«Die meisten Kriege werden mit Kalaschnikow und Uzi ausgetragen»

Interview

Die Rüstungsindustrie erleidet Umsatzeinbussen. Doch deswegen wird die Welt nicht automatisch friedlicher, erklärt der Berner Friedensforscher Laurent Goetschel.

Kriege jenseits von Hightech: Islamistische Kämpfer in Somalia, angeführt von einem Teenager. (Foto: 1. Januar 2010)

Kriege jenseits von Hightech: Islamistische Kämpfer in Somalia, angeführt von einem Teenager. (Foto: 1. Januar 2010)

(Bild: Keystone Farah Abdi Warsameh)

Thomas Ley@thomas_ley

Herr Goetschel, die Umsätze der Rüstungsindustrie sind spürbar zurückgegangen. Ist die Welt auch entsprechend friedlicher geworden?
Leider kann man den Zusammenhang nicht so direkt machen. Die grossen Umsätze machen die Rüstungskonzerne ja mit Panzern, Flugzeugen, Drohnen oder Schiffen. Die meisten Konflikte, vor allem in Afrika, Asien oder Südamerika, werden aber mit Kleinwaffen ausgetragen. Mit Kalaschnikows und Uzis. Also mit Waffen, die schon lange im Umlauf und billig zu erwerben sind.

Hat sich denn gar nichts getan? Gibt es immer noch gleich viel Kriege wie in den 2000er- oder 90er-Jahren?
Das kommt darauf an, wie man misst. Nach einer weitverbreiteten Definition ist ein Krieg ein Konflikt zwischen Staaten und fordert mindestens tausend Tote im Jahr. Die Zahl solcher Kriege ist markant zurückgegangen. Die Zahl bewaffneter Konflikte jedoch ist mehr oder weniger konstant geblieben, wenn wir Bürgerkriege und Vertreibungen hinzuzählen – sowie das, was man im Westen Terrorismusbekämpfung nennt: also die Drohnenschläge gegen Gruppen in Somalia, Pakistan oder Afghanistan.

Aber ob Kalaschnikow oder Panzer: Ist es nicht logisch, dass es weniger Krieg gibt, wenn weniger Kriegsgerät verkauft wird?
Nicht unbedingt. Das Waffenpotenzial sagt vor allem etwas aus über die Möglichkeit, einen Krieg zu führen, weniger über dessen Wahrscheinlichkeit. Erinnern Sie sich an den Kalten Krieg. Oder nehmen Sie die Schweiz: Jahrzehntelang hatten wir ein riesiges Waffenpotenzial pro Kopf, aber bekanntlich gab es bei uns keinen Krieg.

«Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor», sagten die Römer.
Aber seit den Römern haben wir uns ja etwas weiterentwickelt. Ich kenne jedenfalls keine Studie, die einen eindeutigen Zusammenhang herstellt zwischen Waffenmenge und Frieden oder zwischen dem Umsatz der Rüstungsindustrie und Konflikten. Der Zweck von Waffen, wie viel produziert und akquiriert wird, ist immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext zu sehen.

Es gibt Zyniker, die sagen, dass es periodisch Kriege gebe, um die angehäuften Waffen zu vernichten und Platz für neue zu schaffen. Darum würden auch Kriege wie der Irakkrieg 2003 vom Zaun gebrochen, gegen die Uno und den Willen der Weltgemeinschaft.
Man kann es sogar noch zynischer sehen: Kriege sind das beste Schaufenster der Waffenindustrie. Sie sind quasi, was die Formel 1 für die Rennautoindustrie ist. Aufrüstung ist ja eigentlich eine tote Ausgabe. Sie schafft kurzfristig Arbeitsplätze, aber wenn ihre Produkte eingesetzt werden, werden riesige Werte vernichtet.

Ist das kein Teufelskreis? Staaten schaffen die Nachfrage, subventionieren das Angebot und benutzen die Produkte.
Ja, man könnte meinen, es sei ein geschlossener Kreislauf, aus dem wir nicht ausbrechen können. Aber so einfach – oder so aussichtslos – ist es nicht. Erstens entsteht die Nachfrage nach Waffen nicht einfach so. Beim Irakkrieg ging es auch um natürliche Ressourcen, also um Öl, und um regionale Machtpolitik. Es gibt immer Rüstungsinteressen im Hintergrund, aber sie sind nur ein Rädchen. Aber weil es solche Machtinteressen gibt, erreichen wir auch friedenspolitische Erfolge. Wir können die Ursachen für Konflikte beseitigen. Oder wir können gewisse Waffengattungen ächten: zum Beispiel Personenminen, Streubomben oder biologische Waffen.

Die Rüstungsindustrie hofft ja auf bessere Geschäfte mit Hightech, also etwa mit Drohnen. Ist das friedenspolitisch gesehen womöglich ein Fortschritt? Lieber «chirurgische» Drohnenschläge als jahrzehntelange flächendeckende Gemetzel mit Gewehren?
Nein, aus friedenspolitischer Sicht sollte man nicht eine Waffengattung gegenüber einer anderen bevorzugen. Militärische Optionen können immer nur eine Übergangslösung sein. Und wir beginnen erst, die Folgen dieser sogenannten Hightech-Kriege zu diskutieren. Sie verändern in unheimlicher Weise den Umgang mit Gewalthandlungen; wenn irgendwo in Texas in einem Bunker jemand per Knopf jemanden in Somalia abschiesst. Stellen Sie sich einmal vor, wie das auf eine Bevölkerung wirkt, wenn es aus heiterem Himmel Tod und Zerstörung hagelt, während man in den entwickelten Ländern nicht einmal darüber spricht. Hightech-Kriege haben das Potenzial, zu einer ganz neuen Verrohung zu führen.

Das klingt pessimistisch.
Es sind neue Herausforderungen. Das Rote Kreuz wird dieses Jahr 150 Jahre alt und stellt fest, dass es viele seiner Instrumente im Umgang mit Konfliktparteien überarbeiten muss. Die heutigen Akteure tendieren immer mehr dazu, internationales Recht zu missachten: Nichtstaatliche terroristische Gruppen empfinden das Recht als Machtinstrument des Westens – und der Westen folgert daraus, dass er das Recht auch nicht mehr achten muss, wenn es seine Gegner nicht tun. Es wird eine schwierige Zeit.

DerBund.ch/Newsnet

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