie Sache der Syrer sein. Vor hundert Jahren haben Frankreich und Grossbritannien die Grenzen im Nahen Osten definiert. Die Resultate davon sehen wir heute. In dieser Zeit vieler Unsicherheiten gibt es ein paar Sicherheiten. Das Assad-Regime wird überleben, aber es wird den Norden und Osten des Landes nicht mehr kontrollieren. Im Norden herrschen bereits die Kurden. Den Rest teilen sich der IS und andere sunnitische Gruppierungen, die mehr oder weniger radikal sind, unter sich auf. Der Krieg in Syrien, aber auch jener in Teilen des Irak haben das Potenzial für eine Neuordnung im Nahen Osten. Alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht. Es geht um die Landesgrenzen der Zukunft. Auch darum wurde in Syrien bis zur Waffenruhe so brutal gekämpft. Diese Waffenruhe ist sehr brüchig, ein Frieden ist nicht in Sicht.

Momente des Glücks nach der Freilassung aus der IS-Haft: Nicolas Hénin freut sich auf seine Tochter bei der Ankunft auf dem Militärflughafen Villacoublay bei Paris. (Bild: Keystone)

Sie haben viele Jahre Ihres Berufslebens in Syrien verbracht, seit dem Ende Ihrer Geiselhaft waren Sie nicht mehr dort. Wann werden Sie wieder nach Syrien gehen? Meine Frau würde sich scheiden lassen, wenn ich nach Syrien reisen würde. Unabhängig davon bin ich nach der Entführungserfahrung noch lange nicht dazu in der Lage. Ich habe aber – über soziale Medien – nach wie vor Kontakt mit Menschen in Syrien, auch mit Jihadisten. Ich möchte verstehen, was diese Leute im Kopf haben.

Sie leben in Paris, wo IS-Terroristen im letzten Jahr zweimal zuschlugen. Wie steht es um die Befindlichkeit der Franzosen? In Frankreich gibt es das Bedürfnis nach einem Diskurs, der es uns erlaubt zu verstehen und der uns beruhigt, ohne naiv zu werden. Wir brauchen Gelassenheit, Rationalität und innere Einheit. Diese Einheit fürchtet der IS mehr als unsere Bomben. Klar, wenn es wieder ein Attentat gibt, erschwert dies einen vernünftigen Diskurs. Darum muss man hoffen, dass die französischen Sicherheitsdienste aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Und dass sie neue Attentate verhindern können.

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