«Ich bin stolz auf meine Landsleute»

Exklusiv

Der ägyptische Investor Samih Sawiris sitzt in El Gouna in seinem Ferienresort fest. Dort werden die Probleme immer grösser.

Sorgen im Paradies: Ferienanlage von Samih Sawiris in El Gouna.

Sorgen im Paradies: Ferienanlage von Samih Sawiris in El Gouna.

(Bild: Keystone)

Gregor Poletti@tamedia

Wo sind Sie? Samih Sawiris: In meinem Ferienresort El Gouna am Roten Meer.

Ist die Situation für einen der reichsten Ägypter derzeit nicht zu gefährlich... ...ich gehöre gerade jetzt nach Ägypten und habe deshalb auch meinen Karibik-Urlaub abgebrochen. Angst um meine Person habe ich keine. Im Gegenteil: Ich bin stolz auf meine Landsleute, weil der Protest bisher meist friedlich abläuft. So haben sich viele Menschen in Kairo nach dem Abzug der Polizei schnell selber organisiert, um etwa wichtige Einrichtungen wie ausländische Botschaften zu schützen.

Wirtschaftlich könnte die derzeitige Instabilität für Ihre Resorts in Ägypten drastische Folgen haben. Der Privatsektor und damit die Tourismusindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftsträger des Landes, und das wissen alle. Deshalb gehe ich davon aus, dass der Privatsektor auch nach einem möglichen Regimewechsel nicht zerschlagen wird, denn damit würde auch der Staat zerschlagen.

Die Wirtschaft in Ihrem Land ist schwer angeschlagen. Das erfüllt mich schon mit gewisser Sorge – lange können wir uns die derzeit chaotischen wirtschaftlichen Verhältnisse tatsächlich nicht leisten. Der Verkehr funktioniert nicht mehr richtig, die Versorgung mit Lebensmitteln ist schwieriger geworden, die Leute würden radikalisiert, wenn die Wirtschaft längere Zeit am Boden läge.

Weshalb? Ich sehe es ganz praktisch im Ferienresort El Gouna. Ein Beispiel: Durch das Sperren des Internets kommen einerseits die Angestellten nur noch erschwert an ihre Konten, und andererseits können wir unsere Angestellten nicht mehr bezahlen. Das könnte längerfristig für Missmut sorgen.

Das bereits seit einigen Jahren schwierige wirtschaftliche Umfeld mit einer grossen Arbeitslosigkeit war ja auch Mitauslöser der laufenden Revolte. Das hat sicher mitgespielt, ich erachte dies aber nicht als Hauptursache. Da Schlimmste für die Leute sind die jahrelange Unterdrückung durch das Regime und die Demütigungen. So gab es etwa bei den letzten Parlamentswahlen im vergangenen November offensichtlichen Wahlbetrug. Jetzt ist das Fass übergelaufen. Die Bürger haben gemerkt, dass es mit dem heutigen System nicht mehr vorwärtsgeht.

Und hat Sie das nach den Ereignissen in Tunesien auf die Strasse getrieben? Es sind nicht die armen Leute, welche aufgestanden sind. Die Jugend hat den Protest initiiert. Es ist eine Facebook- und Twitter-Revolution. Ihr ist es auch zu verdanken, dass die Bewegung eher einem Social Event gleicht als einem wütenden Aufstand.

Was bedeutet die Grossdemo vom Dienstag für Ägypten? Sie wird den politischen Umbau des Landes mit Gewissheit vorantreiben.

Wie lange kann sich Mubarak noch an der Macht halten? Das ist schwierig zu beantworten. Von einem sofortigen Rücktritt bis zu einem Abgang bei den Präsidentenwahlen im Herbst ist alles möglich.

Befürchten Sie, dass Ägypten von den Islamisten vereinnahmt wird? Nein. Das Volk ist reif genug, dass es sich nicht erneut von Extremen geisseln lässt.

Berner Zeitung

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