Gnade für Kreuzritter der Apartheid

Er war «prime evil», der brutalste Killer des südafrikanischen Apartheidregimes. Nach 20 Jahren im Gefängnis wird Eugene de Kock nun vorzeitig entlassen.

«Ich war der wirkungsvollste Killer des Staates»: Eugene de Kock vor der südafrikanischen Wahrheitskommission.

«Ich war der wirkungsvollste Killer des Staates»: Eugene de Kock vor der südafrikanischen Wahrheitskommission.

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Als Pulma Gobodo-Madikizela den «obersten Verbrecher» im Gefängnis von Pretoria besuchte, war sie frappiert. Eugene de Kock, der Kampfhund des Apartheidregimes, war kein Monster, sondern blass und unscheinbar. «Er war höflich, umgänglich, eigentlich ein Durchschnittsmensch», sagte die südafrikanische Psychologin in einem Interview mit dem «Spiegel». Oberst de Kock war der höchst dekorierte Polizist des Landes. Er kommandierte von den 80er- bis Anfang der 90er-Jahre Vlakplaas, die ehemalige Sondereinheit C1 der Südafrikanischen Polizei. Die geheim operierende Einheit war eine Todesschwadron, sie verfolgte jeden Gegner des rassistischen Regimes. Der Bure de Kock habe sich als «Kreuzritter für die Apartheid» gefühlt, der gegen die «swart gevaar», die «schwarze Gefahr» einen Heiligen Krieg führte, sagte Psychologin Gobodo-Madikizela.

Nun hat die südafrikanische Justiz am Freitag verfügt, Eugene de Kock auf Bewährung freizulassen. Justizminister Michael Masutha sagte, dieser Entscheid diene der weiteren Aussöhnung des Landes. Nach dem Ende der Apartheid war der heute 66-jährige de Kock 1996 zu zweimal lebenslänglich und weiteren 212 Jahren Haft verurteilt worden. Er war schuldig befunden worden in 89 Anklagepunkten, darunter sechsfacher Mord, Anstiftung zum Mord in zwei Fällen, Waffenschieberei, Betrug und Diebstahl.

Die Methode «Buddha»

«Ich war der wirkungsvollste Killer des Staates», sagte de Kock vor der Wahrheitskommission, die 1994 nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika eingesetzt worden war. Er berichtete, wie er und seine Spezialtruppe mehrere Mitglieder des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der Partei Nelson Mandelas, jagten und töteten. Nicht nur in Südafrika, sondern auch in Lesotho, Swasiland, Zimbabwe oder Angola. Einen Regimegegner soll der erste Killer des Staats eigenhändig totgeschlagen haben. Um die Leichen spurlos verschwinden zu lassen, wurde die Methode «Buddha» angewandt: Die leblosen Körper wurden so oft gesprengt, bis nur noch Fetzen übrig blieben.

Nach jeder gelungenen Aktion gab es zu Hause ein Grillfest mit Burenwurst, Bier und einer Dankesrede des Polizeiministers. Die Befehle für die Attentate seien direkt von der Spitze gekommen, sagte de Kock, der sich vor Gericht als Bauernopfer ausgab. Er nannte als Auftraggeber die Namen mehrerer Minister, Präsident Pieter Willem Botha sowie dessen Nachfolger Frederik Willem de Klerk, den Träger des Friedensnobelpreises von 1993. In einem Interview aus dem Gefängnis heraus beschuldigte de Kock 2007 den letzten weissen Präsidenten Südafrikas, seine Hände seien «in Blut getränkt», weil er Tötungen angeordnet habe. De Klerk wies die Anschuldigungen zurück, er habe ein reines Gewissen, berichtete die BBC.

Schuldgefühle sind echt

«Diejenigen, die die Befehle erteilten, müssen nicht mit dem Tod leben. Mich aber werden die Albträume ewig verfolgen», sagte de Kock weiter. In den 20 Jahren hinter Gittern nahm der Massenmörder Kontakt auf mit den Familien seiner Opfer und bat um Vergebung. Aber ist seine Reue echt? «Ich zweifle nicht daran», sagte Psychologin Gobodo-Madikizela, die von 1996 bis 1998 der Wahrheitskommission angehörte. Nach einer ihrer Begegnungen in der Zelle, habe de Kock sichtlich mit sich gerungen, sich auf die Zunge gebissen und dann gefragt: «Habe ich je einen Ihrer Freunde oder Verwandten umgebracht?» Diese Frage, so Gobodo-Madikizela, hätte er ohne Schuldgefühle nie so stellen können.

Ausserdem habe de Kock selbst während des Rassenkrieges eine merkwürdige Form von Moral gezeigt, sagte die Professorin der Universität Kapstadt. Er habe seine Mordkommandos jeweils sofort gestoppt, wenn irgendwo in der Nähe Kinder spielten. Selbst Vater von zwei Kindern, wollte er andere Kinder nicht in Gefahr bringen. «Ist das nicht höchst widersprüchlich? Wie kann jemand, der grausame Morde begeht, plötzlich solche Anwandlungen von Menschlichkeit haben?» Gobodo-Madikizela hat ihre Begegnungen mit Eugene de Kock in ihrer Doktorarbeit beschrieben. Sie erschien unter dem Titel «Das Erbe der Apartheid – Trauma, Erinnerung, Versöhnung» auch auf Deutsch. Darin empfahl sie der südafrikanischen Regierung, eine Begnadigung de Kocks nicht auszuschliessen.

Justizminister Michael Masutha sagte am Freitag, Ort und Zeitpunkt von Eugene de Kocks Entlassung würden nicht bekannt gegeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2015, 16:51 Uhr

«Er war höflich, umgänglich, eigentlich ein Durchschnittsmensch»: Psychologin Pulma Gobodo-Madikizela, die Eugene de Kock im Gefängnis von Pretoria besucht hat.

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