Frau bringt vor Wahllokal in Kenia ein Mädchen zur Welt

Wähler haben einer Frau geholfen, die mitten in der Warteschlange während den Präsidentschaftswahlen Wehen bekam. Ihrem Kind gab sie einen nüchternen Namen.

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Die Warteschlagen vor den Wahllokalen haben bei manchen Kenianern am Dienstag Ärger ausgelöst – einer Frau aber kam die Wartezeit gerade recht: Sie brachte am Wahllokal ihr Kind zur Welt und ging nach der Geburt trotzdem noch wählen.

Paulina Chemanang hatte noch keine Wehen, als sie sich am Morgen im abgelegenen Bezirk West Pokot zu ihrem Wahllokal aufmachte, wie sie dem Lokalsender Capital FM berichtete. «Ich hatte keine Wehenschmerzen, die kamen erst, sobald ich da war.»

Geboren und gewählt

Wenig später brachte sie – mit Hilfe anderer wartender Wähler – ein Mädchen an dem Wahllokal zur Welt. Nachdem sie sich in die örtliche Klinik zu einer Kontrolluntersuchung begeben hatte, kehrte die Frau zum Wahllokal zurück, um ihre Stimme für die Präsidenten- und Parlamentswahl abzugeben.

«Jetzt bin ich glücklich, weil ich das Kind geboren und gewählt habe», sagte sie. Ihr Baby nannte sie Chepkura – in der Suaheli-Sprache bedeutet das «Vor der Wahl».

20 Millionen Wahlberechtigte

Die Kenianer haben am Dienstag über ihr Staatsoberhaupt abgestimmt. Schon vor Sonnenaufgang reihten sich viele in langen Schlangen ein, um zwischen dem amtierenden Präsidenten Uhuru Kenyatta und seinem Herausforderer Raila Odinga zu entscheiden. Daneben galt es, mehr als 1800 gewählte Ämter neu zu besetzen, darunter Gouverneure und Bezirksvertreter. Auch das Parlament wurde neu gewählt.

Etwa 20 Millionen Wahlberechtigte waren zur Stimmabgabe aufgerufen. Umfragen sagten ein knappes Rennen zwischen Kenyatta und Odinga voraus. Die Wahllokale sollten um 16.00 Uhr deutscher Zeit schliessen. Der 55-jährige Kenyatta verwies im Wahlkampf auf grosse Infrastrukturprojekte und ein starkes Wirtschaftswachstum. Odinga präsentierte sich als Anwalt der Armen und Kämpfer gegen die Korruption. Der 72-Jährige gab seine Stimme in der Oppositionshochburg Kibera in der Hauptstadt Nairobi ab.

Massai in traditioneller Kleidung

Viele Kenianer dürften ihre Wahlentscheidung aber nach Volkszugehörigkeit treffen. Kenyatta gilt als Kandidat der Kikuyu, der grössten Volksgruppe Kenias. Odinga stützt sich vor allem auf die Luo, die noch nie das Staatsoberhaupt des Landes stellten.

Im Dorf Il Bissil standen mehr als 300 Menschen, darunter in traditionelle rote Tücher gekleidete Angehörige der Massai, stundenlang im Dunkeln, bevor die Wahllokale am frühen Morgen öffneten. Das kenianische Fernsehen zeigte auch lange Schlangen in der Hafenstadt Mombasa.

Frühstück nach der Stimmabgabe

«Das Prozedere ist sehr langsam, aber ich bin mit dem Einsatz zufrieden», sagte der 34-jährige Fred Nyakundi. Er werde jetzt sein Teppichgeschäft öffnen und auf Ergebnisse warten. Die 41 Jahre alte Fatuma Ramadhan öffnete gleich nach der Stimmabgabe ihr Restaurant und servierte anderen Wählern Frühstück.

Internationale Beobachter äusserten sich zunächst zufrieden mit dem Wahlverlauf. «Es hat bisher keine Zwischenfälle gegeben», sagte der Chef der Beobachtergruppe des Commonwealth, Ghanas früherer Präsident John Mahama. Die Abstimmung verlaufe anscheinend glatt. Unter den Wahlbeobachtern ist auch der frühere US-Aussenminister John Kerry.

Technik spielt wichtige Rolle

Der Oppositionsabgeordnete Ken Okoth sagte, es gebe die Befürchtung, dass nicht alle Wähler in den Verzeichnissen stünden. Er hoffe, die Auszählung laufe so glatt wie die Wahl selbst.

Ob es nach der Abstimmung friedlich bleibt, hängt wohl vor allem von der Leistung der kenianischen Wahlkommission ab. Sie erklärte bereits, dass 25 Prozent der Wahllokale keine Netzabdeckung hätten. Behördenmitarbeiter müssen demnach an Orte mit besserem Signal gehen, um die Ergebnisse von dort aus per Satellitentelefon zu übertragen. Die Wahlkommission hat laut Gesetz eine Woche Zeit, um die Ergebnisse aus den etwa 40'000 Wahllokalen bekannt zu geben. Analysten erwarteten aber, dass es womöglich nur ein bis zwei Tage dauert.

Aufruf zu Freundschaftlichkeit

Bei der Präsidentenwahl muss ein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen gewinnen, um schon in der ersten Runde zum Sieger erklärt zu werden. Ausserdem muss er in mindestens 24 der 47 Bezirke jeweils wenigstens ein Viertel der Wähler hinter sich bringen. Ansonsten treten die beiden Bestplatzierten in einer Stichwahl gegeneinander an.

«Wie ihr gewählt habt, sollte nicht euer Verhalten gegenüber eurem Nachbarn widerspiegeln oder ändern», sagte Kenyatta am späten Montagabend. «Schüttelt Hände, teilt ein Essen zusammen und sagt ihnen »Lasst uns auf die Ergebnisse warten«, denn Kenia wird noch lange nach dieser Wahl bestehen.» (oli/sda)

Erstellt: 08.08.2017, 20:25 Uhr

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