Ein Schiff wird kommen

Die Flüchtlingskrise bringt die Hafenstädte in Süditalien an den Anschlag. Die Wut in der Bevölkerung nimmt zu.

Ankunft des deutschen Kriegsschiffs Rhein am 15. Juli im Hafen von Corigliano Calabro. An Bord sind 923 Migranten, fast alle aus Afrika, darunter auch 203 unbegleitete Jugendliche. Foto: Alfonso Di Vicenzo (Light Rocket, Getty Images)

Ankunft des deutschen Kriegsschiffs Rhein am 15. Juli im Hafen von Corigliano Calabro. An Bord sind 923 Migranten, fast alle aus Afrika, darunter auch 203 unbegleitete Jugendliche. Foto: Alfonso Di Vicenzo (Light Rocket, Getty Images)

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Der Anruf kam vom Präfekten: Es sei wieder so weit. Bürgermeister Giuseppe Geraci solle sich bereithalten. Diesmal sei es ein deutsches Kriegsschiff namens Rhein, das den Hafen von Corigliano Calabro ansteuere. 923 Migranten seien an Bord, darunter viele Minderjährige ohne Begleitung. Geraci wusste, was das für ihn bedeutete. Polizei alarmieren, das Rote Kreuz, die Caritas und alles am Quai vorbereiten, damit die Ankömmlinge sofort versorgt werden konnten. Fast schon Routine. Immerhin war es bereits das 16. Boot, das seit Anfang 2015 Corigliano anlief. 7000 Flüchtlinge waren seitdem in dem süditalienischen Städtchen am Ionischen Meer an Land gegangen. Nun kamen fast 1000 hinzu.

An sich konnte das den Bürgermeister nicht mehr schrecken. Was Geraci dagegen verstörte, war die Sache mit den Minderjährigen. Die Erwachsenen würden nach ihrer Ankunft über ganz Italien verteilt werden. Die allein geflohenen Kinder und Jugendlichen aus Nigeria, Guinea, Burkina Faso oder Eritrea aber, die würden hierbleiben. Um sie musste er sich kümmern.

Als dann am 15. Juli die Rhein anlandete und auch 203 unbegleitete Jungen und Mädchen mitbrachte, wusste der Bürgermeister immer noch nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Wieder einmal fühlte er sich im Stich gelassen, von der Regierung im fernen Rom – und vom noch ferneren Europa. So wie ihm geht es vielen seiner Kollegen in Süditalien, wo derzeit fast alle Flüchtlinge ankommen, die nach Europa wollen. Dieses Jahr sind es schon 94'000.

«Auf uns Bürgermeistern lastet alle Verantwortung bei diesem epochalen Notstand», sagt Geraci in seinem Büro. Dabei hätten sie es hier in Kalabrien, der ärmsten Region des Landes, ohnehin schon schwer. Der Mann wirkt scheinbar unbewegt, doch sein ständiges Klicken mit dem Kugelschreiber verrät Nervosität. «Städte wie Corigliano können die Grundbedürfnisse der Bürger kaum erfüllen: Strom, sauberes Wasser, ordentliche Schulen», fährt er fort. Geraci könnte noch die in Kalabrien übermächtige Mafia namens ’Ndrangheta hinzufügen. «Wir tun, was wir können für die Migranten», sagt er. «Klar müssen wir helfen. Aber alles, was wir für sie aufwenden, nehmen wir unseren Bürgern weg.» Noch gebe es nur wenig offenen Protest. Doch im Volk gäre es. «Wenn weitere Schiffe kommen, werden wir unglaubliche Probleme bekommen.»

Immerhin, das Problem mit den 203 Jugendlichen ist fürs Erste gelöst. Sie sind in einem Hotel untergekommen, das die Justiz als mutmassliches ’Ndrangheta-Vermögen beschlagnahmt hat. Bereits nach einem Tag sind 15 Jugendliche getürmt. Niemand weiss, wohin. Die Polizei ist zu überlastet, um die Region flächendeckend zu überwachen.

Was lässt sich tun? Der Bürgermeister wirft die Hände in die Höhe. «Dieses Problem kann nicht Italien überlassen werden. Falls es Europa gibt, muss es helfen.» So ist es überall in Kalabrien zu hören. Wobei die Menschen weniger erbost als perplex wirken. Wie kann es sein, dass die EU derart hilflos reagiert? Diese Frage stellen sich viele Kalabresen. Und wer durch die Region reist, fragt sich, was in anderen Teilen Europas los wäre, wenn den Menschen dort so viel zugemutet würde. Massendemos, Zulauf für rechte Parteien. Von alldem ist im Süden Italiens wenig zu spüren.

«Wir wissen, was es bedeutet, 
auswandern zu müssen.»

Antonio Gioiello, Psychologe und Betreuer

«Wir sind ein gastfreundliches Volk», sagt Antonio Gioiello, der als Psychologe in Corigliano arbeitet. In den Küstenorten habe es schon früher viele Afrikaner gegeben. Die Leute seien ihnen gegenüber nicht ablehnend. «Ausserdem sind wir Kalabresen selbst Kinder aus Migrantenfamilien. Wir wissen, was es bedeutet, auswandern zu müssen. Und wir haben hier selbst nicht viel zu verlieren.» Der zierliche Mann im himbeerfarbenen Polohemd lacht. «Vielleicht haben wir deshalb weniger Angst.»

Dennoch mache er sich Sorgen. «Die Leute haben genug. Wenn das so weitergeht, wird es gefährlich.» In Norditalien werde schon lange gegen die Flüchtlingsaufnahme agitiert, nun komme es auch hier im Süden zu ersten Protesten.

Vor allem aber ängstigt sich Gioiello um die minderjährigen Flüchtlinge. «Bis 2015 existierte das Problem nicht. Doch seither werden es immer mehr. Viele haben auf der Flucht so entsetzliche Dinge erlebt, dass ein junger Europäer sofort in eine psychiatrische Klinik müsste.» Doch diese Mädchen und Jungen aus Afrika zeigten unglaubliche Widerstandskraft. Am Ziel, in Europa, gerieten sie nun in besonders grosse Gefahr. «Wenn sie merken, dass sie kein Bleiberecht bekommen, hauen sie aus den Unterkünften ab.» Draussen warte ein Dschungel: Kriminelle setzten die Mädchen als Prostituierte, die Jungen als Billigstarbeiter zur Ernte oder im Drogenhandel ein.

Der Psychologe arbeitet ehrenamtlich als Präsident der gemeinnützigen Organisation Mondiversi. Sie hat Häuser und Wohnungen angemietet, um im Auftrag der Gemeinde minderjährige Flüchtlinge unterzubringen und zu betreuen. «Ich zeige ihnen unser schönstes Projekt», sagt er. In den Feldern vor der Stadt taucht ein Doppelbungalow auf. Ein Arzt habe sich damit übernommen und müsse das Gebäude nun vermieten, sagt Gioiello. «Für uns ist das Haus mit seinem grossen Garten ideal.»

25 Jugendliche haben Glück

25 Jungen und Mädchen, die meisten 16 oder 17 Jahre alt, sind hier untergebracht. Sie haben Glück, dass sie bei Mondiversi gelandet sind und nicht in einer der betrügerischen Hilfseinrichtungen, die mafiöse Gruppen gegründet haben. Gerade wird gekocht. Ein Jugendlicher aus Gabun rührt in einem Topf. «Unseren Betreuern ist das viel zu scharf, was wir so kochen», sagt ein Junge aus Senegal. Er und seine Freunde haben sich zum Trainieren Gewichte gebastelt, aus je zwei Plastikflaschen, die sie mit flüssigem Zement füllten und mit einem Besenstil verbanden. Aus alten Schachteln machten sie ein Damespiel. Sie richten sich in der Ungewissheit ein. Spätestens wenn sie 18 werden, müssen sie hier raus.

2015 sei er in seiner Heimat aufgebrochen, erzählt der Senegalese. Warum? «Ich wurde politisch verfolgt.» Man muss das nicht zwingend glauben, die jungen Leute werden in der Heimat instruiert, wie sie sich in Europa verhalten sollen. Als Wirtschaftsflüchtling sollte man sich nicht ausgeben. Der Senegalese jedenfalls hat auf der Ladefläche eines Pick-up die Sahara durchquert, da ging noch alles gut, vom Wassermangel abgesehen. Schlimm wurde es in all den Monaten, in denen er in einem Lager in Libyen auf die Überfahrt wartete. Das Gesicht des bislang munter plaudernden Jungen verschliesst sich. «Sehr schwierig» sei es dort gewesen, sagt er nur.

Die Jugendlichen hoffen, in Italien bleiben zu dürfen. Einfach wird das nicht. Die Anerkennungsverfahren dauern bis zu ein Jahr. Danach wird man als Flüchtling oder aus humanitären Gründen akzeptiert – oder abgewiesen. Viele tauchen dann unter. Allein aus diesem Haus sind schon zehn Jugendliche verschwunden. Wohin, weiss niemand.

Etliche solcher Fälle landen auf dem Schreibtisch von Eugenio Facciolla, dem für die Gegend zuständigen Staatsanwalt in der Stadt Castrovillari. Die Fahrt dorthin führt am Ionischen Meer entlang. Im Schatten einer Brücke stehen zwei schwarze Prostituierte. Ein paar Kilometer weiter, bei einer Tankstelle, sitzt eine Migrantin unter einem Sonnenschirm und spreizt die Schenkel. Dann geht die Fahrt weiter ins Landesinnere.

Der Justizpalast am Stadtrand von Castrovillari: Stahlzäune, Sicherheitsschleusen. Staatsanwalt Facciolla gehört zu jenen Staatsdienern, denen in Italien die Heldenrolle auferlegt ist. Er muss in Kalabrien unter Gefahr für Leib und Leben Recht und Gesetz eines Zentralstaates hochhalten, der hier oft als Besatzungsmacht wahrgenommen wird.

Zu Facciollas Feinden zählt die ’Ndrangheta, die als mächtigste Mafia der Welt gilt. Doch wenn es nur das wäre. Die Flüchtlingskrise hat dem Staatsanwalt weitere Gegner gebracht. «In den vergangenen Jahren haben wir 15 Schlepper zur Verurteilung gebracht», sagt er. «Doch das wird immer schwieriger. Heute fahren die Migranten nicht mehr in Schiffen mit Besatzung aufs Meer, sondern in Gummibooten ohne Kapitän. Das macht es oft unmöglich, die Schleuser zu fassen.»

Die ’Ndrangheta mischt mit

Aber wenn es nur die Schlepper wären. Das Schicksal der Minderjährigen treibt den Staatsanwalt noch mehr um. «Sie verschwinden in Gruppen. Irgendjemand holt sie aus den Unterkünften und bringt sie in die Berge. Wir wissen nicht, was dort mit ihnen geschieht. Weil ständig neue Schiffe ankommen, können wir nicht alles kontrollieren.»

35 Euro zahlt der Staat an Gemeinden für jeden untergebrachten Flüchtling, bei Minderjährigen sind es 45 Euro, auch wenn das Geld aus Rom nur langsam fliesst. Was hier nach Geld rieche, wecke sofort das Interesse der organisierten Kriminalität, sagt der Staatsanwalt. Die ’Ndrangheta habe viele Aufnahmezentren unterwandert. Doch nicht nur sie mästet sich an den Flüchtlingen. Daneben würden in seinem Distrikt Roma-Clans immer mächtiger, sagt Facciolla. Nun komme die nigerianische Mafia hinzu, die regelrechte Anlaufstellen in den Flüchtlingslagern unterhalte. Das alles verstöre zunehmend die Bürger. «Wir Kalabresen haben viele Defekte, aber wir sind ein gastfreundliches Volk», sagt Facciolla. «Aber immer mehr Bürger wenden sich jetzt gegen weitere Aufnahmen. Die Wut wächst.» Sie wächst auch in Francesco Sapia, dem Sprecher des Ortsverbandes Corigliano der fundamentaloppositionellen Bewegung Fünf Sterne. Er hat zu einer Demo am Hafen aufgerufen. «Wir wollen ja Flüchtlinge aufnehmen», sagt er. «Aber kontrolliert, begrenzt und verteilt.» Europa verrate Italien. Allerdings marschieren nur zwei Dutzend Kalabresen in Sapias Protestzug mit.

In seinem Büro zündet sich Geraci die xte Zigarette an. «Ich habe früher nie geraucht. Erst seit ich Bürgermeister bin, ging es los», sagt er schulterzuckend. Was er nicht sagt, ist, dass er seine Karriere einst bei den Neofaschisten begonnen hat. Heute reibt er sich dafür auf, minderjährige Flüchtlinge halbwegs ordentlich unterzubringen. Er beschlagnahmt dafür sogar Sportanlagen und Klassenzimmer seiner Bürger. Die ideologischen Fronten in Italien sind zusammengebrochen. Und das hat durchaus sein Gutes. Geraci zieht an der Zigarette, klickt mit dem Kugelschreiber und sagt: «Hoffen wir, dass diesen Sommer keine weiteren Schiffe kommen.» Glaubt er das? «Sie werden kommen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 20:43 Uhr

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