Hinter der Mauer liegt Syrisch-Kurdistan

Reportage

In Syrien haben PKK-Anhänger autonome Kurdengebiete ausgerufen. Die Türkei baut entlang der syrisch-türkischen Grenze eine Mauer – um die Kurden beiderseits der Grenze zu trennen, glauben viele.

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Anita Bachmann@anita_bachmann

Olivenbäume säumen die Strasse. Bald wird das Strässchen zum Weg, schliesslich sind es nur noch Fahrspuren, die sich zwischen den Baumreihen immer öfter verzweigen. Die ersten Kirschbäume blühen. Die Grenze zu Syrien ist keine fünf Kilometer entfernt. Vereinzelte Schüsse sind zu hören, sie kommen von den umkämpften Grenzorten. Ein Mann taucht zwischen den Olivenbäumen auf. Er sieht wie ein Bauer aus, ist aber ein Beobachter der türkischen Grenze und sagt, es sei alles ruhig.

Leider hat er sich getäuscht. Die Grenze ist nun in Sichtweite, erkennbar als weisser Streifen. Der Strich in der Landschaft entpuppt sich als langer Schutthügel. Wie aus dem Nichts taucht darauf ein türkischer Soldat auf. Unser schwarzer Pick-up mit den getönten Scheiben wendet. Das nächste Ziel ist ein kleiner Grenzwachtturm einige Hundert Meter östlich. «Wenn nur wenige Soldaten dort sind, kann man sie bestechen. Manchmal reicht eine Stange Zigaretten», sagt der Fahrer. Aber es sind zu viele Soldaten, der Handel kommt nicht zustande. An der Grenze arbeitet ein Bagger. Wenige Hundert Meter weiter wird klar, was dies zu bedeuten hat. Hier ist die Mauer schon fertig. «Entlang der ganzen Grenze mit Syrien bauen die Türken eine Grenze», sagen die Schlepper. Vor drei Monaten hätten die Bauarbeiten begonnen, die Mauer soll sich über 800 Kilometer entlang der syrisch-türkischen Grenze erstrecken, werden Syrer später auf der anderen Seite erklären.

Zwei Millionen Flüchtlinge

In einem kleinen türkischen Dorf direkt an der Grenze ist die Fahrt im Pick-up zu Ende. Die Grenzmauer hebt sich wie ein weisser Strich von der Landschaft ab. Ein türkischer Panzer braust die Mauer entlang – und einige Minuten später wieder zurück. Das ist der Moment. Unser Grüppchen verlässt das Dorf durch einen Hühnerhof. «Beeilt euch!», «Kopf einziehen!», «Keine Angst haben», kommandiert der hinterste Mann. An dieser Stelle führt ein Entwässerungsrohr unter der Mauer durch, der Durchmesser ist gross genug, um mit eingezogenem Kopf durchzueilen. Auf der anderen Seite der Mauer, auf syrischem Boden, führt ein schmaler brauner Pfad den Hügel hoch. Auf dem Weg sei es sicher, links und rechts sei das Terrain vermint, sagen die Schlepper.

Zurzeit ist das Kurdengebiet um Afrin praktisch der einzige Ort im Norden Syriens, wo Journalisten überhaupt noch hinkönnen. Da die offiziellen Grenzübergänge zwischen der Türkei und Syrien unpassierbar geworden sind, weil die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) und die Al-Nusra-Front die Zufahrtsstrassen kontrollieren, bleibt nur der Weg über die grüne Grenze. Nebst der Hauptstadt Afrin gehören sieben weitere kleinere Städte und 365 Dörfer zum Bezirk. Und hier ziehen die Flüchtlingsströme aus Aleppo und anderen umkämpften Orten durch. «Bis jetzt sind sicher zwei Millionen Flüchtlinge durch Afrin gegangen», sagt ein syrischer Zollbeamter. Die Region Afrin ist aber abgeschnitten. Im Süden nähmen die Isis-Terroristen der Bevölkerung bei den Strassenblockaden alles Essen ab. Im Norden bewacht die türkische Armee die Grenze. Vor wenigen Monaten kam es deswegen zu Demonstrationen auf der syrischen Seite, bis zu 5000 Personen sollen für eine Öffnung der Grenze protestiert haben. Doch statt einer Öffnung kommt nun die Mauer.

Auf einem Hügel wartet ein Jeep, er bringt uns in eines der ersten Dörfer auf syrischer Seite. Die Bewohner möchten den Namen ihres Dorfes nicht in der Zeitung stehen haben, damit die Türken die Grenze nicht noch strenger bewachten. Die Grenze bereite ihnen viele Schwierigkeiten. Immer wieder würden Menschen getötet, wenn das türkische Militär schiesse. Andere würden verhaftet, Autos beschlagnahmt. Ein junger Mann gesellt sich zur Gesprächsrunde, er hat ein Bein verloren, weil er auf eine Mine getreten ist. Dort, wo eine Mauer wegen der Topografie nicht möglich sei, bauten die Türken einen Graben, drei Meter breit und drei Meter tief.

An diesen Stellen versuche man den Graben mit Erde zu füllen, um die Grenze trotzdem mit Autos passieren zu können, doch das errege viel Aufmerksamkeit und sei gefährlich. Nicht nur Lebensmittel, Medikamente und andere überlebenswichtige Güter passieren die grüne Grenze. Ebenso verlässt Exportware das Land auf diesem Weg, Helfer kommen, Flüchtlinge gehen. «Auch Verletzte werden über diesen Weg transportiert, aber bis sie in der Türkei sind, sind sie meistens tot», sagt ein Dorfbewohner.

«Die Mauer ist politisch»

An anderen Orten wird seit längerem an der Mauer gebaut. Im Herbst gab es in der Türkei Proteste gegen den Mauerbau in der Region von Qamishli, einer syrischen Grenzstadt 400 Kilometer östlich. Gemäss Medienberichten dient das Bauwerk der Türkei als Hindernis für Schmuggler und Kriminelle. Doch in Syrien ist nur eine Erklärung zu hören: «Die Mauer ist politisch, sie soll die Kurden trennen.» Beiderseits der Grenze leben Kurden. Während in der Türkei Bemühungen aufgenommen wurden, mit den Kurden Frieden zu schliessen, sind auf syrischer Seite in den letzten Monaten autonome Provinzen ausgerufen worden.

Dies, nachdem das Regime von Bashar al-Assad die Kurdengebiete im Dezember 2012 an die PYD übergeben hatte. Die PYD ist die syrische Schwesterpartei der türkischen PKK, die kurdische Arbeiterpartei kämpft seit 30 Jahren für die Autonomie der türkischen Kurdengebiete. PYD-Leute bestreiten zwar die Nähe zur PKK, bezeichnen Abdullah Öcalan aber als ihren Führer. Während Syrien immer tiefer im Kriegschaos versinkt, kann die Türkei nun ungesehen eine Mauer bauen. «Die Mauer sollte Thema in Brüssel sein», sagt ein syrisch-kurdischer Lokalpolitiker.

In der Dämmerung geht die Reise weiter nach Afrin. Der Fahrer, ein hoher Zollbeamter, erklärt, die Autos führen ohne Licht, damit sie von Isis-Scharfschützen nicht gesehen würden. Die Kabel zu Brems- und Rückfahrlichtern seien bei den meisten Autos durchgeschnitten. Ein Hügel am Rande des Bezirks markiert die Front zwischen Isis und YPG, der bewaffneten kurdischen Miliz in Syrien. Obwohl die Miliz die Präsenz der Freien Syrischen Armee (FSA) in den Kurdengebieten ablehnt, machen die beiden bewaffneten Gruppen in letzter Zeit manchmal gemeinsame Sache gegen die Terrorgruppe Isis.

In regelmässigen Abständen gibt es Kontrollposten: Aufgeschüttete Erdhügel versperren abwechselnd eine Strassenseite, sodass die Autos die Kontrollposten nur im Slalom passieren können. Männer mit Kalaschnikows tauchen aus dem Dunkeln auf und winken das Auto durch. Eingangs der Stadt hat die Sicherheitsorganisation des Autonomiegebietes seine Strassensperren aufgebaut. Sie ist eine Art Polizei, nennt sich Asayish und sucht unter anderem nach Autobomben, weil es in der Vergangenheit immer wieder zu Anschlägen gekommen ist. Am Kontrollposten an der Einfallsstrasse nach Afrin schieben Frauen Wache. Eine streckt ihren Kopf ins Auto, lächelt und grüsst freundlich. «Fast die Hälfte bei Asayish sind Frauen», sagt der Fahrer.

Einparteiensystem installiert

Wie kommt es, dass die PYD, die als einzige kurdische Partei nicht beim wichtigsten syrischen Oppositionsbündnis Nationale Koalition mitmacht, in Afrin an der Macht ist? Kritische Beobachter sagen, die PYD habe schon vor der Revolution mit den Geheimdiensten des syrischen Regimes zusammengearbeitet. Fakt ist, dass das Regime die Kurdengebiete an die PYD übergab, damit sich Assads Armee um wichtigere Brennpunkte wie Aleppo oder Damaskus kümmern und die Kräfte für den Kampf gegen die FSA bündeln konnte. «Mit der Kurdenmiliz und der Sicherheitsorganisation Asayish hatten wir in der Übergangsphase ein Gewicht», sagt ein Mann, der sich als Badran Jiyaye kurd (kurdische Berge) vorstellt. Wie der Mann wirklich heisst, sagt er nicht.

Auf der Strasse nennen ihn alle nur Herrn Hassan. Bemühungen von aussen, alle Kurdenparteien unter dem «Hohen Kurdischen Rat» zu vereinigen, wurde von Leuten wie Herrn Hassan unterwandert, indem sie ein neues Gebilde, die Tev-Dem, gründeten. Der oberste Chef der Tev-Dem in Afrin ist Herr Hassan. Tev-Dem sei zuoberst, darunter seien die Miliz, Asayish, die PYD und die Jugendbewegungen vereinigt, sagt er. Die zahlreichen anderen kurdischen Parteien sind nicht dabei. «Mit den anderen Parteien habe es nicht gut funktioniert», sagt Herr Hassan. Unter Tev-Dem sei seit der Revolution alles organisiert, für Sicherheit gesorgt und gekämpft worden. «Deshalb haben sich die Leute bei uns gefunden», sagt er. Zudem habe sich in Irak-Kurdistan gezeigt, dass gemeinsames Regieren von mehreren Parteien sich nicht bewähre. Die Tev-Dem-Leute stammen nicht aus Afrin; woher sie gekommen sind, scheint ein Rätsel zu sein. Kritiker glauben, sie kämen direkt aus den Kandilbergen, dem Rückzugsort der PKK-Kämpfer.

Die Rechtfertigungen für das Einparteiensystem muss sich für andere kurdische Kräfte wie blanker Hohn anhören. Denn die PYD schlug Revolutionsbemühungen, die in Afrin nie richtig zum Blühen kamen, nieder. Gegen Kritiker und Mitglieder anderer Parteien geht die PYD mithilfe von Asayish mit harter Hand vor. Mehrere Leute erzählen von Nachbarn oder Bekannten, die zurzeit als politische Häftlinge im Gefängnis sitzen. Auf die Frage, ob die Journalistin auch mit Mitgliedern anderer Parteien sprechen dürfe, weicht Herr Hassan aus. Er wisse nicht, wo die seien.

Die Tev-Dem ist nun in Westkurdistan – so wird das kurdische Autonomiegebiet in Syrien genannt – daran, Regierungen zu installieren. Wahlen fanden keine statt. Es sei immer gesagt worden, erst müsse das Assad-Regime gestürzt werden, bevor die Kurdenfrage geklärt werden könne, sagt Herr Hassan. «In der Geschichte war das immer so, nie war der richtige Zeitpunkt für die Kurdenfrage.» Die Tev-Dem hat entschieden, dass es nun Zeit war, nutzte die Kriegswirren und füllte das Machtvakuum, welches das Regime hinterlassen hatte. Die neue Regierung in Afrin besteht aus 22 Ministern, die meisten gehören zur Tev-Dem. Wie viele genau, will Hevi Ibrahim Mustafa nicht sagen. Sie ist die Ministerpräsidentin und war von der Tev-Dem beauftragt worden, eine Regierung zu bilden. Während des Gesprächs wird klar: Sie ist eine Marionette und weiss weder, wie stark die Miliz ist, noch, wie viele Flüchtlinge sie in ihrem Regierungsgebiet zu versorgen hat.

Die Befreiung der Frauen

Kein Zufall ist es wohl, dass die Regierung von einer Frau angeführt wird. Bei jeder Gelegenheit wird der hohe Frauenanteil in allen Behörden, auch in der kurdischen Miliz, von mindestens 40 Prozent betont. «Es ist die Idee Öcalans», sagt eine junge, ernst wirkende Frau, die sich Sherin nennt. Sie leitet die Frauenabteilung bei der Sicherheitsorganisation Asayish. «Nur wenn die Frauen frei sind, kann ein Volk befreit werden», sagt sie. Wie sich die Gesellschaft organisiert, wenn viele junge Frauen plötzlich in den bewaffneten Kampf einrücken oder wie Sherin am liebsten 24 Stunden am Tag arbeiteten, kann sie nicht beantworten.

Besonders intensiv um die Frauenfrage kümmert sich Rokan Ahmad. Sie ist die Chefin von Star Union in Afrin, der Frauenorganisation auf Stufe Tev-Dem. Es gehe um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, sagt Ahmad. Star Union hat eine Akademie gegründet, in der nun Frauen «weitergebildet» würden. In Wahrheit geht es um die Verbreitung der Ideologien Öcalans und die Rekrutierung von Frauen für die Kurdenmiliz und Asayish. Dazu scheuen die Frauen von Star Union offenbar keinen Aufwand. Es seien lokale Komitees gegründet worden, welche alle Familien besuchen würden, damit für allfällige Probleme in den Familien eine Lösung gefunden werden könne.

Es lächelt der PKK-Führer

Angesichts des Leids und der katastrophalen humanitären Zustände in vielen Teilen Syriens geht es Afrin nicht schlecht. Die Strassen sind belebt, der Verkehr verstopft während der Rushhour die Hauptverkehrsader mitten durch die Stadt. Ein Geschäft reiht sich in dieser Strasse ans nächste. Nebst einfachen Essständen gibt es auch ein paar schicke Kleidergeschäfte. In Afrin gibt es fast alles, nur die Preise, die wegen der Inflation und der Schmuggleraufschlägen sehr hoch sind, können nur mehr die wenigsten bezahlen. «Es gab auch schwierigere Zeiten», sagt ein Seifenfabrikant. Trotz des Mauerbaus an der türkischen Grenze und Isis im Süden ist die Versorgungslage offenbar besser als noch vor ein paar Monaten.

Die Generatoren, die in Hinterhöfen oder gleich auf den Trottoirs lärmen, produzieren Strom. Auch die Sicherheitslage ist verhältnismässig stabil. Trotzdem seien die Leute unzufrieden, sagt ein Anwalt. Politische Partizipation gibt es keine, die Assad-Porträts seien mit Öcalan-Bildern ausgewechselt worden. Überall lächelt der PKK-Führer von Plakaten und Wänden. Am Stadteingang, in Behördenbüros, im Spital. Auf den Gebäuden, die die neue Regierung für öffentliche Zwecke beschlagnahmt hat, wehen Fahnen in den Parteifarben der PYD: Gelb, Rot, Grün. Laut Kritik zu üben, traut sich niemand. Hinter vorgehaltener Hand wird etwa erzählt, dass man Papiere unterschreiben müsse, auf denen stehe, man sei mit Öcalan. Auch die hohen Steuerabgaben werden kritisiert, das meiste Geld fliesse wohl in die Kandilberge.

Der Bund

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