Der syrische Traum vom sorglosen Leben

Viele bringen ihre Familien mit allerlei Gelegenheitsjobs durch, andere essen Crevetten und tanzen zu Techno. Und Assad sitzt im siebten Kriegsjahr fest im Sattel.

Erholung am Mittelmeer: Syrische Familien am Strand von Wadi Qandil nördlich von Latakia. Foto: Joseph Eid (AFP)

Erholung am Mittelmeer: Syrische Familien am Strand von Wadi Qandil nördlich von Latakia. Foto: Joseph Eid (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abu Ahmed hat sein Kinn auf die Hände gestützt, die über dem Lenkrad seines weissen Lieferwagens liegen. Er wartet auf Kundschaft. Sein Gesicht ist von Russ geschwärzt, seine Jeans, der Pullover, die Hände sind es auch. Abu Ahmed lebt von Gelegenheitsfahrten in den Strassen von Ostaleppo. Was immer in seinen Wagen passt, der kleine drahtige Mann transportiert es: Zementsäcke, Möbel, Maschinen, Schafe, manchmal auch ganze Grossfamilien.

Denn langsam kehren die Menschen zurück in den Teil der Stadt, den die syrischen Rebellen jahrelang beherrschten. Einst haben hier 1,5 Millionen Menschen gelebt, Aleppo war Syriens zweitgrösste Stadt. Heute, schätzt die UNO, wohnen im Ostteil 300'000 Menschen, der Westteil blieb weitgehend unversehrt und unter Kontrolle des Regimes. Abu Ahmed war Schuhmacher, aber seine Werkstatt wurde zerbombt. Der Vater dreier Söhne und einer Tochter schlägt sich als Fahrer durch.

Das Geschäft läuft schlecht, manchmal wartet Abu Ahmed Stunden. Vor einem zusammengebombten Wohnblock steht er neben anderen Fahrern. Womöglich liegen noch Menschen unter dem Haus begraben, vermutet er, aber niemand hat die Trümmer abgetragen, obwohl der Krieg längst weitergezogen ist. Abu Ahmed zieht an seiner Zigarette und erzählt, dass die Rebellen den Menschen das Rauchen verboten, aber die konfiszierten Zigaretten teuer weiterverkauft hätten. Um ihn und die anderen Fahrer herum verkaufen Gemüsehändler Tomaten, Gurken, Auberginen, Frühlingszwiebeln, Orangen und Granatäpfel. Es sind die einzigen Farbtupfer im Grau der Ruinen von Aleppo.

Aufpasserin ist immer dabei

«Die Krise», sagt einer der Fahrer. Man hört dieses inhaltsleere Wort oft, wenn die Menschen von Belagerung und Bombardement erzählen. Seltsam distanziert, als wären es nicht sie selbst, die all das durchlitten haben, die Explosionen, die Trümmer, das Sterben. Vielleicht trauen sie sich aber auch nicht, offen zu reden, denn eine junge Aufpasserin des Informationsministeriums, eine glühende Verehrerin des syrischen Präsidenten, begleitet den Journalisten auf Schritt und Tritt.

Um in das Syrien Bashar al-Assads zu reisen, braucht man auch im siebten Jahr des Bürgerkriegs ein schwer zu bekommendes Visum; Bürokratie und Überwachung funktionieren bis heute. Sechs Anträge seit 2014, inklusive Höflichkeitsbesuche beim Gesandten Assads in Berlin. Warum es am Ende klappt, bleibt unklar. Das Informationsministerium muss jede einzelne Station der Reise genehmigen: Damaskus, die Hauptstadt, in der junge Syrer allabendlich in Bars und Clubs feiern. Aleppo, Symbol für Belagerung und Bombenkrieg. Homs, zerstörte Hochburg der Rebellen, die zum Vorbild für den Wiederaufbau werden soll. Und Latakia, die vom Krieg verschonte Strandstadt am Mittelmeer, in der man auch in Kriegszeiten Partys feiern kann.

Die letzten Kilometer nach Aleppo führen über eine sechsspurige, frisch asphaltierte Schnellstrasse. Auf dem Mittelstreifen Palmen und Plakate, die einen gütig lächelnden Bashar al-Assad zeigen, einen Landesvater in Denkerpose, mit der Hand am Kinn. Sein Regime kommt dem Ziel näher, dass die Armee über jedem Quadratzentimeter Syriens Flagge hisst. Schon jetzt kontrolliert sie wieder alle grossen Städte und mehr als die Hälfte des Landes.

«Ich wollte, dass wir alle sterben, wenn es unser Haus trifft.»Abu Ahmed, Schuhmacher aus Aleppo

Was ist das heute für ein Land, in Teilen zerstört, eine halbe Million Menschen getötet, die Hälfte aller Syrer geflohen? Wie kann eine Zukunft aussehen nach sechs Jahren Gewalt, Verrohung, Zerstörung und Vertreibung?

Abu Ahmed, der Schuhmacher und Gelegenheitsfahrer aus Aleppo, möchte seinen richtigen Namen nicht nennen, es ist die Bedingung für ein Gespräch, das zufällig unbeobachtet bleibt. «Wir haben Angst, immer noch», sagt er und schaut sich um. Wer unter den Rebellen gelebt hat, stehe «unter Verdacht». Mit seiner Familie wohnt er in einem Zimmer in einem halb zusammengestürzten Haus. Wasser bekommt er an einer Zisterne, Strom nur stundenweise, vom Generator, für teures Geld. «Aber wir haben wieder zu essen!», sagt er.

Bevor er Essen für seine Familie kaufen kann, muss er den Besitzer seines Miettaxis bezahlen und das Benzin. Manchmal hat er Glück und bekommt Hilfspakete mit Lebensmitteln. Wie er seine Familie durch den Winter bringen soll, weiss er nicht. In Ostaleppo verteilt die Regierung Heizöl, 200 Liter pro Familie. Das reicht fürs Erste, um kleine Metallöfen zu befeuern, die sie während der Kriegswinter mit zerhackten Möbeln gefüttert haben oder mit Plastik. Die Rebellen, sagt er, hätten ihnen nur ein Fladenbrot pro Kopf und Tag gegeben, aber selber hätten die Aufständischen immer genug zu essen gehabt. «Papa, kann ich ein Stück von dir haben?», habe ihn seine Tochter oft gefragt. Kurz stockt er, seine Augen füllen sich mit Tränen.

«Wir haben Menschen ohne Arme gesehen, ohne Beine, ohne Kopf.»Abu Ahmed, Schuhmacher aus Aleppo

Abu Ahmeds Erinnerungen sind wahr gewordene Albträume. «Wir haben Menschen ohne Arme gesehen, ohne Beine, ohne Kopf.» Die Soldaten hätten auf alles geschossen, was sich bewegt, die Rebellen hätten Zivilisten als lebende Schutzschilde missbraucht. Wenn die Kampfjets kamen, habe die ganze Familie dicht zusammengekauert. «Das Gefühl ist unbeschreiblich», sagt er. «Ich wollte, dass wir alle zusammen sterben, wenn es unser Haus trifft.» Er habe Allah angefleht um das Leben seiner Kinder, aber ihn manchmal um den Tod gebeten. «Wir waren glücklich, wenn die Bomben die Rebellen trafen», sagt er. «Aber das war nicht immer der Fall.»

Abu Ahmed ist froh, dass seine Tochter wieder nach dem staatlichen Lehrplan unterrichtet wird, unter den Rebellen gab es nur Koranunterricht. Sie ist zwölf, geht aber erst in die dritte Klasse. Sie könne syrische MiG-23-Kampfjets von russischen Suchoi Su-24 unterscheiden, Granattreffer von Bombeneinschlägen. Aber lesen und schreiben, das könne sie kaum: 1,75 Millionen Kinder gehen in Syrien nicht in die Schule. Vor ein paar Tagen sei das Mädchen verstört vom Unterricht in den weissen Containern heimgekommen, die das UNO-Kinderhilfswerk Unicef aufgestellt hat. Die Lehrerin habe gefragt, wer die Schule zerstört habe, und dann selbst geantwortet: «Die Terroristen!» Die Kinder mussten es wiederholen. «Aber Papa», sagte die Tochter zu Hause, «die Flugzeuge hat doch Bashar geschickt!»

Vor der berühmten Zitadelle von Aleppo haben wieder Cafés aufgemacht. Die Menschen geniessen die letzten warmen Herbsttage, Wasserpfeife, Tee, Limonade. «Wir Syrer lieben das Leben», sagt ein junger Mann. «Das syrische Volk ist stark. Osmanen, Franzosen, niemand hat uns auf die Knie gebracht.» Der Krieg, auch für ihn eine einzige Verschwörung von Türken und Amerikanern, Briten, Franzosen, den Golfstaaten. Und natürlich den Juden, also Israel. So klingt Assads Propaganda – aber was soll der junge Mann sagen, wenn er davon ausgehen muss, dass das Regime bleibt? Aus dem Mund von Abu Ahmed klingt dies, gefasst in ein syrisches Sprichwort, so: «Es ist einfacher, mit dem Teufel umzugehen, den man kennt, als mit dem, den man nicht kennt.»

Vielen Syrern erscheint das Regime inzwischen als kleinstes Übel, als einzige Hoffnung auf ein halbwegs normales Leben. So normal das Leben eben sein kann in einem Polizeistaat, in dem Zehntausende Menschen in Folterknästen verschwunden und gestorben sind und es weiter tun. Schon Assads Vater, Hafiz al-Assad, zeigte kein Erbarmen. 1982 schickte er Panzer gegen die rebellischen Muslimbrüder in Hama. Zwischen 10'000 und 30'000 Menschen starben, die Stadt wurde zerstört. Sein Sohn folgt seit Beginn des Aufstands im Frühsommer 2011 derselben Strategie: «Assad für immer, oder wir brennen das Land nieder!» Genau das hat er getan. Jetzt soll der Wiederaufbau folgen. Jedes dritte Wohnhaus im Land ist laut Weltbank beschädigt oder zerstört, in Aleppo liegen 35'700 Gebäude in Teilen oder ganz in Trümmern. Nur jede zweite Schule und weniger als die Hälfte der Spitäler sind noch in Betrieb. Die Kosten für den Wiederaufbau werden auf 100 bis 350 Milliarden US-Dollar geschätzt, es könnte aber auch weit mehr sein.

Diese Summen werden weder Assad noch der russische Präsident Wladimir Putin noch der Iran aufbringen. Russische Unterhändler umwürben die EU, sich am Wiederaufbau zu beteiligen, sagen Diplomaten. In den Wiederaufbau einzusteigen, bedeutet aber, ein Regime zu unterstützen, das sein eigenes Land in Trümmer gebombt hat – und die Taschen korrupter Oligarchen zu füllen, die Assad verbunden sind. Einen Regierungswechsel zur Bedingung für Hilfe zu machen, wie es die Position der EU ist, bedeutet aber, dass es einen Wiederaufbau so schnell nicht geben wird – und damit, dass Flüchtlinge keinen Anreiz sehen, in die ausgebombte Heimat zurückzukehren. Das kann den Europäern auch nicht recht sein.

Mustafa Kurdi ist in der Altstadt von Aleppo geboren und in den engen Gassen aufgewachsen. Es gibt nun einen Plan der Regierung, unterstützt von der UNO, der Altstadt wieder zu Glanz zu verhelfen, seit 1986 ist sie Weltkulturerbe. Doch die Front verlief mitten hindurch, 30 Prozent der Altstadt sind zerstört, 60 Prozent schwer beschädigt. Nicht mal Vögel zwitschern.

Ein Minarett für die Seelen

Der Suk al-Medina war der grösste überdachte Basar im Nahen Osten, 13 Kilometer verwinkelter Gassen, mit Tausenden Läden, Buden, Kellern, Höfen; Karawansereien wechselten sich ab mit orientalischen Hamams und verrauchten Teehäusern, in denen traditionelle Geschichten- und Märchenerzähler die Gäste abendelang unterhielten. Darüber spannten sich 400 Jahre alte Gewölbe. Das Labyrinth aus «Tausendundeiner Nacht» wurde 2011 zum Schlachtfeld: Die Rebellen schlugen Breschen in die Wände, um sich bewegen zu können, wandelten Werkstätten und Manufakturen in Waffenschmieden um; dort schweissten sie primitive Granatwerfer und Geschütze zusammen, mit denen sie dann die Assad-Soldaten in den umliegenden Gassen beschossen.

Kurdi (57) ist beim Religionsministerium, ein freundlicher Herr in Anzughose und frisch gebügeltem Hemd. Er sagt über die Kriegsjahre, die er in der Altstadt verbracht hat: «Wir haben fünf Jahre wie in einer Teekanne eingesperrt gelebt.» Aus einem Rohr schiesst ein dünner Wasserstrahl in die goldene Sonne. Die Stadtverwaltung versucht, die Hauptleitung herzurichten, schüttet Bombenkrater zu, lässt Strassen teeren. Tiefer im Gassengewirr liegen die Trümmer meterhoch. An Strassen, die geräumt sind, haben Bewohner Kalksteinblöcke aufgeschichtet, Steinmetze hatten sie vor Jahrhunderten mit Ornamenten verziert. Die Menschen wollen ihre Häuser so aufbauen, wie sie waren – in der Hoffnung, ihr altes Leben zurückzubekommen. «Hier sass man bei Tee oder Kaffee im Schatten auf der Strasse zusammen», sagt Kurdi. Es war egal, ob einer Sunnit war, Alawit oder Christ. «Es geht nicht nur darum, die Häuser herzurichten», sagt er. «Wir brauchen den Wiederaufbau für unsere Seelen.»

Das gilt auch für ihn. Das Minarett der Umayyaden-Moschee, 715 erbaut, ist seine Mission. Der Turm ist in den Innenhof gestürzt, geblieben ist nur ein Haufen Steine. «Die Terroristen haben das Minarett gesprengt», sagt Kurdi, eine Granate der Armee habe es getroffen, behaupten die Rebellen. Kurdi soll den Turm rekonstruieren, die Metallstreben eines Krans liegen bereit. Damit erhält Kurdis Leben wieder einen Sinn. Sein Gehalt ernährt ihn kaum. 50'000 syrische Pfund waren vor dem Krieg 1100 Dollar. «Syrien war ein Land der Mittelklasse», sagt er. «Heute gibt es nur noch sehr viele, die arm geworden sind. Und einige wenige sind sehr reich geworden.» Er gehört zu den Armen, 50'000 Pfund sind nur noch 100 Dollar wert. Aber er hofft auf eine Zukunft. «Wenn wir das Minarett aufgebaut haben, wird es ein Leuchtturm sein. Dann kommen die Leute zurück.»

Ruinen und Zerstörung: Ein Strassenzug im Ostteil von Aleppo. Foto: Hassan Ammar (Keystone, AP)

Das Vorbild für den Wiederaufbau von Aleppo, ja von ganz Syrien soll Homs sein. So will es die Regierung. Also zurück durch die Wüste, über notdürftig geteerte Strassen voller Schlaglöcher, in die einstige Hochburg des syrischen Aufstands. Die Fahrt endet in einer menschenleeren Stadt. Gestrüpp spriesst zwischen Ruinen, halb Homs liegt in Trümmern. Doch der Basar ist weitgehend wiederhergerichtet. 850 Läden gab es, die ältesten sind aus mamlukischer Zeit, 40 Geschäfte haben schon wieder eröffnet.

Talha Sargine (48) war einer der Ersten, die in den Suk zurückkehrten, vor eineinhalb Jahren. Sargine zeigt ein gewinnendes Lächeln zwischen dem ergrauten Haar und dem sauber gestutzten Bart, in seinem grün-weiss-blau gestreiften Pullover steht er hinter der Theke voller Gläser, Tüten und Schachteln mit Bonbons. Seit hundert Jahren stellt seine Familie Süssigkeiten her, berühmt geworden ist sie mit ihrem Caramel, dem mit den Haselnüssen. Eigenes Caramel findet sich heute keines auf der Theke, der Händler sagt: «Die Caramelmaschine wurde geklaut.»

Kein Platz für Rückkehrer

Kürzlich, sagt Sargine, seien ausländische Geschäftsleute gekommen, ein Chinese und ein Malaysier. Für ihn zeigt das, es geht aufwärts. Warum sonst, fragt er, hätten sie die weite Reise gemacht? Sie wollten ihm Aromastoffe verkaufen, aber «wir machen unsere Süssigkeiten nach alten Rezepten aus Milch, Zucker, Kakaobutter, Pistazien und Nüssen – nicht aus Chemie. Auch wenn das billiger wäre.»

In Sargines Süssigkeitenladen verirrt sich sonst kaum jemand, die Viertel rund um den Suk liegen in Trümmern, viele Menschen sind tot, andere geflüchtet. Ob diese zurückkehren? Die Regierung gibt angeblich keine Einreisegenehmigungen aus, Studien internationaler NGOs und Stiftungen legen nahe, dass dies aus politischen Gründen geschieht. Viertel, die sich gegen Assad erhoben hatten, gegen das von Alawiten dominierte Regime, hätten keinen Vorrang beim Wiederaufbau. Oder sie sollen so aufgebaut werden, dass für die einstigen Bewohner, viele von ihnen Sunniten, kein Platz mehr ist. Die Pläne legt die Regierung in Damaskus fest. Danach müssen sich die internationalen Organisationen richten. Es wäre eine zweite Bestrafung nach dem Bombardement, der Versuch, die Zusammensetzung der Bevölkerung zu verändern.

Fahrt nach Latakia, in die Küstenstadt am Mittelmeer, die vom Krieg weitgehend verschont geblieben ist. Sie liegt im Siedlungsgebiet der Alawiten, jener schiitischen Glaubensrichtung, der auch Assads Familie angehört. Je näher man dem Herzland des Regimes kommt, desto strenger werden die Kontrollen an den Checkpoints, ab hier werden sogar Journalisten vom Militär eskortiert. Kürzlich hat die Armee einen Selbstmordattentäter in einem Lastwagen voll Sprengstoff gestoppt.

«Die Menschen haben genug vom Krieg, sie wollen feiern.»Said, Manager der Eighties-Bar, Damaskus

Die Hafenstadt mit ihren palmenbestandenen Boulevards und Fünfsternhotels ist Sommersitz reicher Damaszener und Aleppiner. «Die Stadt boomte schon vor dem Krieg, da kamen auch Europäer», sagt Tourismusmanager Firas Wardeh. Zwar seien «seit der Krise» die Einnahmen um 60 Prozent eingebrochen, dennoch wachsen Apartmenttürme in den Himmel.

Vor dem Restaurant The View stehen Limousinen, Mercedes und BMW, in der Schweiz kosten solche Autos sechsstellige Summen. The View ist der Treffpunkt für Syriens Elite, für Geschäftsleute, Politiker und Angehörige des Assad-Clans, früher kam der Präsident oft zum Essen. Auch unter der Woche sind die Tische mit den Korbsesseln noch spät besetzt. Hier sitzen Geld, Einfluss und Beziehungen mit am Tisch, jeder Krieg kennt Gewinner. Die Frauen tragen hautenge Kostüme, gehen auf hochhackigen Pumps und lächeln mit aufgespritzten Lippen, die Herren wiegen ihren Wohlstandsbauch im aufgeknöpften Hemd, lassen Whisky kreisen. Ein Kilo Crevetten kostet im The View 22'000 Pfund, 50 Franken. Das ist der Monatssold eines Soldaten.

Latakia ist berühmt für ausschweifende Partys im Sommer. Aber jetzt ist die Saison vorbei. Das Café Moscow, das der Inhaber aus Dankbarkeit für Putins Eingreifen in den Bürgerkrieg sogenannt hat, ist praktisch leer. Putins Soldaten selbst sind nicht weit vom Café Moscow entfernt, die russische Luftwaffe hat bei Latakia einen Stützpunkt, zwei Kampfhelikopter schweben über die Küstenautobahn auf den Airport zu. Geld sucht Sicherheit, und Moskaus Truppen, Flugzeuge und Schiffe bringen diese Sicherheit. 70 Kilometer südlich, in Tartus, liegt die russische Marine. Auch sonst sind die Russen zu sehen: Der Verkehr stockt; ein Konvoi olivfarbener Lastwagen, einer ist liegen geblieben. Die Tieflader haben Kisten mit kyrillischer Aufschrift geladen, Artilleriegranaten: Nachschub für den Krieg in den Vororten von Damaskus.

Der Weg in die Hauptstadt führt über den Qasioun-Berg vorbei am Präsidentenpalast; in den fast sieben Jahren des Kriegs konnte Assad immer auf seine in Teilen friedliche und in Teilen umkämpfte Stadt hinunterschauen. Das Drehrestaurant des Cham Palace Hotel heisst L’Etoile d’Or und verströmt den Charme der Siebziger. Livrierte Kellner servieren französische Küche, aus den Lautsprechern klingen Chansons. Über dem Restaurant düsen Kampfjets, drinnen ziehen reiche Damaszener an Wasserpfeifen.

Hungernde Bevölkerung

Vom Drehlokal aus kann man die Stadt überblicken, in zwei Stunden bewegt es sich einmal um volle 360 Grad. Am Horizont steigen Rauchpilze in den orangeroten Himmel, dumpfe Schläge dringen ins gediegene Ambiente. Es sind die Bomben der Jets, die die östlichen Vororte angreifen. Dreieinhalb Kilometer Luftlinie sind es, im Cham Palace nimmt niemand Notiz. Da hinten liegt Ostghouta, 400'000 Menschen sind laut UNO in der Vorstadt eingeschlossen, die Armee hat das Gebiet 2012 abgeriegelt. Seither gelangen kaum Hilfslieferungen hinein, die Bevölkerung hungert. Im Weinregal des L’Etoile d’Or liegt Gewürztraminer aus dem Elsass, Jahrgang 1990.

Offiziell ist Ostghouta eine Deeskalationszone, von Russland überwacht, doch von Waffenruhe ist nichts zu spüren. Das Restaurant dreht sich, andere Stadtviertel kommen in Sicht. Feierabendstau am Donnerstag, Beginn des Wochenendes. Das Leben in anderen Teilen von Damaskus geht seinen Gang, als gäbe es keinen Krieg. Im Suk al-Hamidiya bei der Umayyaden-Moschee drängen sich die Menschen, shoppen, schlecken Glace. Auf der Geraden Strasse in der Altstadt stehen am Abend die Autos Stossstange an Stossstange, junge Menschen bevölkern Bars, es ist der Beginn einer langen Nacht.

Said ist beim ersten Wodka-Red-Bull auf Eis. Er ist Manager der Eighties-Bar. Er sagt: «Die Menschen haben genug vom Krieg. Sie wollen leben, feiern. Vor allem donnerstags und freitags. Und am Sonntag, Montag, Dienstag . . .» Said nippt am Wodka-Red-Bull, klickt auf dem Laptop den nächsten Titel an. Zaz, französische Gute-Laune-Musik. Später wird er Berliner Techno spielen und arabischen Pop. Die Menschen werden tanzen bis morgens um fünf. Sie wollen vergessen, sich betäuben, nicht mehr gelangweilt sein. Drei Dutzend neue Läden hätten in den vergangenen zwei Jahren aufgemacht, sagt Said.

Vor dem Club hört man, trotz der wummernden Bässe, Geschütze, aber niemand zuckt zusammen. In den Nachrichten ist es eine Randnotiz, dass an diesem Tag in Damaskus acht Menschen getötet wurden, Rebellenbeschuss. Niemand schaut mehr vor dem Ausgehen auf die «Yomyat Kzefeh Hawen Fi Dimashq», das «Tagebuch einer Mörsergranate in Damaskus». Die Seite dokumentiert alle Zwischenfälle in den Regierungsgebieten. Lange war sie der einzige Anhaltspunkt dafür, ob man das Risiko rauszugehen eingehen soll.

Bald gibt es viel zu verdienen

Ein paar Strassen weiter, in Bab Tuma, füllt sich das Restaurant Selina im Hof eines alten Osmanenhauses. Das Lokal ist bekannt für seine Vorspeisen, serviert von einem muslimischen Inhaber, samt Alkohol, im Christenviertel. Sänger Ahmad Nashid macht mit arabischen Schlagern aus den Siebzigern Stimmung, dann folgt ein Loblied auf Präsident Assad. Die Menschen springen von weiss gedeckten Tischen auf, klatschen im Rhythmus. Ein Soldatenlied wird verlangt. «Ich liebe dich, aber mehr noch liebe ich mein Maschinengewehr», so der Refrain. Es gibt kein Halten mehr. Paare tanzen, Männer grölen, Frauen trillern verzückt. Der Kellner bringt neuen Arak und Eis.

«Ich bin nicht mit dem Regime», sagt ein Manager, der für einen der reichsten Geschäftsmänner Syriens arbeitet, sein Chef steht auf einer der EU-Sanktionslisten. «Aber ich kann mit meinen Freunden hier Arak trinken.» Der Präsident sei ein guter Mann, gebildet. Er habe ihn ein paarmal getroffen. Er sagt das ohne jede Ironie.

Auch das Geschäft laufe, trotz Sanktionen, versichert er. «Wir bauen Fabriken, Stahl- und Zementwerke.» Mitte nächsten Jahres, schätzt er, werde der Krieg zu Ende sein. «Und dann werden wir sehr, sehr viel Geld verdienen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 20:46 Uhr

Artikel zum Thema

Die Kosten des Krieges

Seit sechs Jahren wird in Syrien gekämpft. Der Bürgerkrieg kostete das Land bisher 218 Milliarden Franken. Das ist erst der Anfang. Mehr...

Iss oder stirb

Porträt Auf ihrem langen Weg über Jordanien nach Deutschland wurde aus der geflohenen Syrerin Malakeh Jazmati eine grosse Köchin. Eine Geschichte über Revolutionen, die durch den Magen gehen. Mehr...

«Was in Syrien passiert, ist sehr, sehr frustrierend»

Interview Die Präsidentin des Internationalen Strafgerichtshofes erklärt, warum sie Assad nicht anklagen kann – und was sich in den letzten 30 Jahren verändert hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Royale Brückenbauerin?: Kate besucht die neuen Brücke zwischen dem Hafen von Sunderland und der Stadtmitte. Sie traf Ingenieure, die betroffene Bevölkerung und die beschäftigten Bauarbeiter. (21. Februar 2018)
(Bild: Chris Jackson/Getty Images) Mehr...