Hoffnungsstreifen trotz allem

Drei Jahre war Gaza abgeriegelt. Jetzt bringen Lastwagen wieder Waren zu vernünftigen Preisen in das Palästinensergebiet.

Den Reichen gehts auch hier gut: Eingang zum Oberschicht-Einkaufszentrum Gaza Mall.

Den Reichen gehts auch hier gut: Eingang zum Oberschicht-Einkaufszentrum Gaza Mall.

(Bild: Reuters)

Eine Veränderung ist Lana Shaheen, einer jungen Journalistin aus Gaza City, sofort aufgefallen: «Endlich muss man Cola-Dosen nicht mehr abwaschen, bevor man aus ihnen trinkt», sagt sie. «Cola aus Israel ist teurer als die Cola, die aus Ägypten nach Gaza geschmuggelt wird. Aber sie schmeckt besser, und die Büchsen sind nicht voller Sand aus den Schmugglertunnel», sagt Shaheen.

Fabriken mussten schliessen

Der Run auf die neu gefüllten Regale mit Erfrischungsgetränken aus Israel ist gross. Trotzdem wird es noch dauern, bis sich der Gazastreifen von der jahrelangen Blockade durch Israel erholt hat. «Grundlegend hat sich kaum etwas verändert», sagt der Anwalt und Menschenrechtler Raji Surani.

Die Wirtschaft liegt brach: Die meisten Fabriken mussten schliessen, weil sie wegen der Abriegelung keine Rohstoffe mehr importieren konnten. Die Arbeitslosigkeit liegt nach offiziellen Angaben bei 68 Prozent. Dass Israels Regierung nach der blutigen Erstürmung eines türkischen Hilfsschiffes vor einem Monat die Blockade des Gazastreifens gelockert hat, wird daran vorläufig nichts ändern.

Mehr Güter zugelassen

Manche glauben dennoch an ein baldiges Ende der Belagerung. Die Preise von Gebrauchtwagen fielen bereits um 50 Prozent, weil Israel die Einfuhr von Autos gestatten will. Auch andere Güter sind wieder erschwinglich, seit mehr Lastwagen in den Gazastreifen hinein dürfen. Während der Blockade kamen im Durchschnitt 100 Lastwagen am Tag nach Gaza, jetzt sind es durchschnittlich 180, die von den Israeli über den Grenzübergang Kerem Shalom gelassen werden. Nicht nur der Umfang, auch die Vielfalt hat zugenommen. Bisher durften nur Güter hinein, die sich auf einer Geheimliste befanden. Jetzt ist es umgekehrt: Hinein darf alles, ausser jene Dinge, die explizit auf einer Liste stehen – dazu gehören zum Beispiel Waffen, gewisse Dünger, Nachtsichtgeräte, Drehbänke oder auch Epoxykleber.

Prinzipiell konnte man auch bisher in Gaza alles kaufen, wenn auch zu einem hohen Preis, weil die Waren durch Tunnel unter der Grenze zu Ägypten hineingeschmuggelt werden mussten. Der Schmuggel ermöglichte der Oberschicht ein gutes Leben: Sie trifft sich in Luxusrestaurants, schwimmt daheim oder in einem kürzlich eingeweihten Schwimmbad und kauft in einem nagelneuen Einkaufszentrum ein, der Gaza Mall, die vor wenigen Tagen ihre Türen öffnete.

Viele Palästinenser schlucken Betäubungsmittel

«Das Problem ist nicht, dass zu wenig reinkommt, sondern dass nichts rausgeht», sagt Chris Gunness, Sprecher des UNO-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge. Vor zehn Jahren arbeiteten 26'000 Palästinenser aus Gaza in Israel, jetzt dürfen höchstens noch 100 Menschen am Tag nach Israel, meist für medizinische Behandlungen. «Rund 80 Prozent der Bewohner Gazas hängen von uns ab», sagt Gunness. «Mehr Hilfslieferungen ändern daran nichts. Sie brauchen Rohstoffe für Fabriken und die Möglichkeit, ihre Produkte zu exportieren.»

Viele Palästinenser wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, und sie schlucken Betäubungsmittel. Hilflose Ehefrauen drängen in die psychologischen Kliniken, um Hilfe für ihre Männer zu suchen, die daheim tagelang benommen auf dem Boden liegen.

Die Hamas profitiert erneut

Baumaterialien dürfen weiterhin nur in begrenzter Menge eingeführt werden. Die israelische Armee bewilligte 41 Bauprojekte. «Diese Erleichterungen sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Gunness, «im letzten Krieg wurden 60'000 Häuser beschädigt. Wir mussten etwa 39'000 Schulkinder abweisen, weil wir keine neuen Klassenzimmer bauen können. Die gehen jetzt in die Schulen der Hamas.» Die Menschen in und um Gaza sind sich einig, dass die Islamisten politisch zuerst von der Blockade und jetzt von den Erleichterungen profitieren: «Für sie sind es ideale Bedingungen», sagt Anwalt Surani. «Viele hassen die Hamas und machen sie für unsere Misere verantwortlich», sagt ein Journalist aus Gaza, der anonym bleiben will: «Aber sie haben Angst zu protestieren.»

Im vergangenen Jahr soll die Hamas mindestens 62 Menschen auf offener Strasse erschossen haben, schätzt der palästinensische Menschenrechtler Bassam Eid. Nun hat die Hamas damit begonnen, vermeintliche Kollaborateure hinzurichten. Sie verurteilte 20 Menschen zum Tode, fünf wurden bereits hingerichtet. Verhaftungswellen gegen politische Gegner gehören zum Alltag.

Islamisten kontrollieren die Bevölkerung

Noch ist die Macht der Hamas nicht absolut. «Sie sind sehr vorsichtig», sagt die Journalistin Shaheen. Und Anwalt Surani sagt: «Hier in Gaza lebt die stärkste Zivilgesellschaft der arabischen Welt. Die andauernde Abhängigkeit könnte sie jedoch zerstören.»

Trotzdem versuchen die Islamisten, der Bevölkerung ihren islamischen Lebensstil aufzuzwingen: Mal erliess die Hamas ein Verbot für Männer, Frauen die Haare zu schneiden. Dann wollte sie weiblichen Anwälten und Schülerinnen den Schleier aufzwingen. Frauen dürfen in Gaza nicht mehr Motorrad fahren oder nach Mitternacht auf Partys gehen. Seit Mitte Juli dürfen sie auch keine Wasserpfeifen mehr rauchen.

Immer neue rigorose Regeln

Viele dieser Regeln werden allerdings nicht durchgesetzt. «Sie haben ein Gespür für die Stimmung», sagt Shaheen. Die Gesetze würden nur durchgesetzt, wenn es keinen Aufschrei gebe. Löse ein Dekret jedoch Proteste aus, «macht die Hamas ganz schnell einen Rückzieher und behauptet, sie sei missverstanden worden». Trotzdem erlassen die Islamisten immer weitere rigorose Regeln. Diese Woche verhängte sie ein Verbot, Damenunterwäsche in Schaufenstern auszustellen. Ein T-Shirt-Produzent wurde verhaftet, weil er «Porn Man Clothing» auf seine Hemden gedruckt hatte. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit wurde die Kontrolle über die Wirtschaft jedoch zum wichtigsten Machtinstrument der Hamas: «Wer nicht Mitglied der Hamas ist, findet in Gaza keinen Job», sagt K. aus Gaza, der ungenannt bleiben will.

Militante Palästinenser haben am Freitag zum ersten Mal seit anderthalb Jahren wieder eine Rakete aus dem Gazastreifen auf die südisraelische Stadt Ashkelon abgefeuert. Die Rakete explodierte in einem Wohngebiet. Verletzt wurde niemand. Es entstand aber Sachschaden. Ashkelons Bürgermeister Benny Waknin sprach vom schwersten Zwischenfall seit der Offensive der israelischen Armee im Gazastreifen Anfang 2008. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte, der Angriff werde sehr ernst genommen. Dies wurde als Hinweis auf eine militärische Reaktion gewertet. Bei der Rakete handelte es sich um ein rus-sisches Modell vom Typ Grad. Solche Raketen werden vermutlich durch die bekannten Tunnel von Ägypten aus in den Gazastreifen geschmuggelt. Derweil forderte der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen Israel auf, die Blockade des Gazastreifens aufzuheben.

Tages-Anzeiger

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